9/16/2016

[Rezension] "Blauer Hibiskus" - Chimamanda Ngozi Adichie


Blauer Hibiskus - Purple Hibiscus - Chimamanda Ngozi Adichie - Fischer - 336 S. - 10,99€ - ISBN 978-3-596-032440

Trigger Warnung: Häusliche Gewalt

Das Haus von Kambilis Familie liegt inmitten von Hibiskus, Tempelbäumen und hohen Mauern, die Welt dahinter ist das von politischen Unruhen geprägte Nigeria. Mit sanfter, eindringlicher Stimme erzählt die 15-jährige Kambili von dem Jahr, in dem ihr Land im Terror versank, ihre Familie auseinanderfiel und ihre Kindheit zuende ging. Der erste vielgelobte Roman Adichies, verzweifelt schön und ganz gegenwartsnah. via

Nachdem ich "We Should All Be Feminists" und "Americanah" schon gelesen und geliebt habe, war ich mir ziemlich sicher, dass die anderen Bücher Adichies mich nicht enttäuschen würden. Ich griff zu "Blauer Hibiskus", ohne zu wissen, was mich erwartete - und beendete das Buch innerhalb weniger Tage mit einem Staunen. Adichie liefert wieder eine Leistung ab, die ich anders als mit "Staunen" tatsächlich nicht beschreiben kann. Die Frau kann einfach so gut schreiben. Sie ist eloquent, klug, pointiert und schreibt trotzdem mit einer Bildhaftigkeit, die den Leser direkt in seinen Bann zieht. Ohne Zweifel ist es der Beobachtungsgabe der Autorin geschuldet, dass auch in ihren Figuren immer wieder ähnliche Charaktereigenschaften bemerkbar werden - in diesem Fall in Form von Kambilis Tante Ifeoma. Doch dass sich das Schema "Eine der Figuren ist eine selbständige Frau mit starken Ansichten" zu wiederholen scheint, tut ihren Geschichten nicht im geringsten einen Abbruch. Im Gegenteil, wir brauchen viel mehr solcher Figuren in jeglichen Büchern! Doch während die Tante Ifeoma so emanzipatorische Züge ausweist, ist Kambili, die Protagonistin, das Produkt eines stark gewalttätigen, fundamentalistischen Vaters. Er ist strenger Katholik und schreckt nicht davor zurück, seine Familie zu bestrafen, wenn es in seinen Augen nötig ist. So ist Kambili mit viel Angst, Druck, Geltungsdrang und Zwang aufgewachsen und ist ein stilles, in sich gekehrtes Mädchen. Auch dann noch, als sie ihre Tante und ihre Cousinen besser kennenlernt - sie wächst daran, eine andere Art des Lebens zu sehen, doch es war unglaublich authentisch, dass Kambili nicht direkt zu Anfang beginnt, aus sich herauszukommen, sondern dass sie eine wirklich lange Zeit benötigt, um aus der Rolle herauszukommen, in der ihr Vater sie wissen möchte.  Denn, obwohl dieser Schreckliches tut, liebt sie ihn. Auch das fand ich so authentisch - ihr Vater wird nicht als grundsätzlich schlechter Mensch dargestellt. Er weint sogar, während er seine Familie 'bestraft'. Außerdem spendet er große Summen an Geld, unterstützt ärmere Menschen und ist einer der einzigen im Land, die für eine offen oppositionelle Zeitung schreiben - Nigeria wird zu der Zeit von einem Staatsstreich nach dem anderen heimgesucht. Das Setting fand ich sehr interessiert. Über Nigeria erfährt man sonst nicht so viel, doch das Buch liefert einige Anhaltspunkte, nach denen man sich unbedingt tiefer einlesen möchte. Sehr spannend fand ich die Spaltung der Gesellschaft durch die Vergangenheit mit den westlichen Missionaren. Leute wie Kambilis Vater, die ihnen dankbar dafür sind, ihnen die "richtige" Religion gebracht zu haben und die das andere Lager mit jenen, die die traditionelle Religion ausleben, als heidnisch verurteilen. Wobei das Buch auch Menschen wie Ifeoma zeigt, die beides ausleben - das eine als Tradition und das andere als Religion. Generell gibt es in diesem Buch keine Schwarz-Weiß-Zeichnungen, vielmehr waren alle Figuren und Handlungen Grauschattierungen. Auch nach dem Beenden des Buches habe ich dadurch noch sehr lange darüber nachgedacht. Und bin zum Entschluss gekommen, dass dieses Buch rundum stimmig ist. 
Die Geschichte wird auf eine sehr unaufgeregte und ruhige Art und Weise aus Kambilis Sicht erzählt. Sie versteht für ihr Alter schon sehr viel und gleichzeitig sehr vieles auch nicht. Während man als Leser denkt, dass man an irgendeiner Stelle ganz anders (oder überhaupt) reagiert hätte, agiert sie nach ihren eigenen Erfahrungswerten. Aber genau das macht das Buch auch so besonders. 


Ein rundum authentisches, interessantes und gleichzeitig teilweise erschreckendes Buch über eine Familie und ihre Emanzipation in Nigeria - das ist "Blauer Hibiskus". Fragen zwischen Religion und Tradition, dem Westen und der "Dritten Welt", gut und böse und mittendrin eine Protagonistin, die sich erstmal selbst richtig wahrnehmen muss. Ich habe jede Seite genossen und kann es absolut empfehlen. 5 von 5 Sternen

1 Kommentar:

  1. Klingt, als müsste ich auch das Buch dann endlich mal holen. :') Hatte mir mit "Americanah" schon viel zu viel Zeit gelassen (fast ein Jahr immer nur angeguckt und überlegt, bis es dann eigentlich zufällig bei mir landete), das muss sich ja nicht noch mal wiederholen.

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