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[Rezension] "Ich gebe dir die Sonne" - Jandy Nelson

Ich gebe dir die Sonne - I'll give you the sun - Jandy Nelson - cbt Verlag* - 480 S. - 17,99 € - ISBN: 978-3-570-16459-4
Content Note / Trigger Warnung: Sexueller Missbrauch, Rape Culture, Homophobie, Tod, Gewalt

Am Anfang sind Jude und ihr Zwillingsbruder Noah unzertrennlich. Noah malt ununterbrochen und verliebt sich Hals über Kopf in den neuen, faszinierenden Jungen von nebenan, während Draufgängerin Jude knallroten Lippenstift entdeckt, in ihrer Freizeit Kopfsprünge von den Klippen macht und für zwei redet. Ein paar Jahre später sprechen die Zwillinge kaum ein Wort miteinander. Etwas ist passiert, das die beiden auf unterschiedliche Art verändert und ihre Welt zerstört hat. Doch dann trifft Jude einen wilden, unwiderstehlichen Jungen und einen geheimnisvollen, charismatischen Künstler... via

„Ich gebe dir die Sonne“ ist wahrscheinlich eines der Bücher, die mir auf diversen Plattformen am meisten begegnet sind. Neugierig war ich von Anfang an, doch ich war unsicher, ob ich wieder Lust auf ein Jugendbuch habe; ich hab mir das Buch immer in einer Reihe mit John Green vorgestellt. Damit habe ich allerdings weit gefehlt. 

„Ich gebe dir die Sonne“ ist außergewöhnlich. Der Schreibstil war bereits auf den ersten Seiten so anders, so unkonventionell, dass ich mich schnell in der wunderschönen Sprache verloren hatte, bevor ich überhaupt die Charaktere ins Herz geschlossen habe. Am Stil gefiel mir auch außerordentlich gut, dass aus Noahs Perspektive regelmäßig Bilder im Kopf gemalt und benannt werden. Beide Charaktere sind sehr künstlerisch und von der Kunstbegeisterung der Mutter geprägt. Noah malt quasi alles und denkt unaufhörlich ans Malen. Die Bilder, die er im Kopf malt und benennt, hatte ich oft tatsächlich bildlich vor Augen. Seine Empfindungen wurden dadurch zusätzlich verstärkt. 

Generell habe ich die Charakterzeichnungen als sehr originell und authentisch empfunden. Ich könnte auch hier wieder „außergewöhnlich“ sagen. Sie sind vielschichtig, fehlerhaft, liebenswürdig, machen starke Wandlungen durch und wachsen einem mit all den Macken und Vorzügen sehr ans Herz. Noah und Jude als Zwillinge sind für sich schon eine Besonderheit; am liebsten hat mir zum Schluss aber die Wandlung des Vaters gefallen. Nicht nur für die Wandlungen, sondern auch für das gesamte Geschehen war es klug konstruiert, sowohl Noah als auch Jude kapitelweise Perspektiven zu gewähren, die untereinander auch Zeitsprünge haben. So sind beide z.B. in einem Kapitel aus Noahs Perspektive noch 13 und im nächsten Kapitel aus Judes Perspektive 16. Diese Erzählweise eröffnet neue Möglichkeiten, die in diesem Fall gekonnt genutzt wurden. So gelungen ist den Aufbau aber auch fand, mir persönlich waren die Kapitel an sich viel zu lang und hätten gerne nochmal in Unterkapitel aufgebaut sein können. Das tut dem Inhalt keinen Abbruch und bezieht sich lediglich auf meinen persönlichen Lesekomfort. 

Bevor man sich auf „Ich gebe dir die Sonne“ einlässt, sollte man sich allerdings auch dessen bewusst sein, dass das Buch sich nicht an Rationalitäten hält. Jude sieht Geister verstorbener Menschen und ist vernarrt in eine Art Bibel, die ihre Großmutter zu Lebzeiten selbst mit Weisheiten und Wissen zusammengestellt hatte. Sowohl Jude und Noah, als auch einige der anderen Figuren sind eher spirituell denkende Charaktere. Mir persönlich hat das sehr gut gefallen. Die ‚schrägen‘ Figuren sind die, die im Gedächtnis bleiben. 

„Ich weiß nicht, ob ich eine Dualseele sein will. Ich glaube, ich brauche meine eigene Seele.“ (S. 428)

Wie eingangs notiert werden allerdings auch ernstere Themen angesprochen. Dies geschieht auf eine sehr gekonnte, zum Teil subtile Art und Weise, dennoch sollte man sich dessen bewusst sein, dass man sich auf eine Geschichte einlässt, in der auch Themen wie Vergewaltigung, Diskriminierung von Homosexualität und Gewalt zur Sprache kommen. Leider hat es die Autorin an einer Stelle, in der die Rede von „so ein Mädchen“ (implizit: Mädchen, die sich freizügig kleiden und dadurch Vergewaltigungen provozieren) ist, nicht geschafft, zu verdeutlichen, dass es nicht von Bedeutung ist, welche Art von Mädchen jemand ist und dass eine solche Gewalttat durch nichts legitimiert wird. Diese Perspektive, die im Buch von einer Person vertreten wird, wird nicht korrigiert oder ergänzt.

Insgesamt konnte mich „Ich gebe dir die Sonne“ von Anfang bis Ende vollkommen begeistern und gehört zu den besten Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Es ist ein außergewöhnliches Buch, das ich nicht nur jugendlichen Leser*innen empfehlen kann, mit Charakteren und einem Schreibstil, die beide so unkonventionell daherkommen, dass man noch lange daran denken muss. Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen – sofern Noah mir das erlaubt, denn die Sterne gehören, glaube ich, nach aktuellem Stand ihm. 

Kommentare

  1. Juchuuuuuu! Wieder ein schönes Buch, das bereits auf mich wartet. Würden die doch endlich mal etwas Lesezeit zusammen mit den Büchern verkaufen:-)
    Danke für deinen schönen Bericht!

    LG

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  2. Oh, interessant dass es dir doch ziemlich gut gefallen hat! Ich habe einige negative Meinungen gesehen und war auch selbst nicht ganz so überzeugt von dem, was ich so gelesen habe. Da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich Bücher aufgenommen werden. :) Danke auf jeden Fall für die Rezension!

    Allerliebste Grüße, Sandy ❤

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  3. Ich freu mich so, dass das Buch dir so gut gefallen hat, weil ich es letzten Monat auch soo toll fand! Ich hatte zuerst auch Bedenken, weil es eben ein Jugendbuch ist, wurde aber auch von der ersten Seite an eines besseren belehrt. Ein wirklich außergewöhnliches Buch! :)
    Ich hoffe nur, Noah nimmt es mir nicht übel, dass ich ihm für meine Rezension 4 Sterne geklaut habe ohne um Erlaubnis zu fragen. :'D

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  4. Das steht schon eine Weile auf meiner Wunschliste. Jetzt nach deiner Rezension möchte ich es noch etwas mehr Lesen. Besonders was du über die beiden Hauptfiguren schreibst macht mich neugierig.

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  5. Mir waren die Kapitel ja ehrlich gesagt zu lang. Immer wenn ich mich gerade so richtig ein einen Charakter eingefunden hatte und wissen wollte wie es weitergeht, wurde wieder gewechselt und ich hatte gerade gar keine Lust auf die jeweils andere Person :P Richtig toll fand ich aber auch Noah und seine "malerische" Art zu erzählen. Und dann das Ende mit dem Vater und ihm ging wirklich ans Herz.

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  6. Hey!
    Tolle Rezension, ich möchte das Buch unbedingt bald lesen.
    Auf die Thematik und den von dir beschriebenen Schreibstil bin ich sehr gespannt.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    -
    https://trallafittibooks.com/

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  7. Unheimlich gute Rezension! und das Buch klingt auch wahnsinnig interesseant, kommt unbedingt auf die Wunschliste.
    Allgemein gefällt mir dein Blog sehr gut :)

    Liebe Grüße Lydia
    http://lydiaskleinebuecherwelt.blogspot.de/

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  8. Hallo du! :)
    Ich will wirklich nicht stören, dennoch möchte ich darauf aufmerksam machen und dich ♥-lich einladen, da ich diesen Samstag (04.02) nach langer Zeit wieder eine Lesenacht auf meinem Blog veranstalte und ich mich sehr freuen würde wenn du teilnehmen würdest und mit dabei wärst ♥
    Wenn du magst kannst du ja mal hier klicken: ♥ Klick ♥
    Alles Liebe! ♥

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    1. Vielen Dank für den Hinweis, Ines, aber leider sitze ich heute an einem Paper für die Uni. :( Viel Spaß den Teilnehmenden und liebe Grüße!

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