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[Rezension] "Die Erfindung der Flügel" - Sue Monk Kidd



Titel: Die Erfindung der Flügel
Originaltitel: The Invention Of Wings
Autor: Sue Monk Kidd
Verlag & Kooperation: btb
Seitenzahl: 496
Reihe: 1/1
Bildquelle

Die elfjährige Sarah, wohlbehütete Tochter reicher Gutsbesitzer, erhält in Charleston ein ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk – die zehnjährige Hetty »Handful«, die ihr als Dienstmädchen zur Seite stehen soll. Dass Sarah dem schwarzen Mädchen allerdings das Lesen beibringt, hatten ihre Eltern nicht erwartet. Und dass sowohl Sarah als auch Hetty sich befreien wollen aus den Zwängen ihrer Zeit, natürlich auch nicht. Doch Sarah ahnt: Auf sie wartet eine besondere Aufgabe im Leben. Obwohl sie eine Frau ist. Handful ihrerseits sehnt sich nach einem Stück Freiheit. Denn sie weiß aus den märchenhaften Geschichten ihrer Mutter: Einst haben alle Menschen Flügel gehabt... via

An der amerikanischen Geschichte interessiert mich die Sklaverei, die Emanzipation der Schwarzen, der Bürgerkrieg und die Bürgerrechtsbewegung am meisten. Deshalb schien dieses Buch wie für mich gemacht, nachdem ich es erst einmal entdeckt hatte. Und ich wurde keinesfalls enttäuscht.

Das Buch ist schonungslos und dabei geht es den Sklaven im Hause Grimké im Vergleich wahrscheinlich noch gut. Dennoch erlebt man durch die Perspektive von Handful und ihrer Mutter Charlotte viel Leid und wird mit weiteren Leidensgeschichten konfrontiert, die einem wie erfunden vorkommen - dabei hat es sie genau so, wenn nicht gar schlimmer, gegeben. Es ist erschreckend, zu erfahren, wie die Sklaverei verharmlost und legitimiert wurde, wie selbstverständlich es war, Schwarze als niedere Menschen zu betrachten und welche Foltermethoden gefunden wurden, um immer mehr Qualen und Gehorsam hervorzurufen. Dabei ist es rührend zu sehen, wie Handful und auch andere Sklaven (wie z.B. ihre Mutter) versuchen, mit kleinen Elementen der Rebellion ihr Leben erträglicher zu machen.

"Mein Brustkorb sank in sich zusammen. Ich schloss die Augen. Ich war diese elende Welt so leid." (Handful, S. 376)

Was mich am Anfang etwas skeptisch gemacht hat, war der Aspekt der Freundschaft zwischen der weißen, reichen Sarah Grimké und der schwarzen Sklavin Handful. Ich hatte gehofft, die Geschichte würde nicht daraus hinauflaufen, dass das weiße Mädchen heroisiert wird, weil sie so gütig ist, für die Rechte einer Sklavin zu kämpfen - dass es also wieder die Weißen sind, die alles toll machen und retten und ohne die ist sowieso alles unmöglich und die Sklaven zollen ihr ein Leben lang Dankbarkeit und so weiter, wisst ihr, was ich meine? Zum Glück konnte ich das nicht erkennen. Natürlich ist Sarah die, die mehr tun kann, aber Handful ist eine starke Frau, die Sarah deutlich macht, dass ihr Verhalten selbstverständlich sein sollte und ihr nicht ewiger Dank gebührt, was mir wirklich sehr gut gefallen hat. 

Das klingt jetzt alles so, als sei Sarah alles andere als sympathisch - weit gefehlt. Sarah als kleines Mädchen fand ich unfassbar toll. Später entwickelt sie sich in eine etwas andere Richtung, wobei sie auch danach wiederum mehrere Entwicklungen durchgeht, die allesamt plausibel und authentisch schienen, weshalb ich sehr gerne auch aus ihrer Perspektive gelesen hab. Zudem erfährt man in diesem Buch durch Sarahs Perspektive nicht nur von der Emanzipation der Sklaven, sondern auch von der Emanzipation der Frauen. Von klein auf wird Sarah in ihrer Intelligenz eingeschränkt und daran gehindert, ebenfalls zu studieren, wie ihre Brüder.

"Sie war gefangen, so wie ich, wenn auch von ihren geistigen Schranken und den geistigen Schranken all der Menschen rings um sie, und nicht vom Gesetz. [...] Ich sagte: "Mein Körper mag ein Sklave sein, aber nicht mein Geist. Bei dir ist es umgekehrt."" (Handful, S. 273)

Durch solche und weitere Rückschläge entwickelt sich eine Frau, die beginnt, für vieles einzustehen, was nicht richtig ist. Interessant ist hierbei - das erfährt man erst im Nachwort - dass es Sarah und ihre Schwester Angelina Grimké wirklich gegeben hat. Die beiden waren mitunter die ersten, die sich für Frauenrechte und gleichzeitig gegen die Sklaverei ausgesprochen haben, sind aber heutzutage mehr oder weniger vergessene Persönlichkeiten einer Zeit, die ohnehin viel zu wenig aufgearbeitet wird. Die Autorin hat im Sinne des Romans einige Fakten geändert und hinzugefügt (Handful ist beispielsweise dazugedichtet), dies aber sehr gekonnt. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie nicht weiß, wovon sie schreibt. Im Gegenteil, die Autorin bringt so viele Aspekte ein, dass man glauben könnte, sie hat Zeitzeugen befragt. Nicht nur ist der Roman fesselnd, emotional und wundervoll geschrieben, er vermag es auch, gleichzeitig so viel geschichtliches Wissen zu vermitteln, dass ich gar nicht anders konnte, als begeistert zu sein. Und bei alldem ist nichts Schönrederei. Sowohl Handful, als auch Sarah haben bis zum Ende kein einfaches Leben und wenn wir ehrlich sind, wäre alles andere auch unrealistisch. 

"Die Erfindung der Flügel" hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Dieser Roman vereint so vieles, was mich fesselt: Auflehnung gegen Rassismus und Sklaverei, Emanzipation von Minderheiten und Frauen und dabei auch das Scheitern dessen, keine Schönrederei, einen wundervollen Schreibstil, die Vermittlung vieler historischen Begebenheiten und sympathische und authentische Figuren. Es sollte viel mehr von solchen Büchern geben. Ich bin restlos begeistert gewesen und kann es wirklich jedem empfehlen, der sich auch nur ein bisschen für diesen grausamen Abschnitt der Menschheitsgeschichte interessiert. Von mir gibt es selbstverständlich 5 von 5 Sternen für dieses grandiose Werk. 

Kommentare

  1. Huhu :)
    Tolle Rezi! Ich liebe dieses Buch einfach. Es ist wirklich großartig geschrieben, das schafft nicht jeder Autor. Ich fand es gut, dass die Geschichte so lebensnah und unbeschönigt erzählt worden ist. Und dass kein reicher Mann als edler Retter der armen Frauen fungiert. Letzteres ist ja leider öfters der Fall in Südstaatenromanen.

    Liebe Grüße,
    Sana

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  2. Ich find's toll, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat! Gerade den Aspekt deiner Rezension, wo du über deine Befürchtung geschrieben hast, dass Sarah quasi heroisiert wird, weil sie die Sklaverei nicht gutheißt und dagegen ankämpft etc., konnte ich richtig gut nachvollziehen, weil das auch meine Befürchtung war, bevor ich das Buch begonnen habe. Zum Glück war's nicht so! :D

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  3. Ich hab das Buch bei Liesa schon gesehen und fand da die Rezension auch unglaublich ansprechend; jetzt hab ich noch umso mehr Lust, es zu lesen. Der geschichtliche Aspekt klingt einfach verdammt interessant - ich hatte aus dem Text aber auch ein wenig Angst, wie du, dass die Weiße heroisiert wird - aber gut zu lesen, dass das nicht so ist.

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