2/13/2016

[Rezension] "Infernale" - Sophie Jordan

Infernale - Uninvited - Sophie Jordan - Loewe - 1/2 - 383 S. - 17,95€ - ISBN 978-3-7855-8167-4


Von klein auf hörte ich Wörter wie begabt. Überdurchschnittlich. Begnadet. Ich hatte all diese Wünsche, wollte etwas werden. Jemand. 
Niemand sagte: Das geht nicht. 
Niemand sagte: Mörderin. 

Als Davy in einem DNA-Test positiv auf das Mördergen Homicidal Tendency Syndrome (HTS) getestet wird, bricht ihre heile Welt zusammen. Sie muss die Schule wechseln, ihre Beziehung scheitert, ihre Freunde fürchten sich vor ihr und ihre Eltern meiden sie. Aber sie kann nicht glauben, dass sie imstande sein soll, einen Menschen zu töten. Doch Verrat und Verstoß zwingen Davy zum Äußersten. Wird sie das werden, für das alle Welt sie hält und vor dem sie sich am meisten fürchtet – eine Mörderin? via


„Forscher finden Genmutation bei Gewalttätern“ (www.welt.de) – solche und ähnliche Nachrichten sind uns heutzutage nicht fremd. Und was, wenn es wirklich ein Gewalt-Gen gibt? Wie würde die Gesellschaft damit umgehen? Dieses Gedankenspiel verfolgt auch Sophie Jordan in „Infernale“. Hatte ich zu Anfang noch ein eher softes Jugendbuch mit Dreiecksbeziehung erwartet, so wurde ich spätestens nach ein paar Seiten eines Besseren belehrt. „Infernale“ ist nicht zimperlich. Und konnte mich gerade deswegen in seinen Bann ziehen. Schon als Davy die Schule wechseln muss und mit weiteren Trägern in eine Klasse kommt, die im Prinzip ein Käfig im Keller einer Schule ist, passierten Dinge, die meiner Meinung nach schon eine Trigger-Warnung benötigen. Auch die Reaktionen der Umgebung und besonders der Freunde Davys konnten mich überzeugen, auch wenn ich nicht glauben wollte, dass das wirklich geschehen könnte. Dass Menschen, die sonst so lieb, hilfsbereit, beliebt und harmlos sind, aufgrund eines Gens zu Aussätzigen werden. Aber doch, im Grunde ist das sehr realistisch. Denn genau das gab es in der Geschichte schon. Und genau das wiederholt sich immer wieder. Dass Menschen aufgrund ihrer Gene von der Gesellschaft ausgeschlossen, isoliert und gar deportiert und getötet werden. In diesem Fall eben aufgrund eines Mörder-Gens. Und es ist erschreckend, wie vorstellbar das alles eigentlich ist. 

Dementsprechend fand ich diesen Auftakt mehr als spannend und gelungen. Es gab Kleinigkeiten, die mir nicht gefielen, wie zum Beispiel, dass Davy eine eher klischeehafte, ach-so-perfekte Protagonistin ist. Talentiert, beliebt, privilegiert, mit dem tollsten Kerl der Schule zusammen – andererseits musste ich hier an die Fallhöhe aus der aristotelischen Dramentheorie denken (ja, irgendwas ist aus dem Germanistik-Studium offenbar hängengeblieben :D): je höher der „Stand“ einer Person zu Anfang, desto tiefer kann sie fallen und desto mehr Wirkung hat das auf den Zuschauer / Leser. Ich will nicht unbedingt darauf bestehen, dass die Autorin das ebenfalls im Sinn gehabt hat, doch groß gestört hat es mich dadurch auch nicht. Was mich allerdings wirklich gestört hat, war, dass Davy andauernd die Akne bei einer anderen Person hervorheben musste. Das kam mir nicht mehr wie ein charakterspezifischer Aspekt vor, Davy könnte schließlich sehr oberflächlich sein, nein; in diesem Fall schien es mir eher wie unnötiges Herumgehacke auf einer unnötigen Tatsache/Information, denn besagte Akne der Person hat zur Handlung und dem Geschehen nicht beigetragen. 
Bei der Übersetzung hat mich außerdem gestört, dass die Übersetzerin öfter „gewöhnt“ statt „gewohnt“ geschrieben hat. Ich habe mich tatsächlich nochmal schlau gemacht, um sicher zu gehen, ob ich nicht falsch liege, aber in diesem Fall war es nicht so. Ein Beispiel: „Wie auch, du bist schließlich das hier gewöhnt.“ (S. 194). 

Abgesehen davon habe ich aber nichts mehr auszusetzen. Im Gegenteil, gerade die Nebenfiguren müssen nochmal positiv hervorgehoben werden. Besonders Sean und Gil fand ich sehr interessant und hätte gerne mehr über die beiden erfahren. Vielleicht im nächsten Band? Ich hoffe es sehr!


Mir hat „Infernale“ gut gefallen. Es war ein interessantes und realistisches Gedankenspiel, spannend und teilweise sehr brutal erzählt und geschrieben, mit interessanten Nebenfiguren und einem ziemlich coolen Love Interest. Ich bin gespannt, wie es mit Davy weitergeht und werde den zweiten Teil sicher auch lesen. Von mir gibt es 4 von 5 Sternen dafür.

Nachtrag: Eine Einordnung ins Genre der Dystopien finde ich übrigens unpassend. Das Buch spielt nur ein paar Jahre nach heute, die Gesellschaft ist so ziemlich die gleiche, nur dass es eben eine neue Instanz in der Regierung gibt, die sich um Träger „kümmert“. Für mich war das eher eine Gesellschaftskritik ohne dystopische Elemente, aber darüber lässt sich vielleicht streiten.

Kommentare:

  1. Hallöchen Elif,
    ich habe dieses Buch auch vor kurzem gelesen und ich habe es auch sehr gerne gelesen. Ich habe mich wirklich gut unterhalten gefühlt und bin gespannt auf den nächsten Teil auch wenn ich das Ende vom ersten Band nicht so sehr mochte, weil es so typisch Dystopie war. Was es meiner Meinung nach übrigens durchaus ist. Eine Dystopie ist ja nichts anderes als eine erschreckende bzw. schreckliche Zukunftsversion und das ist es eindeutig, dabei ist es doch relativ egal wie weit in der Zukunft das Buch spielt.


    Liebst, Lotta

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    1. Wie gesagt, darüber lässt sich bestimmt streiten, aber Dystopien sind für mich doch etwas "mehr" - nicht in Bezug auf den Wert, sondern auf das Geschehen. Eher eine Zeit, der etwas vorangegangen ist, was dazu geführt hat, dass die "Dystopie" überhaupt entstanden ist, etwas größeres als die Entdeckung eines Gens. Aber vielleicht ist mein Verständnis einer Dystopie auch zu eng gefasst. So oder so war es ein gutes Buch, da stimme ich dir zu. :)

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  2. Hey meine Liebe :)
    Nachdem ich meine Rezension jetzt fertig hab, wollte ich mal bei deiner vorbei schauen. Wir sind so ziemlich der gleichen Meinung :D Das mit dem "gewöhnt" ist mir gar nicht aufgefallen, aber natürlich glaube ich es dir. Schon schade. Und das mit der Fallhöhe :D Ach Elif...:D Ich finde auch, dass man die Charaktere ein bisschen leicht in Schubladen sortieren konnte, aber dass das Grundkonzept echt klasse ist. Teil zwei kommt ja schon relativ bald. Mal gucken, wie es dann weitergeht :)
    Sehr gelungene Rezension!
    Julia :*

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