[Rezension] "Der Zopf" - Laetitia Colombani

Der Zopf - La Tresse - Laetitia Colombani - S. Fischer - 288 S. 
- 20,00€ - ISBN: 978-3-10-397351-8

Achtung: Lest nicht die Inhaltsangabe. Die verrät im Grunde schon die ganze Handlung.

"Der Zopf" von Laetitia Colombani erzählt die Geschichte dreier Frauen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Da wäre zum einen Smita, die eine Dalit ("Unberührbare") ist und somit im Kastensystem Indiens ganz unten steht - und um ihrer Tochter willen raus will. Giulia ist auf Sizilien gezwungen, die Perückenfabrik ihres Vaters am Leben zu erhalten. Und Sarah, eine Spitzenanwältin in Montreal, sieht sich mit einem unumgänglichen Schicksalsschlag konfrontiert. Auf nicht mal 300 Seiten erfahren wir einige Momentaufnahmen dieser Frauengeschichten und wie diese miteinander verbunden sind. 

Das Buch zeigt gekonnt, dass Emanzipation ganz unterschiedliche Formen haben kann. Die kapitelweise wechselnden Perspektiven waren allesamt spannend und, bis auf einen Strang, nicht männerzentriert. Nur bei Giulia ging es zwischendurch doch um einen Mann - wobei dieser den Verlauf ihrer Geschichte nicht beeinflusste, was zunächst positiv sein könnte. Allerdings ist ihr Liebhaber ein Sikh, den sie nicht wirklich kennt oder kennenlernt und der sie nur aufgrund seines Aussehens und Auftretens anzieht. Sie beginnen eine Liebesbeziehung, in der sie gefühlt non-stop über seine dunkle Haut und seine langen schwarzen Haare schwärmt - ich habe das Ganze als Exotisierung und Fetischisierung empfunden und hätte gut drauf verzichten können. 

Dennoch schafft es "Der Zopf", ganz unterschiedliche Punkte anzukratzen, die Bestandteil der heutigen misogynen und patriarchalen Welt sind. Es geht um Bildung, Karriere, Leistungsdruck, Krankheit, Bevormundung, Perspektivlosigkeit, Demütigung und vieles mehr. 
Dabei ist das Buch nicht sonderlich lang; auch die Kapitel sind es nicht. Colombani schafft es trotzdem mit wenigen Worten viele Gedanken anzustoßen. Die Momentaufnahme, die "Der Zopf" für mich ist, ist ihr gelungen. Umgehauen hat mich das Buch nicht, dafür hätte es doch etwas tiefer gehen und nicht den oben genannten Kritikpunkt enthalten dürfen  - aber es ist auf jeden Fall einen Blick wert. Ich habe es mit 3 von 5 Sternen bewertet. 

Für Giulia bedeutet Wasser Leben, ein Quell der Freude, der sich unablässig wandelt und erneuert, eine Form von Sinnlichkeit. Sie liebt es, zu schwimmen, zu spüren, wie ihr Körper durch das kühle Nass gleitet. Als sie Kamal eines Tages ins Wasser locken will, weigert er sich hartnäckig. Das Meer ist ein Friedhof, sagt er, und Giulia wagt nicht, nachzuhaken. Sie weiß nicht, was er erlebt hat, was das Wasser ihm genommen hat. Eines Tages wird er es ihr vielleicht erzählen. Oder auch nicht. S. 125

1 Kommentar

  1. Das Buch habe ich gestern in einer Buchhandlung in Wien gesehen :) lustig, und einen Tag später bei dir! Klingt nett, aber schwer zu beurteilen, wenn du mir verbietest, die Inhaltsangabe zu Lesen ;)
    Spaß! Wie immer, wunderbar geschrieben :*

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