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[Rezension] "Der Russe ist einer, der Birken liebt" - Olga Grjasnowa





Titel: Der Russe ist einer, der Birken liebt
Autorin: Olga Grjasnowa
Verlag: Hanser
Seitenzahl: 288
Preis: 9,99€


Mascha ist jung und eigenwillig, sie ist Aserbaidschanerin, Jüdin, und wenn nötig auch Türkin und Französin. Als Immigrantin musste sie in Deutschland früh die Erfahrung der Sprachlosigkeit machen. Nun spricht sie fünf Sprachen fließend. Sie plant gerade ihre Karriere bei der UNO, als ihr Freund Elias schwer erkrankt. Verzweifelt flieht sie nach Israel und wird von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Ebenso tragisch wie komisch, mit Sinn für das Wesentliche erzählt Olga Grjasnowa die Geschichte einer Generation, die keine Grenzen kennt, aber auch keine Heimat hat. via


Manchmal liest man Bücher eben zum falschen Zeitpunkt. Ich bin so froh, dass ich diesem Exemplar eine zweite Chance gegeben habe, denn mir ist bewusst geworden, dass ich beim ersten Lesen einfach noch nicht bereit dafür gewesen bin. Hier übrigens meine Rezension von damals. Ein Störfaktor war für mich damals gewesen, dass Grjasnowa so viel Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in die Gesellschaft reininterpretiert und transportiert - ich merke inzwischen, dass sie damit Recht hat. Und wie. Mein Bewusstsein hat sich in solcherlei Dingen sehr verändert und inzwischen sehe ich einfach vieles genauso wie die Protagonistin des Romans. Diese hasst die Wörter "Migrationshintergrund" und wird generell oft mit Ungerechtigkeiten konfrontiert. Das fand ich dieses Mal wirklich faszinierend dargestellt, so anschaulich und realistisch. 

Außerdem gab es viele Aspekte, die ich sehr spannend fand. So zum Beispiel Maschas jüdische Identität und ihre Haltung zum Nahost-Konflikt - die einfach keine ist. Und dadurch ist sie so authentisch. Wenn sie mit Israel-Gegnern zu tun hat, sieht sie sich gezwungen, Israel in Schutz zu nehmen, obwohl sie dort noch nie gelebt hat und nur ihre Religion sie mit dem Land verbindet ( - die sie nicht einmal auslebt, wohlgemerkt). Wenn sie nun aber auf ihrer Israel-Reise mit Gegner der Palästinenser redet, nimmt sie diese wiederum auch in Schutz. Sie ist zwischen den Stühlen, unentschlossen, die ganze Zeit. Der Tod ihres Freundes Elias und die Trauer um ihn sind lediglich der Auslöser, der Trigger. Trigger auch insofern, als dass dadurch ihr Trauma aus ihrer Kindheit ebenfalls wieder hochkommt, die Erinnerung an den Krieg in Aserbaidschan, den sie miterlebt hat. Das, gepaart mit ihrer Orientierungslosigkeit und Heimatlosigkeit, ist ganz bezeichnend für das Buch. 

Faszinierend fand ich auch, dass Mascha eigentlich der Inbegriff der Globalisierung ist. Sie ist in vielerlei Hinsicht so multikulturell - in Aserbaidschan als Jüdin geboren, in Deutschland aufgewachsen. Spricht Aserbaidschanisch (und versteht somit auch Türkisch), Russisch, Deutsch, Arabisch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Mascha ist alles und nichts. 

Hatte ich beim letzten Mal ihren Charakter kritisiert, so war es diesmal genau das Gegenteil. Ich konnte sie nicht nur verstehen, ich konnte sie fühlen. Ich war fasziniert, bis zur letzten Seite. So viele Widersprüche, die aber doch alle Sinn machen, in einer Person vereint. 
Der Scheibstil hat das Ganze ideal abgerundet. Er ist nüchtern, aber jeder Satz ist überlegt und trifft ins Schwarze. Eine Gesellschaftskritik vom Feinsten.
Ich kann es nur wiederholen: Ich bin so froh, dieses Buch ein zweites Mal gelesen zu haben. Es ist grandios. Genial. Eine Gesellschaftskritik vom Feinsten, eine, die nicht treffender sein könnte. Das Buch wurde und wird nicht umsonst so hoch gelobt. Lest es, wenn ihr euch mit Themen wie Rassismus, Wir-Ihr-Konstruktionen, Orientierungslosigkeit und Heimatlosigkeit, sowie Multikulturalismus beschäftigen wollt. Lasst euch auf Mascha ein. Sucht nach ihren Widersprüchen und ihrer Sinnhaftigkeit. Es lohnt sich. Die Rezension wird meinen Gedankengängen nicht würdig, aber ich hoffe, ich konnte sie ein wenig in Worte fassen. Selbstverständlich sind das 5 von 5 Sternen

Kommentare

  1. Hey Elif :)
    Ist wirklich krass, wie man so ein Buch aufnimmt, wenn das Timing nicht stimmt. Das habe ich auch schon erfahren.
    Bei dem Titel allein kräuseln sich mir die Zehennägel hoch, muss ich sagen. Das ist die Ethnologin in mir, die mit solchen Titeln einfach negative Dinge verbindet :D
    Allerdings hört sich das Buch interessant an, gerade weil ich Ethnologin bin (oder es werde. irgendwann, in ferner Zukunft ;) ).

    Alles Liebe

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    Antworten
    1. Dazu muss man sagen, dass das Buch mit Vorurteilen spielt - du solltest es auf jeden Fall mal ausprobieren, ich glaube, gerade deswegen könntest du dem viel entnehmen! Es ist überzeichnet, aber damit erzielt es einen genialen Effekt. Zumindest war es bei mir so. :D

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  2. Auf die Rezension war ich wirklich gespannt, nachdem du auf Goodreads so geschwärmt hast :D

    Das Buch klingt wirklich interessant, aber es wirkt ein wenig so, als müsste man über die Thematik ein wenig Hintergrundwissen besitzen, damit man es vollständig versteht. Aber ich vielleicht probiere ich es mal, wenn die Zeit für so ein Buch gekommen ist :)

    Liebe Grüße,
    Lyrica

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