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[Rezension] "Unter Weißen" - Mohamed Amjahid

Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein - Mohamed Amjahid - Hanser* - 188 S. - 16,00€ - ISBN: 978-3-446-25472-5
Über unbewusste Privilegien und versteckten Rassismus – auch in Deutschland – aus der Perspektive von einem, der täglich damit konfrontiert ist.

Wie erlebt jemand Deutschland, der dazugehört, aber für viele anders aussieht? Mohamed Amjahid, Sohn marokkanischer Gastarbeiter und als Journalist bei einer deutschen Zeitung unfreiwillig "Integrationsvorbild", wird täglich mit der Tatsache konfrontiert, dass er nicht-weiß ist. Er hält der weißen Mehrheitsgesellschaft den Spiegel vor und zeigt, dass sich diskriminierendes Verhalten und rassistische Vorurteile keineswegs bloß bei unverbesserlichen Rechten finden, sondern auch bei denen, die sich für aufgeklärt und tolerant halten. Pointiert und selbstironisch macht er deutlich, dass Rassismus viel mit Privilegien zu tun hat – gerade wenn man sich ihrer nicht bewusst ist. via


Bereits der Titel von Amjahids Buch "Unter Weißen" kann plakativ, wenn nicht gar provokativ gelesen werden. Jene, die ein vereinfachtes - und dadurch falsches - Verständnis von Rassismus haben, könnten den Titel bereits als rassistisch verstehen, weil die Hautfarbe einer Gruppe markiert und bedrohlich anmutend formuliert wird. Gerade dann ist der Griff zu dieser Lektüre empfehlenswert, denn Amjahid deckt Stück für Stück auf, was Weißsein bedeutet und welche Privilegien es beinhaltet. Dies tut er, indem er Beispiele aus seinem alltäglichen Leben liefert. Die Einreise-Erschwernisse in unterschiedlichste Länder, die Annahme, er sei Geflüchteter und/oder spräche kein fließendes Deutsch oder rassistische Witze sind nur einige von den Beispielen, die er liefert, um das, was er ausdrücken möchte, zu verdeutlichen. Nämlich: unsere Gesellschaft privilegiert bestimmte Gruppen von Menschen und benachteiligt dafür andere. Amjahid lässt es sich nicht nehmen, hierbei auch die verschiedenen Dimensionen deutlich zu machen: wie ist das für Frauen of Colour? Wie für nicht-heterosexuelle Männer of Colour? Und wie macht sich Rassismus in der LGBT+-Community eigentlich bemerkbar?

Dabei geht es nicht um Rassist*innen, die mit Hakenkreuzen durch die Straßen patrouillieren. Es geht um den Rassismus, den alle bis zu einem gewissen Grad verinnerlicht haben und der sich durch Othering (/Andersmachung) und andere, ähnliche Praxen bemerkbar macht. Er nennt das Beispiel der "Nafris" und die Praxis des Racial Profiling, um seine Punkte zu verdeutlichen - ein Thema, das er lange Zeit für eine Reportage beim ZEITmagazin recherchiert hat. 

Amjahid würden manche besorgte Bürger*innen wohl als "Ausnahme" oder "gut integriert" bezeichnet. ErsguterAusländer. Aus einer Familie stammend, die sich die größten Mühen für die Bildung der Kinder gegeben hat und mit einer herausragenden Karriere als Journalist in Deutschland ist er wohl wirklich kein Repräsentant für alle People of Colour in Deutschland. Und doch bringt er anhand seiner eigenen Erfahrungen wichtige Punkte über Rassismus und Privilegien auf den Punkt und bietet einen Einstieg in das Thema, der kurz, knapp und dennoch prägnant ist. Dabei richtet sich das Buch primär an Weiße selbst und beinhaltet regelmäßige Selbsttests und Möglichkeiten zur Selbstreflexion. 

Einen kleinen Kritikpunkt hatte ich dennoch während des Lesens - einen auf hohem Niveau, das gebe ich zu. "Unter Weißen" bemüht sich um intersektionale Perspektiven, das erwähnte ich oben schon. An einer Stelle hätte ich mir gewünscht, dass Amjahid mehr darauf geachtet hätte, ableistischen Sprachgebrauch zu vermeiden. Auf den Seiten 116/117 werden die Formulierungen "beinahe shizophrenes Verhalten" und "dumm" in Kontexten verwendet, die das nicht unbedingt verlangen und für die es bessere Umschreibungen gegeben hätte. 


Ansonsten habe ich jedoch rein gar nichts auszusetzen und empfehle "Unter Weißen" ausnahmslos weiter - insbesondere an jede*n weiß-deutschen Leser*in dieser Rezension, aber auch an alle anderen, die einen Einstieg in diese Thematik suchen. Mohamed Amjahid erlebt Rassismus und Benachteiligung in Deutschland und erklärt in diesem Buch, wie wenig das mit Einzel- und Zufällen zu tun hat und wie sehr mit grundlegenden Strukturen unserer Gesellschaft. Ein Muss! 

★★★★★

Kommentare

  1. Huhu!

    Das klingt nach einem sehr wichtigen, interessanten Buch. Da ich Freunde in Amerika habe, die POC sind und darüber hinaus zum Teil der LGBT+-Community angehören, habe ich mich mit dem Thema "priviledge" schon ausgiebig beschäftigt, wobei ich das als weiße Frau in einer heterosexuellen Ehe natürlich bei aller Liebe zu meinen Freunden nur von außen betrachten kann. Bevor ich sie kennenlernte, war ich mir gar nicht wirklich bewusst, wie sehr Privilegien oder der Mangel daran das Leben vieler Menschen bestimmen – weil man sich der Privilegien, die man selber genießt, nicht bewusst wird. Deswegen sind solche Bücher wichtig!

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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