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[Rezension] "A Monster Calls" - Patrick Ness





Titel: A Monster Calls
Autor: Patrick Ness
Verlag: Walker Books
Seitenzahl: 214
Preis: ~10€







Manchmal, wenn auch selten, kommt es vor, dass die Geschichte um ein Buch mindestens genauso berührend ist wie die Geschichte in einem Buch. So auch bei „A Monster Calls“ von Patrick Ness, welches auf einer Idee der zu jung an Krebs verstorbenen Autorin Siobhan Dowd basiert, die ihr Buch nicht mehr fertigstellen konnte. Dowd konnte nicht mehr zeigen, wie sie diese Geschichte geschrieben hätte; doch außer Zweifel steht, dass es Patrick Ness, der sie nach einiger Überlegung übernommen hat, außerordentlich gut gelungen ist. „A Monster Calls“ erzählt von Trauer, von Resignation, von Schuldgefühlen, von Alleingelassensein und von Angst – all das gepaart mit fantastischen Elementen. Oder? Denn die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt sind nicht immer eindeutig…
Der 13-jährige Conor O‘Malley hat jede Nacht denselben Albtraum, seit seine alleinerziehende Mutter schwer erkrankt ist. Einen Albtraum, in dem ein Monster vorkommt, voller Schreie und Dunkelheit. Einen Albtraum, der ihm größere Angst einjagt als alles andere. Auch als das Monster, das eines Nachts sieben Minuten nach Mitternacht vor seinem Fenster steht. Und fortan immer wieder um diese Uhrzeit auftaucht. Dieses Monster jedoch verursacht keine Schreie. Dieses Monster will von Conor nur eins: Die Wahrheit erfahren. Doch Conor würde lieber sterben, als sie auszusprechen.


A Monster Calls (zu dt.: Sieben Minuten nach Mitternacht) vom erfolgreichen Jugendbuchautor Patrick Ness wurde seit dem Erscheinen 2011 in mehreren Varianten herausgebracht. Es gibt in beiden Sprachen reine Textausgaben, aber auch Ausgaben mit den Illustrationen von Jim Kay, welcher spätestens seit der illustrierten Ausgabe von Harry Potter und der Stein der Weisen an Bekanntheit gewonnen hat. Auf ebenjene illustrierte Ausgabe bezieht sich die Rezension; zudem ist jene ausdrücklich zu empfehlen, da die Visualisierungen das Leseerlebnis eindrucksvoll intensivieren. 

Durch düstere, schwarz-weiße Zeichnungen gelingt es Jim Kay, die Grundstimmung der Geschichte einzufangen und Conors Trauer, Resignation, Aggressivität und sehr wahrscheinlich auch Depression gekonnt darzustellen. Bei genauerer Betrachtung fällt zudem auf, dass die Illustrationen, die die reale Welt darstellen, geradliniger und deutlicher gezeichnet sind, während die Szenen, in denen das Monster auftaucht, die vermeintliche Traumwelt, schemenhaft, undeutlich und unruhig erscheinen. Dadurch untermalen die Zeichnungen sowohl die Existenz zweier Ebenen, als auch ihre Undeutlichkeit. Denn sowohl beim Betrachten der Illustrationen, als auch beim Lesen des Buches fragt man sich als Leser durchgängig, was real ist und was nicht. Dafür, dass das Monster nur in Conors Kopf existiert, spräche, dass die wörtlichen Reden des Monsters nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet, sondern lediglich kursiv und teilweise zur Emphase dick gedruckt sind. Auch, dass nur Conor das Monster sehen kann und dass das Monster aus der Eibe entsteht, die im Garten steht und die Conors Mutter so liebt, könnte dahingehend interpretiert werden. Andererseits hinterlässt das Monster nach jedem Besuch etwas – wie zum Beispiel Beeren oder Blätter ebenjener Eibe. Was ist nun wahr und was nicht? Und muss etwas Wahres auch real sein? Und was ist überhaupt Realität und was Traum? “But what is a dream, Conor O'Malley? the monster said, bending down so it's face was close to Conor's. Who is to say that it is not everything else that is the dream?” (S.40)

Doch für Conor scheint bis zuletzt das Monster, das sieben Minuten nach Mitternacht auftaucht, unbedeutend zu sein, sodass er sich wenig Mühe macht, herauszufinden, ob es wirklich existiert oder nicht. Denn Conors Angst umfasst etwas anderes, seinen Albtraum, das wahre Monster. Das, welches ihm Schuldgefühle bereitet. Welches ihn resignieren lässt und welches dafür sorgt, dass ein 13-jähriger Junge schon zu sarkastischen oder gar zynischen Antworten und Gedanken neigt. Denn obwohl Conor durch das Monster, seine Mutter, das unwillkommene Mitleid und das Mobbing in der Schule eigentlich genug Gründe hätte, wütend oder ängstlich zu sein, bleibt er lange emotionslos. Bis er nach und nach von dem Monster lernt, dass es nicht nur ‚Gut‘ und ‚Böse‘ gibt. Und dass nicht unsere Gedanken und Worte uns definieren, sondern unsere Taten. “You do not write your life with words, the monster said. You write it with actions. What you think is not important. It is only important what you do.” (S. 202)

Mit emotionalen, berührenden Worten gelingt es Ness, den Leser von Anfang an in den Bann der Geschichte zu ziehen und bis zum Ende nicht loszulassen – und selbst da nur mit Tränen in den Augen. Ein Buch, das derartige Emotionen hervorzurufen vermag, verdient es zurecht, als herausragend bezeichnet zu werden. Dieser Eindruck spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 und zahlreichen weiteren Nominierungen und Preisen im englischen Sprachraum wieder. Eine Einstufung als reines Jugendbuch erscheint jedoch unzureichend. Der vom Verlag vorgeschlagenen Altersempfehlung von 12 Jahren ist zuzustimmen, doch wird A Monster Calls auch erwachsene Leser begeistern können – vor allem jene, die selbst schon mal Verlust und Trauer durchlebt haben. Aufgebaut wie ein modernes Märchen, gepaart mit überraschend lustigen – und gleichermaßen bitter-traurigen Stellen, wird die Botschaft nicht nur junge Leser mit einer Gänsehaut zurücklassen. 


So tragisch es ist, dass Siobhan Dowd ihre Geschichte nie fertigstellen konnte - es ist eine Bereicherung für jeden Leser, dass Patrick Ness sich getraut hat, ihre Idee umzusetzen. Ihm als Autor und Jim Kay als Illustrator ist es mit A Monster Calls gelungen, ein neuzeitliches Märchen zu erzählen, welches zugleich zeitlos ist. Emotionen, die mit Verlusten einhergehen, wie Trauer, Wut, Angst, Resignation und Schuld werden aufgegriffen und durch das Verflechten von Realität und Traumwelt so geschickt umgesetzt, dass der Leser vom Anfang bis zum Ende gebannt ist - und das Buch zum Schluss nur widerwillig und mit feuchten Augen zuklappen kann.
Volle 5/5 Punkten gibt es von mir. 

Kommentare

  1. Mir ist tatsächlich Jim Kay erst durch die Schmuckausgabe des ersten Harry Potter Bandes aufgefallen. Und ich liebe seine Bilder. Dadurch ist klar, dass auch dieses Buch sofort auf meiner Wunschliste landet :)

    Danke für den Buchtipp!
    Tessa

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    1. Ja, mir auch, deshalb war es keine Frage, dass ich die illustrierte Ausgabe von AMC lesen musste :) Du wirst es sicher lieben!

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  2. Wow, eine echt tolle Rezension! Danke auch für den Hinweis der illustrierten Ausgabe, denn die ist bisher an mir vorübergegangen (wobei mir das Cover der Taschenbuchausgabe mehr gefällt):
    Landet direkt auf der Wunschliste! :)

    Liebe Grüße,
    Sarah

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    1. Danke schön, liebe Sarah :) Vielleicht ist die Taschenbuchausgabe trotzdem illustriert? Das wäre ja ideal.
      :)

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