[Rezension] "Im Glashaus gefangen zwischen Welten - Ein Leben zwischen zwei Kulturen" Devakumaran Manickavasagan

Im Glashaus gefangen zwischen Welten. Ein Leben zwischen zwei Kulturen - Devakumaran Manickavasagan - Engelsdorfer Verlag* - 188 S. - 11,50€ - ISBN: 978-3-86268-920-0

Content Note: Physische und psychische, sowie häusliche Gewalt

"Im Glashaus gefangen zwischen Welten" bietet einen Einblick in das Leben von Migranten, die ihre Heimat verlassen haben, um im Exil einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Am Beispiel der Jugend der in Deutschland lebenden Exil-Tamilen, zu denen er selbst gehörte, beschreibt der Autor Probleme und Hindernisse, die mögliche Gründe für eine verfehlte Integration sind. Von der einen Kultur in die andere gestoßen und in ihren Gefühlen verletzt, wissen sie oft nicht, wie ihr weiterer Weg verlaufen soll. Der Blick hinter die Kulissen ermöglicht betroffenen Migranten eine andere Sichtweise auf die Dinge und zeigt mögliche Wege auf.

Ich bin zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Mein Interesse an diesem Buch war also ganz persönlicher Natur. Leider konnte es mich nicht überzeugen. 

Der Autor versteht unter "Integration" - so der Eindruck, der durch das Lesen erweckt wird - eigentlich "Assimilation". Sprich, das Zurücklassen der kulturellen Besonderheiten, der Sprache, der Traditionen, des Umfelds, der Heimreisen... es ist die Art von vermeintlicher Integration, die vielerorts verlangt wird und die keine ist. Und lediglich zu lesen, dass die eine Kultur wegradiert werden und die andere angenommen werden sollte hatte für mich als 'Migrantenkind' leider keinerlei Mehrwert. Teilweise ist das, was die (tamilischen) Kinder hinter sich lassen sollten, durchaus enorm und erntet berechtigte Kritik - darunter zählen häusliche Gewalt, krasser psychologischer Druck und allerlei Zwänge. Allerdings sind das in meinen Augen kulturübergreifende Missstände, die mit der Annahme der deutschen Kultur nicht beseitigt sind. Der wiederholte Rat zur professionellen Hilfe ist positiv zu bewerten - allerdings ist das der Knackpunkt. Es sind psychologische und menschliche Missstände, keine spezifisch kulturellen, vor allem nicht, wenn die Absicht ist, am Beispiel einer Kultur mehrere Kulturen darzustellen. 

Ungenügend war auch, dass zwar Unterschiede zwischen der Behandlung von Mädchen und Jungen genannt, aber nicht weiter problematisiert werden. Dass dahinter sexistische / patriarchalische Strukturen stecken, wird nicht aufgegriffen - aber warum sonst sollte eine Feier hinlässlich der ersten Periode eines Mädchens stattfinden oder ein Mädchen weniger Freiheiten haben als ein Junge? Während dieser ungenügenden Darstellungen passiert es leider an einigen Stellen, dass der Autor selbst Alltagssexismus reproduziert. 

Stark mangelhaft war auch die Betrachtung der deutschen Kultur. Wenn das Buch lediglich ein subjektiver Bericht sein sollte, hätte ich nichts auszusetzen, da jeder Mensch andere Erfahrungen macht und diese unterschiedlich wahrnimmt. Allerdings hat es ja den Anspruch, für viele Migrantenkinder zu sprechen und diesen zu helfen - dabei bleibt die Kritik Deutschlands leider gänzlich außen vor. Die wenigstens Kinder mit Migrationshintergrund werden noch nie Erfahrungen mit Rassismus oder Othering gemacht haben und so freundlich, warmherzig und freiheitlich, wie das Land an vielen Stellen beschrieben wird, ist es leider auch nicht. Klar, wir haben es hier vergleichsweise sehr gut. Aber nur, weil es woanders schlimmer ist, sollten wir nicht aufhören, es hier auch besser machen zu wollen - und das geht eben nur durch Kritik. Migrantenkinder haben es nicht nur schwer, weil ihre Eltern anders aufgewachsen sind und das auf ihre Kinder münzen wollen. Sie haben es auch schwer, weil die deutsche Realität die andere Seite der Lebenswelt nicht anerkennt. Ein Buch, das sich an Migrantenkinder richtet, das solche Themen aber nicht aufgreift, ist leider nur für die wenigsten hilfreich. 

Nicht zuletzt hat mich auch der Schreibstil nicht einfangen können. Während er teilweise in Richtung Prosa und vermeintlich philosophische Gedanken abdriftet, ist er im nächsten Moment wieder belehrend und erschafft eine hierarchische Lehrer-Schüler-Situation mit eingeworfenen Fragen wie "Was merken wir an dieser Stelle?" (S. 35) und "Sagen Ihnen die Begriffe "Kapitalismus" und "Egoismus" etwas"? (S. 31). Der eher selbstüberzeugte und selbstdarstellerische Schreibstil erschafft den Eindruck, dass Fakten dargelegt werden, die beim zweiten Hinsehen allerdings stets ungenügend und nicht zu Ende gedacht sind. Nebenbei gibt es Teile, die sich nur noch sehr vage mit der eigentlichen Thematik beschäftigen: Kapitel mit Beziehungs- und Lebenstipps, Abschnitte, in denen die "Cyberwelt", das kommerzialisierte Weihnachtsfest oder die Fernsehlandschaft kritisiert werden, die jedoch eher Fehl am Platz erscheinen - möchte man doch einen Bericht über das Leben als Migrantenkind lesen und keinen Beziehungsratgeber. 

Von Migrantenkind zu Migrantenkind hätte ich selbstverständlich sehr gerne eine positive Rückmeldung gegeben - Hürden gibt es genug, man muss sich nicht noch gegenseitig welche stellen. Leider ist mir das nicht möglich, da ich meine Kritikpunkte nicht außer Acht lassen kann. Ein Buch über das Leben zwischen zwei Kulturen, über Migrantenkinder, das vieles aufgreift, aber das Essentielle außer Acht lässt. Eines, das unter "Integration" eigentlich "Assimilation" versteht und so sicher einigen Leuten gefallen mag, die sich ein Ablegen der "fremden" Kultur wünschen, mir leider weniger. Das, was intensiv behandelt wird, sind kulturübergreifende Missstände - eine Ausflucht aus psychologischer und körperlicher Gewalt ist wichtig, hat aber mit dem gewöhnlichen Leben von Migrantenkindern wenig zu tun. Für solche bietet das Buch leider keinen Mehrwert. 

1 Kommentar

  1. Hey,
    Habe noch nie von diesem Buch gehört, obwohl es eigentlich mega interssant klingt! Schade eigentlich, dass es dich letztendlich dann nicht so wirklich überzeugen konnte :/

    Liebe Grüße
    Lea

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