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[Rezension] "Into White" - Randi Pink


Into White - Randi Pink - Feiwel & Friends - 288 S. - ca. 16€ - ISBN 978-1250070210
Trigger Warnung: Sexueller Missbrauch, Rape Culture, Essstörung

When a black teenager prays to be white and her wish comes true, her journey of self-discovery takes shocking--and often hilarious--twists and turns in this debut that people are sure to talk about.
LaToya Williams lives in Birmingham, Alabama, and attends a mostly white high school. She's so low on the social ladder that even the other black kids disrespect her. Only her older brother, Alex, believes in her. At least, until a higher power answers her only prayer--to be "anything but black." And voila! She wakes up with blond hair, blue eyes, and lily white skin. And then the real fun begins... via

Schon lange habe ich kein Buch mehr zum Erscheinungstermin bestellt und gelesen, das keine Fortsetzung ist. Als ich über „Into White“ gestolpert bin, war es an der Zeit, so ein Wagnis mal wieder einzugehen. Ein schwarzes Mädchen, das quasi über Nacht weiß wird, weil sie es nicht aushält, schwarz zu sein? Klang nach einem Buch, das mir gefallen könnte. 
Dennoch hatte ich Startschwierigkeiten. Eines darf man beim Lesen nicht zu genau nehmen und einfach akzeptieren: Der „christliche Gott“ und vor allem Jesus existieren. Jesus erscheint sogar öfter mal. Als er am Anfang des Buches seinen ersten Auftritt hat, war ich gelinde gesagt skeptisch. Er taucht auf, schnackt ein paar Takte mit LaToya, macht sie für alle außer ihre Familienmitglieder (damit es nicht zu kompliziert wird, ha) weiß und verschwindet wieder. Danach habe ich das Buch erstmal beiseitegelegt. Aber wenn man sich erstmal auf die Prämisse eingelassen ist, ist sie sogar ziemlich lustig. Ich meine, der Gedanke ist so trashig und absurd, dass er schon wieder irgendwie cool ist. An einer Stelle fährt Jesus einen alten Saab, in dem Twilight-Romane liegen und die beiden führen ein Gespräch über die Bücher. Das und weitere Jesus-Szenen haben mir die Lektüre im Nachhinein doch sehr versüßt. Allerdings spielt die ganze Hautfarbwechsel- und Jesussache eher eine nebensächliche Rolle. Toya wird schnell geglaubt, sie fügt sich auch schnell wieder in ihre Highschool als andere Person ein und große Probleme hat sie dadurch erstmal nicht. Konzentriert hat sich das Buch vielmehr auf das Schwarzsein bzw. Weißsein an sich und Toyas Beziehung zu ihrem Umfeld, vor allem zu ihrem Bruder. Die Bruder-Schwester-Beziehung fand ich sehr berührend. Es gibt zwar auch eine Liebesgeschichte, doch die war in meinen Augen eher deplatziert; eine Geschwister- und Freundschaftsgeschichte hätte mir absolut gereicht. 

Aufgefallen ist mir, dass die weißen Charaktere im Buch überhaupt nicht gut wegkommen. Zunächst einmal hat mich das etwas gestört, weil sie so überzeichnet und klischeebehaftet sind. Allerdings finde ich das im Nachhinein ganz schön interessant gelöst, denn sind es in Büchern, in denen die Mehrheit der Charaktere Weiße sind, nicht die schwarzen Figuren, die oftmals auf Klischees reduziert werden? In dem Fall wurde der Spiegel auf spannende, aber erstmal sehr undurchschaubare Art und Weise vorgehalten. Die Beziehung von Toyas weißem Ich zu den weißen Mitschüler*innen hat außerdem zu Anfang sehr gut deutlich gemacht, wie Mitläufertum funktionieren und wie stark es sein kann. 

Neben diesen inhaltlichen Aspekten habe ich mir ganz viele Stellen markiert, in denen Rassismen kritisiert wurden und die ich im ganzen Buch mitunter am wichtigsten fand, da diese Gedankengänge so auch ein jüngeres Publikum ansprechen und aufklären. Es ging um Dinge wie „talking black“/ „talking white“ (und wie das eine als besser angesehen wird), Medien, Magazine und auch Läden, die für ein weißes Publikum ausgelegt sind, um Fälle von Alltagsrassismus selbst unter Akademikern (Ärzten usw.), um die Nutzung des N-Wortes, um gemischte Beziehungen oder auch darum, dass es egal ist, ob du ein gut verdienender und geringverdienender schwarzer Mensch bist, da du so oder so in eine Schublade gesteckt wirst. Neben diesen rassismusrelevanten Themen wurde aber auch Sexismus, sowie Rape Culture aufgegriffen und dessen Mechanismen aus Sicht von LaToya auf eine wichtige Art und Weise verdeutlicht. 
Was ich hierbei schade fand, ist, dass die Autorin an einigen Stellen dennoch selbst sexistisch und problematisch ist. Teilweise werden Geschlechterklischees bedient und Essstörungen als nicht „real diseases“ abgetan. Ohne diese Stellen hätte mir das Buch noch besser gefallen. 

Der Schreibstil und generell das Buch insgesamt richtet sich deutlich an ein junges, jugendliches Publikum. Es werden viele alltags- und jugendsprachliche Begriffe verwendet, die Kapitel sind kurz und auch inhaltlich geht vieles nicht in die Tiefe, sondern wird nur angerissen. Allerdings denke ich, dass das für ein jüngeres Publikum ein sehr geeignetes Maß ist; für mich, die sich schon etwas in der Thematik auskennt, war es an vielen Stellen zu wenig. Das Englisch war demnach aber auch sehr gut verständlich und ist auch für Leser*innen geeignet, die sonst nicht viel oder oft auf Englisch lesen. Lediglich ein paar der alltags- und jugendsprachlichen Begriffe könnten kleine Stolpersteine sein. 

Insgesamt war „Into White“ eine interessante, unterhaltsame und lehrreiche Lektüre, die ich vor allem einem jüngeren Publikum sehr ans Herz legen kann. Neben der trashigen Einbindung von Jesus und der tollen Geschwisterbeziehung hat mir am besten gefallen, wie Alltagsrassismus thematisiert wurde. Mir persönlich war es nicht genug, doch Randi Pink hat trotz einiger Schwächen ein empfehlenswertes Jugendbuch geschrieben. Von mir gibt es 3 von 5 Sternen dafür.

★★★☆☆

Kommentare

  1. Ahoi!
    Ich bin nach dieser Rezension hin- und hergerissen. Auf der einen Seite möchte ich den Twilight-Jesus kennenlernen, und auch das Setting könnte spannend sein. Ich habe allerdings große Probleme mit deplatzierten Liebesgeschichten und vor allem dem Runterspielen von Essstörungen (allg. von vermeintlich eingebildeten Krankheiten). Oben in deiner Triggerwarnung schreibst du etwas von sexuellem Missbrauch. Kommt in dem Buch Vergewaltigung o.ä. explizit vor?

    A propos Triggerwarnung: Großartig, dass du eine gemacht hast. Sie fehlt viel zu oft...

    Cheerio
    Mareike

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    1. Hello!
      Ja, der Twilight-Jesus war schon ein Erlebnis. :D Die deplatzierte Liebesgeschichte war allerdings nicht soo schlimm, dazu könnte ich noch etwas mehr sagen, aber es wäre etwas spoilerig. Zu der Essstörung: Es ist eine Stelle, in der die Protagonistin etwas gedanklich kommentiert, ansonsten wird es nicht aufgegriffen. Mich hat es trotzdem gestört.
      Zur Vergewaltigung - ich bin immer so unsicher, ab welchem Grad von Vergewaltigung gesprochen wird. Es findet ein Übergriff statt und wird im Stadium "Küssen" & Anfassen unterbrochen. Demnach wird es nicht zu explizit, aber auch das ist schon etwas, was einer TW bedarf. Danke übrigens nochmal für das Kompliment dafür. ❤

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  2. Die Geschichte klingt interessant und ich werde ihr vermutlich eine Chance geben. Mich spricht die Thematik an und der Twilight-Jesus macht mich gerade auch neugierig. :D Tolle Rezension!

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  3. Ach schade, das klingt irgendwie nicht so ganz gar. Mich spricht dieser Konflikt ja total an und die Idee die Welt plötzlich durch eine "weiße Hautfarbe" zu sehen, aber der Rest klingt ein wenig zu klamaukig, gerade das mit Jesus, da muss ich direkt an so David Safier Humor denken :P

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  4. Huuuuch, der Jesus überrascht mich jetzt auch ein bisschen; ist ja aber auch mal interessant. xD
    Ich hatte irgendwo schon eine eher schlechte Rezension gelesen, aber das klingt hier ja alles nicht ganz hoffnungslos. Da lass ich das Buch noch mal auf der Wunschliste, danke! :)

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