3/23/2016

[Rezension] "Anna und der Schwalbenmann" - Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann - Anna And The Swallowman - Gavriel Savit - cbt - 288 S. - 16,99€ - ISBN 978-3570164044

Krakau, 1939. Anna ist noch ein Kind, als die Deutschen ihren Vater mitnehmen, einen jüdischen Intellektuellen. Sie versteht nicht, warum. Sie versteht nur, dass sie allein zurückbleibt. Und dann trifft Anna den Schwalbenmann. Geheimnisvoll ist er, charismatisch und klug, und ebenso wie ihr Vater kann er faszinierend viele Sprachen sprechen. Er kann Vogellaute imitieren und eine Schwalbe für sie anlocken. Und er kann überleben – in einer Welt, in der plötzlich alles voller tödlicher Feindseligkeit zu sein scheint. Anna schließt sich dem Schwalbenmann an, lernt von ihm, wie man jenseits der Städte wandert, sich im Wald ernährt und verbirgt. Wie man dem Tod entkommt, um das Leben zu bewahren. Aber in einer Welt, die am Abgrund steht, kann alles gefährlich werden. Auch der Schwalbenmann. via
Romane, die im Zweiten Weltkrieg angesiedelt sind, ziehen mich magisch an. So war es keine große Überraschung, dass es sich mit „Anna und der Schwalbenmann“ genauso verhielt – kaum hatte ich erfahren, dass das Buch erscheint, wollte ich es schon lesen. Ich gebe zu, dass der letzte Weltkriegsroman, den ich gelesen habe, die Messlatte ziemlich hoch gesetzt hat („Salt To The Sea“ von Ruta Sepetys), aber auch „Anna und der Schwalbenmann“ konnte mich von sich überzeugen – wenn auch mit ein paar Schwächen.

Zunächst gefiel mir die Sprache und der Schreibstil unglaublich gut. Savit kann schreiben, keine Frage. Nicht nur bildlich, und tiefsinnig, sondern auch metaphorisch, auf eine unkomplizierte Art und Weise – genau so, wie ich es mag. 

"Anna wusste, dass verschiedene Sprachen mit ihren Ausdrucksnuancen verschiedene Grade an Direktheit erzeugten. In einer Sprache sagte man klipp und klar, was man wollte, in einer anderen waren Taschenspielertricks nötig, geheimnisvolle Metaphern, um die Tiefe von Gefühlen oder Metaphern nur anzudeuten." (S.35)

Auch die Charaktere haben mir gefallen und für einige Grüblerei gesorgt. Besonders Anna selbst war sehr beeindruckend, mit ihrer Sprachbegabung und ihrem scharfen Verstand, und obwohl eigentlich gar nicht so viel passiert und sie und der Schwalbenmann „nur“ versuchen, in den Wäldern zu überleben, war das Buch durchweg spannend. Im Laufe des Buches vergehen viele Jahre und der Leser kann mitverfolgen, wie Anna heranwächst, sich weiterentwickelt und zur jungen Frau wird - und damit verbunden noch anderen Gefahren trotzen muss. Schade fand ich, dass Anna aber keinen Gedanken mehr an ihren verschwundenen Vater verschwendet hat und dieser auch nicht nochmal erwähnt wurde. Natürlich war sie zu Beginn des Buches sehr jung und womöglich hat sie ihn einfach vergessen, aber dafür schien mir deren Bindung zu stark. Eine weitere Sache, die mich unbefriedigt zurückgelassen hat, war, dass das ganze Buch sehr vage ist. Der Schwalbenmann ist ein unheimlich interessanter Charakter, aber man erfährt quasi nichts über ihn. Die wenigen Häppchen, die Savit einem reicht, machen nicht satt. Wenige Sätze mehr hätten mir schon gereicht und das Ende weniger abrupt erscheinen lassen, aber so war es doch eher unzufriedenstellend. Dabei hatte das Buch wirklich viel Potenzial, makellos zu sein. Doch auch, wenn Savit das in meinen Augen nicht geschafft hat, ist sein Debütroman absolut lesenswert – sogar eher für ältere, als für jüngere Leser, da ich denke, dass diese die bedrückende Atmosphäre und die unterschwellige Tragik besser erfassen können. Was Sprache und Schreibstil angeht, ist das Buch jedoch auch durchaus für ein jüngeres Publikum geeignet. Wahrscheinlich ist eine Altersbeschränkung ohnehin überflüssig; jeder Leser wird hier auf seine Kosten kommen. Zumal auch jüngere Leser nicht zu unterschätzen sind, wie auch im Buch klug gesagt wird:

"(...) Menschen, die versuchen, ohne Hilfe der Kinder die Welt zu verstehen, sind wie Menschen, die ohne Hilfe von Hefe Brot backen." S. 52

„Anna und der Schwalbenmann“ hat mich beeindruckt. Was Sprache und Schreibstil angeht, habe ich rein gar nichts auszusetzen. Im Gegenteil – der Roman besticht durch ein wunderschönes Spiel mit selbigen. In Bezug auf die Handlung und die Charaktere hatte ich ein paar Kritikpunkte zu vermerken und hätte mir einfach ein paar mehr Informationen gewünscht. Insgesamt war ich aber trotzdem zu keinem Zeitpunkt gelangweilt und habe das Buch verschlungen. Savit ist es gelungen, auf minimalistische Art und Weise viel zu vermitteln – bis hin zur bedrückenden Atmosphäre. Wer gerne tiefgründige Kinder- & Jugendliteratur über den Zweiten Weltkrieg liest, wird mit „Anna und der Schwalbenmann“ auf seine Kosten kommen. Von mir gibt es 4 von 5 Sternen für dieses gelungene Debüt.
★★★★☆

Kommentare:

  1. Hallo liebe Elif,

    na, da konntest du mich jetzt mit deiner Rezension tatsächlich von einem Buch überzeugen, das ich so definitiv nicht weiter beachtet hätte. Zwar hatte ich vor einiger Zeit schon den Klappentext dazu gelesen, aber so wirklich interessiert hatte es mich dann doch nicht. Bei Romanen die in dieser Zeit angesiedelt sind und eher trauriger auf mich wirken, mache ich normalerweiße einen großen Bogen aus Angst zu tief in die Geschichte gezogen zu werden.
    Und auch wenn dir das Ende nicht so wirklich gefallen hat, bin ich nun trotzdem recht gespannt auf das Buch - vor allem, da es von dir ja trotzdem eine sehr gute Bewertung erhalten hat ;-).

    Ganz liebe Grüße,
    Deborah

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    1. Hey Deborah :)
      Ich freue mich, dass ich deine Neugier wecken konnte. Und bin gespannt auch deine Meinung, solltest du es lesen.
      Liebe Grüße!

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  2. Liebe Elif,
    da hast du mir doch tatsächlich schon wieder ein Jugendbuch schmackhaft gemacht ... Wären da nur nicht meine vielen anderen ungelesenen Bücher :D Aber du hast Recht, manchmal stört es einen als Leser, wenn der Autor eine Figur so stark im Dunkeln lässt. Zuweilen finde ich es aber auch sehr hilfreich, denn im "wirklichen Leben" kennen und erfahren wir auch nicht alle Details und Seiten einer Geschichte.
    Alles Liebe, Charlotte

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    1. Hehe, es tut mir nicht leid, ich glaube nämlich, dass es dir wirklich gefallen könnte. :D Es ist wirklich wunderschön geschrieben. Das Im-Dunkeln-Lassen wird tatsächlich sogar fast ein bisschen begründet. Mir hat das nicht gereicht, aber vielleicht wäre es bei dir anders. Falls du es lesen solltest, bin ich sehr gespannt auf deine Meinung. :)

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