7/07/2016

[Gedanken] "To Kill A Mockingbird" & "Go Set A Watchman" von Harper Lee

Vor kurzem las ich den viel gefeierten und überall erwähnten Roman "To Kill A Mockingbird" (zu dt.: "Wer die Nachtigall stört") von Harper Lee und konnte mich den begeisterten Stimmen nicht anschließen. Es brachte mich aber dennoch zum Nachdenken, sodass ich mir auch "Go Set A Watchman" (zu dt.: "Gehe hin, stelle einen Wächter") zu Gemüte führte - das Werk, das Lee ursprünglich geschrieben hatte, das aber nicht veröffentlicht wurde, bis 2015. Damals bat sie der Verlag, aus der Story eine aus Kinderperspektive zu schreiben und entstanden ist "To Kill A Mockingbird", quasi eine Vorgeschichte zu "Go Set A Watchman" (im Folgenden kürze ich beides mit TKAM und GSAW ab). Mir ist aufgefallen, dass viele, die TKAM sehr gemocht haben, GSAW nicht so sehr mochten. Bei mir war es genau andersrum - der Nachfolger gefiel mir um einiges besser und in diesem Post möchte ich ein bisschen aufschlüsseln, warum das so ist. Meine Gedanken sind unsortiert und unausgereift und eine Rezension wird es auch nicht, um das mal vorab zu klären. Spoiler sind nicht zu vermeiden!

Warum gefiel mir "To Kill A Mockingbird" nicht so gut? 

Kurz zur Handlung: In Maycomb leben die Halbwaisen Jean-Louise und Jem mit ihrem Vater, einem Anwalt, und haben eine im Grunde recht schöne Kindheit. Im Buch geht es darum, dass der Vater Atticus von seiner Haushälterin/Nanny, einer Schwarzen, gebeten wird, einen Schwarzen zu vor Gericht zu verteidigen, der zu Unrecht wegen Vergewaltigung angeklagt wird.

Mich haben einige Dinge immens gestört. Dieses Buch wird bis heute als ein Meisterwerk und Vorbild für Anti-Rassismus gesehen - ist aber geschrieben von einer Weißen, die nie von Rassismus betroffen war. Die Schwarzen im Roman sind belanglose Randfiguren. Entweder sind sie zufrieden mit ihrem Leben (zumindest äußert niemand Unzufriedenheit) oder gehen passiv damit um. Es ist der weiße Held in Form von Atticus nötig, damit sie eine kleine Stimme bekommen. Nur ein weißer Mann kann sie retten! Mhm, dieses Narrativ kennen wir zu Genüge. Das ist genau die Art von Anti-Rassismus, mit der sich weiße Menschen wohlfühlen. Denn seien wir mal ehrlich, wir haben alle Rassismen internalisiert. Es ist gar nicht anders möglich, denn wir leben in einer postkolonialen Gesellschaft. Du, ich, offene Rassisten genauso wie der gängige Gutmensch (zu dem ich mich zähle ;)). Die einzige Möglichkeit, so etwas einzudämmen, ist Reflexion. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass nicht viele Leser von TKAM reflektieren, dass selbst hier unbeabsichtigte, internalisierte Rassismen reproduziert werden.
Noch ein paar Worte zu Everyone's Darling Atticus: Ja, auch ich mochte seine Erziehungsmethoden, seinen Rechtssinn, seinen Pazifismus. Aber seien wir mal ehrlich, er war auch nur der Beste in seiner rassistischen Umgebung und akzeptierte den Rassismus als einen Teil dieser. Der Maßstab ist also nicht sehr hoch. Ich konnte nicht nachvollziehen, dass so viele Atticus auf ein Podest stellen, als eine Art Übermensch, der (weiße) Held eben, obwohl er alles andere als fehlerfrei war.
Natürlich behandelt TKAM auch andere Themen - Feminismus (die Protagonistin ist nicht sehr "feminin"), Klassismus, das Leben in den Südstaaten, Familie und Verwandtschaft - aber nach meiner Wahrnehmung eben vor allem Rassismus. Das Buch mag für die 50er-Jahre revolutionär gewesen sein (traurig genug), aber heutige Leser sollten sich der Problematik unbedingt bewusst sein. 


"Go Set A Watchman" und warum ich es um einiges besser fand


Ich habe etwas gebraucht, um in GSAW reinzukommen, aber es hat mir um Längen besser gefallen. Die Protagonistin aus TKAM ist jetzt eine erwachsene, junge Frau und lebt in New York, pendelt ab und zu nach Hause in den Süden. So auch im Roman. Ihr Vater Atticus ist inzwischen sehr alt und bildet einen Sandkastenfreund von ihr aus (ihr Vater ist Anwalt), der sie heiraten möchte. Zu der Zeit ist die NAACP im Süden aktiv und setzt sich für die Gleichberechtigung der Schwarzen ein, was dazu führt, dass sich Stadträte gründen, die dagegen sind und mit dem Ku-Klux-Klan sympathisieren. Nun, Jean-Louise findet heraus, dass ihr Held, die Person, der sie immer bedingungslos vertraut und zu der sie aufgesehen hat, ihr Vater, Teil dieses Stadtrates ist. Genauso wie ihr Fast-Verlobter Hank. Das stürzt sie in ein tiefes Loch der Verzweiflung, denn sie hat von ihrem Vater immer gelernt, dass man jeden Menschen mit dem gleichen Respekt behandeln sollte. Es gibt einen großen Disput, in dem Jean-Louise ihm alles entgegenschmettert, was ihr in den Kopf kommt. Die heftige Reaktion rührt durch ihre große Enttäuschung, war aber genau das, was auch ich empfunden habe - mit dem Unterschied, dass ich vorher schon wusste, dass Atticus ein Rassist ist. Offenbar waren sich aber viele Leser von TKAM dessen auch nicht bewusst, so wie Jean-Louise, denn viele kritisieren an GSAW, dass Atticus eine unrealistische 180°-Drehung machen würde. Was einfach nicht der Fall ist. GSAW zeigt genau das auf, was in TKAM schon angedeutet wurde und was mich da gestört hatte, weshalb ich so froh darüber war, dass GSAW diese Aspekte aufgreift und vertieft. Atticus ist ein Rassist, ein moderater vielleicht, aber er ist trotzdem der Meinung, dass Schwarze und Weiße nicht dieselben Orte besuchen sollten - Schulen, Unis, Cafés, Busse. Und sorry folks, aber das war in TKAM auch schon so. Ihr wolltet es nur nicht sehen. 
Ich fand es ein bisschen unglücklich, dass Jean-Louise' Wut so schnell verpufft. Sie verzeiht ihrem Vater sehr, sehr schnell. Ich konnte sehr gut nachempfinden, dass sie den Kontakt nicht abbrechen konnte und wollte. Ich meine, kennen wir das nicht alle aus unserem Familien- und Verwandtenkreis? Du hörst hier einen rassistischen Kommentar und da einen homophoben und haste nicht gesehen, aber letztendlich ist es deine Familie. Du kannst sie dir nicht aussuchen. Und auch, wenn sie manchmal Mist von sich geben, weißt du, dass es eigentlich gute Menschen sind - wie bei Atticus. Dementsprechend konnte ich wirklich gut nachvollziehen, dass Jean-Louise sich wieder versöhnt. Nur nicht, dass es so schnell geht. 
Außerdem ließe sich noch kritisieren, dass wieder kein schwarzer Charakter so richtig zu Wort kommt und dass Jean-Louise trotzdem auch nicht frei von Rassismus ist, aber GSAW ist viel unverblümter, viel augenöffnender als TKAM. Zumindest habe ich es so empfunden. Alleine funktioniert der Roman aber nicht. 



Alles in allem bin ich froh, beide Romane gelesen zu haben, auch wenn ich sie beide nicht makellos fand und TKAM überbewertet finde - aber genau das ist ja manchmal das Spannende an Büchern, dass sie einen so viel zum Nachdenken anregen und Diskussionen entfachen. Mein Post soll einfach mal eine andere Perspektive auf diese beiden Werke werfen. Außerdem freue ich mich sehr über eure Gedanken dazu: Habt ihr die Romane gelesen? Wie gefielen sie euch? Fielen euch die von mir erwähnten Punkte auch auf oder habt ihr das alles ganz anders wahrgenommen? 

Kommentare:

  1. Bei mir war genau umgekehrt. Ich fand den "ersten" Band einfach total gut und hatte beim zweiten das Gefühl, die Idee/Moral würde in eine komplett andere Richtung laufen...teilweise hat mich das beim Lesen richtig wütend gemacht xD Aber Meinungen sind eben unterschiedlich. Mir hätte To Kill A Mockingbird allein gereicht :(

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    1. Das Gefühl hatte ich halt absolut nicht, weil es in TKAM viele Andeutungen gab, die aber durch das Pazifistische etc überschattet wurden. Vielleicht würde man es bei mehrmaligem Lesen eher bemerken und mir wäre es auch nicht aufgefallen, würde ich mich nicht so viel mit (Anti-)Rassismus in Medien usw. beschäftigen. :) Das soll aber keine Kritik an jenen sein, die TKAM mögen, ich wollte nur nicht, dass das Problematische unter den Teppich gekehrt wird.
      Liebe Grüße! :)

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  2. Huhu liebe Elif! :)

    Ich habe mir jetzt nur TKAM durchgelesen, da ich mich für GSAW nicht spoilern möchte. Wie ich vorhin schon in deinem Rückblickspost geschrieben habe, konnte mich das Buch leider nicht begeistern. Ich fand das Thema dass die Autorin behandelte fantastisch, besonders wenn man bedenkt in welcher Zeit das geschehen ist. Kein Wunder das es damals für Aufmerksamkeit sorgte. Mir persönlich hat das Buch nicht so gut gefallen, da ich keinen richtigen Bezug zur Geschichte hatte. Ich kann es eigentlich nicht so ganz nachvollziehen warum, aber sie hat mich einfach nicht so sehr berührt wie sie eigentlich sollte. Die Handlung fand ich interessant und regt auf jeden Fall zum Nachdenken an, aber leider hatte ich irgendwie keinen Draht zum Buch. Schwer zu erklären, aber vielleicht verstehst du ja trotzdem was ich meine. :)

    Deine kritische Auseinandersetzung finde ich wirklich interessant! Du hast dir wirklich einige tolle Gedanken darüber gemacht. :) Besonders dass du kritisierst dass es wieder die Weißen sind welche die Schwarzen retten. Als wären diese nicht gebildet oder stark genug um das selbst zu tun. Von dieser Sicht habe ich das Ganze noch nicht betrachtet und es ist ein toller Einwurf!! Das Atticus sehr geliebt wurde kann ich hindessen doch sehr verstehen. Natürlich hatte er seine Fehler, aber er ist auch nur ein Anwalt, ein Vater - ein Mensch. Das er trotzdem so viel getan hat, fand ich klasse und ich kann die Begeisterung über ihn auf jeden Fall verstehen aber ich verstehe auch deine Seite. (:

    Ein toller Post, liebe Elif! Gut geschrieben, gut analysiert und kritisiert! Es ist immer richtig interessant Meinungen über Bücher zu lesen, die so unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. :)

    Ganz liebe Grüße,
    Jasi ♥

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    1. Hey Jasi,

      ja, ich denke, ich weiß, was du meinst. Ich fand die Umsetzung auch holprig. Vielleicht, weil Lee dazu gedrängt wurde, ihr eigentliches Buch umzuschreiben?

      Schön, dass dich meine Gedanken zu TKAM zum Nachdenken anregen konnten, das war mein Ziel. :) Wirst du GSAW bald lesen? Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung, wenn dem so sein sollte!

      Liebe Grüße! <3

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