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Ableismus und ableistische Sprache - warum wir "dumm" und "Idiot" vermeiden sollten

Der Post ist eigentlich schon grundsätzlich problematisch, weil ich als Nichtbetroffene über das Thema spreche. Ich bin mir dessen und der Tatsache, dass ich auf dem Gebiet keine Expertin bin, bewusst. Mein Anspruch ist auch nicht, alles in Bezug auf Ableismus abzudecken. Was mein Anspruch ist: Bloggerkolleg*innen zum kritischeren Lesen zu animieren und dafür ein paar Anhaltspunkte zu liefern. (Leider kenne ich keine deutsche Buchbloggerin, die als Betroffene auf die Problematik aufmerksam macht.) Zuletzt schrieb ich über Rassismus. Demnächst soll es um Intersektionalität gehen. Dafür ist es unabdingbar, Ableismus zu umreißen. Ich habe mich bemüht, möglichst auf betroffene Stimmen und Beiträge aufmerksam zu machen. Falls ich trotzdem scheitere, weist mich gerne darauf hin. Weil ich es aber richtig und wichtig finde, darüber zu reden, habe ich mich dagegen entschieden, den Post ganz sein zu lassen. 

Mehr als ein Monat ist vergangen, seit wir über Rassismus geschnackt hatten. Die dort beschriebenen Herrschafts- und Machtmechanismen sind in abgewandelter Form auch auf weitere Ismen anwendbar - dabei denke ich an (Cis-)Sexismus, Klassismus und, das Thema des heutigen Beitrags, auch an Ableismus bzw. Ableism. Das leitet sich vom Verb "(to) be able to (do sth.)" aus dem Englischen ab, also zu etwas fähig sein. Ableismus beschreibt die diskriminierenden Strukturen, denen Menschen mit Beeinträchtigungen tagtäglich ausgesetzt sind ebenso wie die Konstrukte um die Kategorie "Behinderung". Der deutsche Begriff Behindertenfeindlichkeit fasst allerdings nicht alles zusammen, was Ableismus meint. Ableismus bezieht sich auf die Fähigkeiten eines Menschen, seien es Beeinträchtigungen oder nicht, die der Mehrheits- und Leistungsgesellschaft nicht genügen. Es sind oft nicht direkt erkennbar Feindlichkeiten, sondern bestimmte Narrative, Annahmen, Formulierungen und Verhaltensweisen. Nun sind Menschen mit Beeinträchtigungen davon offensichtlicher betroffen, aber im Grunde wäre es auch Ableismus, wenn wir uns über den Wissensstand eines Menschen auf RTL2 lustig machen, weil wir diesen aufgrund seiner*ihrer Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet ausgrenzen (weiteres Beispiel: die Rechtschreibung anderer Menschen). Deshalb ist so ein erweiterter Begriff wie Ableismus nötig - um alle Facetten abzudecken und der Diskussion genug Raum und Möglichkeiten zu geben. Auch das Nicht-Fähig-Sein zu etwas aufgrund von psychischen Erkrankungen und die damit verbundenen Stigmatisierungen können beispielsweise als Ableismus verstanden werden. 

Nun habe ich selbst keine Beeinträchtigung. Ich sage in Anlehnung an das "Soziale Modell von Behinderung" bewusst nicht "Behinderung". In diesem Modell heißt es, dass ein Mensch erst durch die äußeren Umstände be-hindert wird und dass ein Mensch nicht behindert ist. Es soll der Blick weggelenkt werden von Annahmen, eine Beeinträchtigung mache alles einer Person aus. Es gibt einige Aktivist*innen, die "Beeinträchtigung" bevorzugen, um die soziale Konstruiertheit von BeHinderung deutlich zu machen. Andere finden "Behinderung" passender und sind unter anderem nicht begeistert davon, das Wort aufgrund der negativen Konnotationen zu vermeiden. Da hat jede*r Betroffene hat eigene Präferenzen. Ich habe mich für "Beeinträchtigung" entschieden und beziehe mich dabei u.a. auf die Begründung von Betroffenen auf Leidmedien.de. Meine Absicht ist nicht, euch alle Forschungsstände aufzuzeigen, ich möchte an erster Stelle auf die Marginalisierung bewusst machen.

Jedenfalls, wie ich sagte: ich habe selbst keine Beeinträchtigung, bin also able-bodied bzw abled. Ich bin zwar familiär schon immer mit Beeinträchtigungen in Berührung gekommen, allerdings ist das kein Freifahrtschein, um darüber als Nichtbetroffene zu reden. Deshalb soll mein Post lediglich einen Denkanstoß geben. Das Beste, was man machen kann, ist, Betroffenen zuzuhören und sie zu Wort kommen zu lassen. Dem widerspreche ich damit, dass ich als abled person überhaupt einen Beitrag darüber schreibe, das ist mir bewusst. Deshalb möchte ich euch ein paar Links und Leute empfehlen, von denen ich schon viel gelernt hab.

Als Einstieg in das Thema Ableismus empfehle ich euch diesen Artikel von Rebecca Maskos, den ihr unbedingt lesen solltet: 


Für einen Überblick ableistischer Begriffe empfehle ich euch "Leidmedien"; die Seite ist generell sehr informativ. 


Ash schreibt auf "hirngefickt" ebenfalls zu dem Thema und hat auch ein Video über Ableismus gemacht:


Und wenn euch interessiert, warum Sprachsensibilität wichtig ist, lest zum Beispiel diesen Artikel von Raul Krauthausen, einem Aktivisten, von dem ich auch schon viel gelernt habe:


Mein Beitrag heute soll lediglich ein kleiner Appell und für die ersten Schritte informierend sein. Ich beanspruche nicht, alles zu wissen. Allerdings habe ich in der deutschen Buchcommunity noch nicht entdecken können, dass über das Thema gesprochen wird. Da ich es wichtig finde, wollte ich einen ersten Schritt wagen.
Mir fällt auch sehr, sehr häufig auf, dass Buchblogkolleg*innen sich in ableistischer Sprache verlieren. Ich unterstelle keine böse Absicht. Viele Begriffe sind einfach so inflationär im alltagssprachlichen Gebrauch, dass man sich da wenig Gedanken macht. Oft rutschen die Wörter einfach so aus. Aber wir können uns zumindest bewusst machen, was wir da eigentlich regelmäßig sagen - und uns womöglich bemühen, andere, unproblematischere Wörter zu finden? Hier mal eine kleine Auflistung an Wörtern/Formulierungen, die ich mal mehr, mal weniger oft sehe/höre: 

"dumm" / "blöd"
"krank" 
"psycho" 
"geisteskrank" 
"einen an der Klatsche" 
"Idiot" 
"shizophren" 
"blind"
"hirnlos" 
"IQ eines xy" 
"Spasti" 
"Mongo" 
"behindert"
"Schwachsinn"
"Wahnsinn"
"debil"
"xy-Junkie"
"xy-süchtig"
... 

Oft werden die Begriffe benutzt, um Unmut zu äußern. Allerdings helfen sie eigentlich niemandem. Nazis sind dumm? Aber das Problem liegt doch gar nicht an "intellektuellen" Fähigkeiten, sonst gäbe es keinen Rechtsradikalismus unter Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen. Donald Trump ist geisteskrank? Eventuell hat er psychische Krankheiten, eventuell aber auch nicht. Das Problem bzw. die Ursache für sein Gedankengut liegt sicher nicht daran. Nicht nur verharmlosen wir gefährliche Menschen auf Krankheiten oder mangelnde Fähigkeiten - wir tun damit auch jenen keinen Gefallen, die womöglich "geisteskrank" sind, aber eben keine Arschlöcher. Unser Sprachgebrauch, Horrorgeschichten, die "Geisteskrankheit" als Handlungselemente nutzen und viele weitere Aspekte unseres gesellschaftlichen Lebens sorgen dafür, dass wir ein ganz verkehrtes Bild davon haben. Lasst uns die Menschen doch einfach damit bezeichnen, was sie wirklich sind: rassistisch, sexistisch, ableistisch, homofeindlich, egoistisch, wie ihr wollt. Aber wir sollten aufhören, das mit Begriffen zu umschreiben, die nicht zutreffend sind. Dazu hat Ash übrigens ebenfalls einen Beitrag verfasst: Warum Nazis nicht dumm sind.

Nun nutzen wir einige der Begriffe natürlich auch harmloser. Wenn zum Beispiel der Charakter eines Buches "dumm" oder "idiotisch" ist. Meinst du die womöglich mangelnden "intellektuellen" Fähigkeiten, für die ein Mensch / Charakter zunächst nichts kann? Willst du die Person damit diffamieren? Wenn nicht, gibt es sicher einen besseren Begriff. 

Übrigens haben viele dieser Begriffe eine lange Geschichte und wurden verwendet, um Menschen und ihre Beeinträchtigungen zu ihrem Nachteil zu kategorisieren. Der menschenunwürdige Umgang fand wohl seinen Höhepunkt mit der Aktion T4 der Nationalsozialisten - die "Euthanasie", die systematische Tötung von Menschen mit Beeinträchtigungen. Wir reihen uns in unterdrückende Mechanismen ein, wenn wir die Begriffe unhinterfragt weiter benutzen. 

Dementsprechend richtet sich mein Beitrag nicht nur an Mitbloggende, sondern im Grunde an alle. Auch für Autor*innen ist es wichtig, sich Ableismus vor Augen zu führen. Drei populäre Beispiele (mit erklärenden Links, wenn ihr auf die Titel klickt) für ableistische Bücher sind:

"Everything, Everything" (zu dt.: Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt)
"Carve The Mark" (zu dt.: Rat der Neun)

Weitere Medien, die ableistische Narrative reproduzieren, findet ihr hier und hier. Auch Disney prägt sie, ein paar Denkanstöße findet ihr hier. Eigentlich kennen wir sicher alle ein Beispiel. Denkt nur mal an die zahlreichen Klassiker und/oder Krimis, Thriller usw., die psychische, physische oder geistige Zustände als Handlungselement oder Plot-Twist benutzen. Jane Eyre fällt mir auf die Schnelle ein. Und war da nicht auch was von Shakespeare? 

Was will ich eigentlich mit meinem Beitrag bezwecken? Ich will euch keine Bücher madig reden. Aber wenn wir gerade schon dabei sind, uns bewusst zu machen, dass bestimmte Frauenbilder in Büchern problematisch sind, dann sollten wir das im selben Zug auch mit anderen diskriminierenden Mechanismen machen. Sprache ist da ein Aspekt unter vielen; Sprache schafft Wirklichkeit. Demnach wünsche ich mir natürlich Bewusstsein für ableistische Inhalte, aber auch Sprachsensibilität. Wenn nicht wir, die sich tagtäglich mit dem geschriebenen Wort auseinandersetzen, wer dann?

Ich nehme mich da selbst übrigens gar nicht raus. Ich habe "Ein ganzes halbes Jahr" vor Jahren gelesen und damals gemocht - erst im Nachhinein beim Lesen von Statements betroffener Menschen habe ich gesehen, dass es da auch andere Perspektiven gibt. Auch ich erwische mich oft genug dabei, wie ich ableistische Sprache gebrauche - oder selbst in ähnliche Narrative zu verfallen drohe. Es ist nicht einfach, internalisierte Denkmuster abzubauen, aber ich bin mir sicher, dass wir das können und dass die Bemühungen allein schon hilfreich sind. Selbiges gilt eben auch für rassistische und sexistische Denkmuster.

Ich hoffe, ich konnte damit für das ein oder andere ein paar Denkanstöße geben.

Setzt ihr euch mit Ableismus auseinander? Ist euch der Begriff vorher schon begegnet?  Und kennt ihr selbst Beispiele für ableistische Geschichten - oder ein Buch, das besonders gut mit Beeinträchtigungen umgeht? Mir fällt da auf Anhieb "Six of Crows" von Leigh Bardugo ein - zwei Charaktere haben Beeinträchtigungen und die Darstellung ist genauso, wie sie sein sollte, ohne, dass andere Eigenschaften von den Charakteren überschattet werden. Ich hoffe auf mehr solcher Geschichten!

In diesem Sinne: Habt noch einen schönen Sonntag. 

Kommentare

  1. Bin mir jetzt nicht ganz sicher, ob ich mit meiner Antwort möglicherweise zu schnell bin, denn dein letzter Satz ist nicht ganz ausgeschrieben (ansonsten ergänze oder verbessere ich meinen Kommentar noch).

    Habe eben auch deinen Tweet gesehen und mir auch das Interview mit Rebecca Maskos angehört. Ich verstehe ihre persönliche Kritik voll und ganz. Ich verstehe, wenn betroffene Personen sich angegriffen fühlen, vor allem, wenn sie hören, dass der Autor oder die Autorin nicht einmal mit jemandem wirklich gesprochen hat, der sich in der Lage befindet und dann eine Geschichte "erfindet" (wobei die Diskussion über den Sachverhalt von angemessener Fiktion noch eine andere ist). Allerdings bin ich mir auch ziemlich sicher, dass es diese Schicksale, wie sie eben bei "Ein ganzes halbes Jahr" dargestellt werden tatsächlich gibt. Diese Hilfsorganisationen in der Schweiz sind zwar nicht nur für solche Fälle gegeben, aber sie sind ja auch keine bloße Einbildung. Und ich kenne auch viele (ist zwar immer was anderes, so etwas zu sagen, wenn man es nicht wirklich erlebt hat) die sagen, sie würden es wahrscheinlich psychisch allein auch nicht verarbeiten können, jegliche Bewegungsfreiheit abgesprochen zu bekommen. Da ist einfach jeder Mensch extrem anders sensibel. Und ich frage mich da, nur weil es vielleicht ein einziges Schicksal aufzeigt, das sich vielleicht so zugetragen hat, ist es nicht legitim das zu zeigen? Dieses scheinbar unterschwellige, omnipräsente Narrativ, das aufzeigt, dass Behinderung = nicht lebenswert sein soll ist natürlich alles andere als in den meisten fällen korrekt, aber es gibt diese Fälle, dass sich Menschen das Leben nehmen, weil sie mit so einem Unfall nicht zurechtkommen. Und stößt man dann Familienmitglieder, die vielleicht eine Person dadurch verloren haben nicht auch vor den Kopf, wenn man sagt, dass das nicht die Realität widerspiegelt und dass es niemanden gibt, der so handeln würde (oder es getan hat? oder sogar vielleicht dieselben Gedanken hat)? Ich finde das ist immer unfassbar schwierig, wenn man anfängt zu kritisieren, weil es nicht die Mehrheit abbildet, da es vielleicht (seien es auch nur zwei Schicksale) solche persönlichen Geschichten tatsächlich gab. Es heißt ja auch nicht, zumindest bei mir als Zuschauer des Films, dass ich ab da denke, dass wirklich jeder so denkt, es zeigt EIN Schicksal auf. Aber da ich auch niemanden kenne, der unter Beeinträchtigungen leidet und mich da vielleicht zu wenig reingelesen habe, kann es natürlich auch sein, dass ich den eigentlichen Kritikpunkt an anderer Stelle angesetzt habe.


    Zu den ersten genannten Ableismen: Ich versuche so gut es geht darauf zu achten, solche Begriffe zu vermeiden (in Rezensionen sowieso). Ich bin auch der Meinung man kann das Empfundene auf andere Weise ausdrücken. Im Alltag, wenn ich mit Leuten persönlich rede, bin ich meist auch immer die "Überkorrekte", die auffordert, man solle nicht immer direkt "behindert" sagen, was meiner Meinung aber eigentlich selbstverständlich sein sollte. Ich weiß nicht genau woran das liegt, dass viele denken: "jeder benutzt das Wort, dann mache ich das jetzt auch, ist vielleicht ganz cool." Ich merke aber auch, dass sich mein Gegenüber tatsächlich (wenigstens bei mir) dann Mühe gibt, solche Wörter zu vermeiden. Das ist wenigstens ein kleiner Fortschritt. :)


    Liebe Grüße
    Karin

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    1. Liebe Karin,

      ich glaube, das wesentliche Problem hast du schon angesprochen - die Autorin ist selbst nicht betroffen und bedient trotzdem ein Narrativ, das "gesunde" Menschen glauben lässt, ein eingeschränktes Leben sei weniger lebenswert. Es ist ja auch so, dass viele sagen "So könnte ich nicht leben/würde ich nicht leben wollen" - und warum? Weil man dann eingeschränkt und womöglich auf Hilfe angewiesen ist und weil beides als eine Last angesehen wird. In die persönliche Annahme oder Entscheidung kann natürlich niemand reinreden, aber ich glaube, es ist wichtig, dass wir, die abled sind, sich Gedanken darum machen, was wirklich unsere Annahmen sind und was davon durch eine Leistungsgesellschaft internalisiert ist, weil etwas unwert scheint, sobald es eingeschränkt ist und Hilfe bedarf. Es ist einfach eine weitere Perspektive, die wichtig zu sein scheint und die ich persönlich auch gut nachvollziehen kann. Hast du auch den verlinkten Text von Rebecca Maskos gelesen? Den kann ich sehr empfehlen dafür. :)

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    2. Hmm, naja gut, das stimmt natürlich. Aber das gleiche gilt ja für fast alle von der Gesellschaft aufgestellten "Ansichten" über das "wertvolle Leben". Das wird ja auch schon allein dadurch ausgelöst, dass man sich selbst einredet, dass man nicht so "gut" ist, wie die anderen, weil man zu dick ist oder allgemein nicht dem Schönheitsideal entspricht und dann auch in sozialer Hinsicht "hinterherhinkt" (Aktuell ja auch sehr in aller Munde: Mobbing und Suizid). Das ist natürlich bei Beeinträchtigungen noch eine durchaus problematischere Entwicklung der gesellschaftlichen Betrachtungsweisen, aber ich finde man hat als nicht Beeinträchtigter durchaus das Recht sich in so eine Lage einfühlen zu wollen und dann eine fiktive Geschichte zu erzählen, die vielleicht andere Leute dafür sensibilisiert, die vielleicht sonst nie auf so etwas aufmerksam geworden wären. Da müsste man, wenn man ehrlich ist schon viel früher anfangen, das "Problem" anzugehen und das komplette Bild des "idealen Menschen" in der Gesellschaft umformen, statt nur das Schreiben von Büchern zu "verhindern", die aus Nicht-betroffener Sicht von einem betroffenen Schicksal erzählen. Für mich war das von der Autorin eher der Versuch Emptahie aufzuzeigen, auch wenn es durchaus Schwachstellen gibt, was die Fakten anbelangt. Das ist für mich aufjedenfall ein Punkt, der mich zum Nachdenken gebracht hat, ob ich die Geschichte dadurch weniger mag, weil eben eine Betroffene das Buch als nicht geeignet empfindet. Aber ich finde man sollte nicht direkt ausschließen, dass jemand der nicht direkt betroffen ist, nicht auch eine Geschichte schreiben kann, die Betroffenen doch hilft oder sie berührt.


      Den Text hab ich noch nicht gelesen, werd ich aber sicherlich noch in den nächsten Tagen nachholen. :)

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  2. Prinzipiell bin ich einverstanden, aber gerade "dumm" ist so ein weit gefasster Begriff, dass er (in meinen Augen) an manchen Stellen eine gewisse Berechtigung haben kann. Menschen (auch ich) verhalten sich mitunter "dumm", ohne grundsätzlich in irgendeiner Weise intellektuell beeinträchtigt zu sein. Wobei man "dumm" sicher oft mit "ungeschickt" oder "unbedacht" ersetzen könnte. "Beeinträchtigt" statt "behindert" gefällt mir gut, das werde ich jetzt häufiger verwenden.

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    1. Ja, bei "dumm" scheiden sich die Geister, scheint mir, aber wie du schon sagst, eigentlich gibt es immer auch andere treffende Begriffe. Die würde ich dann favorisieren, allein aufgrund der Historie, die mit "dumm" einhergeht. :)
      Bei "beeinträchtigt" und "behindert" scheiden sich übrigens auch die Geister. Am besten die gemeinte Person fragen, was er*sie lieber hat. :)

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  3. Hey :)
    Der Beitrag ist echt interessant!
    Ich bin z.B. selbst schwerstbehindert und ab und an mache ich da selbst mal einen Witz drüber z.B. "bin eben behindert" und seit ich den Status habe, warte ich darauf, dass mich jemand frägt ob ich behindert bin, damit ich frech mit Ja antworten kann (ich weiß das ist wohl etwas komisch, aber so bin ich :D) auch meine Freunde machen da manchmal Witze mit, also auf mich bezogen, das finde ich okay, denn sie kennen die Grenze, auch hilft es mir gut damit umzugehen, indem ich das nicht so ernst sehe, jedoch finde ich alles andere geht zu weit und ich würde dieses Wort niemals als ernst gemeinte Beleidung verwenden. Ebensowenig wie "Schwul", denn das man die Sachen dadurch herabwürdigt (mir fällt grad kein anderes Wort ein, ich hoffe aber, dass du weißt was ich meine) und das geht meiner Meinung nach einfach nicht. Auch bei xy-süchtig stimme ich dir voll zu, denn damit finde ich, verharmlost man eine wirkliche Sucht sehr.

    Liebe Grüße

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  4. Dieses Narrativ mit "ich würde das nicht ertragen können / mich umbringen" sagt doch letztlich: bring DU dich um. Denn DAS ertrage ICH nicht dass es DICH DAMIT und SO (noch) gibt. Dass du das "aushältst", halte ich nicht aus. Und wenn du dich weg machst, dann ist meine Irritation weg - was mir wieder ein "gutes Gefühl" gibt. Und dann kann ich beruhigt um dich weinen, dich mit dem schwärren Schicksaaaaaaal, dem bösbösen. ICH hab damit ja nix zu tun. ICH weine um dich (ich SensibelGute, ich).

    Leutz, fangt an zu denken und zu fühlen, bevor ihr plappert!

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  5. Huhu!

    Oh, da sprichst du mir aus der Seele, auch wenn du selber Nichtbetroffene bist!

    Ich habe eine "unsichtbare" Schwerbehinderung durch Multiple Sklerose. Sprich, man sieht mir oft nicht an, ob ich gerade Schmerzen habe, verschwommen sehe, die Orientierung verliere oder mich fühle, als würde ich eine schwere Schicht Blei auf dem Körper tragen, so dass ich kaum die Füße heben kann. Wenn ich schwankend gehe, kommen schon mal blöde Kommentare, nach dem Motto "Schämen Sie sich nicht, so froh am Tag schon betrunken zu sein?" Da ist es manchmal fast eine Erleichtung, wenn ich den Gehstock oder sogar den Rollstuhl brauche, denn dann wird meine Krankheit auf einmal ernstgenommen. Oder zumindestens ernstER.

    Dazu kommt bei mir noch eine schizo-affektive psychotische Störung, und solange ich meine Tabletten regelmäßig nehme, merkt man mir auch das nicht an.

    Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute versuchen entweder, meine Erfahrungen herunterzuspielen - "Jeder hat doch mal einen schlechten Tag!" (sprich: "stell dich nicht so an!") -, oder sie behandeln mich, als müsse mein Leben ein ewiges Trauerspiel sein. Ich sage meist "Ich lebe mit einer Behinderung", denn die Krankheit behindert mich, und die Reaktion der Menschen behindert mich oft auch.

    Jedenfalls macht es mich immer traurig und wütend, wenn Menschen leichtfertig "behindert" oder "schizo" als Schimpfwort gebrauchen.

    Ich muss aber zugeben, dass ich mich selber nicht davon freisprechen kann, sowas wie "blöd" oder "xyz-Junkie" zu verwenden... Wie du schon sagst, über manches macht man sich viel zu wenig Gedanken! Ich arbeite aber daran, mir so etwas abzugewöhnen.

    Für mich war das allerallerschlimmste Buch ausgerechnet ein Weihnachtsbuch:

    "Weihnachten auf dem Lande" von Martina Bick
    http://www.mikkaliest.de/2017/02/rezensionen-nach-genre-weihnachtsbucher.html

    Die Autorin macht in ihrer Darstellung einer Frau mit Multipler Sklerose wirklich alles falsch, was man falsch machen kann. Krankheit faktisch falsch darstellen? Check. Die Frau ausschließlich auf ihre Krankheit reduzieren? Check. Die Frau als ständige Belastung zeigen? Check. Die Krankheit benutzen, um einen anderen Charakter als den großen Helden darzustellen, weil er trotz ihrer Krankheit bei ihr bleibt? Check.

    Ich hab vor Wut geheult.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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    1. Liebe Mikka,
      entschuldige meine verspätete Antwort, aber ich wollte es nicht versäumen, dir für deinen Kommentar zu danken! Das untermauert den Post so gut und gerade du als Betroffene kannst am meisten dazu sagen. Also vielen Dank, dass du das geteilt hast, fühl dich gedrückt! <3

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