Direkt zum Hauptbereich

[Rezension] "Sturmhöhe" - Emily Brontë


Titel: Sturmhöhe
Originaltitel: Wuthering Heights
Autor: Emily Brontë
Verlag: dtv
Seitenzahl: 464
Preis: 9,90€
Erscheinungsjahr: 1847
Der Findling Heathcliff wächst bei Familie Earnshaw auf dem Gutshof Wuthering Heights in Yorkshire auf. Mit deren stürmischer und leidenschaftlicher Tochter Catherine verbindet ihn eine tiefe Freundschaft. Als der Stiefbruder nach dem Tod des Vaters dem Alkohol und der Spielsucht verfällt und beide terrorisiert, entschließt sich Catherine entgegen ihrer Gefühle, den reichen und angesehenen Nachbarn Edgar Linton zu ehelichen. Der schwer gekränkte Heathcliff schwört, sich daraufhin an beiden Familien zu rächen... via

Kaum jemand, der sich in der Buchwelt bewegt, wird nicht von diesem Klassiker gehört haben. Bei mir ist es ja so, dass ich alle Klassiker kennen will, aber mich dann oft doch nicht rantraue – umso besser hat es diesmal geklappt, da ich mir das Buch zusammen mit Liesa vorgenommen habe. Wir haben uns gegenseitig motivieren können, wobei ich sagen muss, so unbedingt nötig war das gar nicht, denn „Sturmhöhe“ las sich wirklich sehr flüssig und angenehm, nicht so wie viele andere Klassiker, bei denen man einen Satz auch mal mehrmals lesen muss. 

Das muss ich auch auf jeden Fall als Pluspunkt anmerken – trotz der kleinen Schrift hatte ich nie Probleme, weiterzulesen. Ich wollte die ganze Zeit wissen, wie es weitergeht und habe mich jedes Mal wieder gefreut, das Buch in die Hand nehmen zu können. Dieses Gefühl des Gefesseltseins muss ein Klassiker erstmal hinbekommen, das rechne ich „Sturmhöhe“ hoch an. 

Was sowohl als Plus-, als auch als Minuspunkt gewertet werden kann, sind die Charaktere. Ich habe mich anfangs auf Intrigen, Missverständnisse und gebrochene Herzen eingestellt. Zugegeben, das war auch alles vorhanden – doch im Mittelpunkt stand einfach nur das negative, verabscheuenswerte Böse. Vor allem Heathcliff, Hindley und die ältere Catherine waren mir durchgehend zuwider, obwohl ich anfangs noch gehofft hatte, Heathcliff wäre ein missverstandener, grober, aber weichherziger Charakter. Dem war ganz und gar nicht so, denn alles, was diese Figuren taten, schadete anderen. Ich habe mich durchgängig gefragt, wie es sein kann, dass man so grundsätzlich böse agiert und habe selbst an den meisten anderen Charakteren keinen Gefallen finden können, weil das Böse in ihrer Umgebung auch bei ihnen Spuren hinterlassen hatte. Lediglich gegen Ende habe ich mich mit der jüngeren Catherine anfreunden können und habe mich ein kleines bisschen in Hareton verliebt; er war genau das, was ich mir anfangs bei Heathcliff erhoff t hatte – grob, wüst, aber gutherzig und fürsorglich. 
Insgesamt lebt das Buch von vergleichsweise wenigen Charakteren aus zwei Familien. Das ist überschaubar, aber zum Glück keineswegs langweilig. 

Zur Handlung muss man sagen, dass eigentlich gar nicht extrem viel passiert – im Grunde ist es eine Erzählung einer Haushälterin, die am Ende in der Jetzt-Zeit abgeschlossen wird. Sie hat den Werdegang der Familien in drei Generationen verfolgt und schildert diesen. Hierbei geht es, wie gesagt, viel um Hass, Rache, Intrigen, Besessenheit, Liebe und Wahnsinn, über viele, viele Jahre hinweg. 

Aus heutiger Sicht habe ich auch überlegt, dass eine Dinge vielleicht kritisch zu betrachten sind. Beispielsweise sind die Haushälter und Bediensteten sehr zufrieden mit ihrer Position und können sich scheinbar nichts Besseres vorstellen. Ich bezweifle, dass das so oft der Fall gewesen ist. Außerdem wird Heathcliff als Mischlingskind bezeichnet, mit dunkler Haut. Zugleich ist er die Person, die als tiefteuflich betitelt und beschrieben wird – alle anderen sind nicht so dämonisch wie er. Ich weiß nicht, ob ich dem zu viel Bedeutung beimesse und das fließt auch nicht in meine Bewertung ein, aber die Beobachtungen würden in den Zeitgeist des Entstehungsraumes passen; ich wollte sie einfach hinzufügen. 

Schade fand ich, dass in meiner Ausgabe die Genealogie direkt vor dem Beginn des Buches abgedruckt war. So wusste ich direkt, wer wen heiraten würde, was der Geschichte ein wenig die Spannung genommen hat. Vielleicht liest der dtv-Verlag das ja und ändert es in den nächstes Auflagen. :D Wahrscheinlicher ist aber, dass es so bleibt – solltet ihr also diese Ausgabe lesen, dann empfehle ich euch, den Stammbaum zu überblättern.

Alles in allem hat mir der Klassiker „Sturmhöhe“ wirklich gut gefallen. Er hat mich unterhalten, war flüssig zu lesen und hat mich dazu gebracht, auch fernab vom Lesen über die Charaktere nachzudenken und auf das Ende hinzufiebern. Ich verstehe aber immer noch nicht so recht, was es gebracht hat, dass so viel Bosheit im Buch herrschte. Am Ende hätte vielleicht ein „Aha“-Moment folgen können, der alles irgendwie erklärt, aber dieser blieb aus. Aus diesen Gründen ziehe ich einen Punkt ab, freue mich aber dennoch darüber, einen schönen Klassiker gelesen zu haben, dessen Verfilmungen ich mir nun nach und nach zu Gemüte führen werde. 4 von 5 Sternen vergebe ich.

Kommentare

  1. Hallo :),
    deine Rezension zu dem Buch hat mir wirklich gut gefallen. Ich wusste gar nicht das Heathcliff so bösartig wird. In meinem Kopf war das immer nur eine gescheiterte Liebesgeschichte. Ich hab sie auch im Schrank stehen, habe mich aber bis jetzt noch nicht an das schwierige Englisch rangetraut. Ich nehme mir es zwar immer vor, aber du weißt ja sicherlich wie das ist... :'D

    Alles Liebe!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey!
      Lieben Dank :) Ja, so habe ich mir das ganze auch vorgestellt - war dann doch ziemlich anders :D Mit dem Englischen, das kann ich nur zu gut nachvollziehen, ich hab jetzt zwei Jane Austen-Romane auf Englisch vor mir und zweifle schon an meinen Fähigkeiten, obwohl ich noch nicht mal angefangen habe :D Aber Sturmhöhe liest sich wirklich gut für einen Klassiker, auf Englisch dann ja bestimmt auch! :)

      Löschen
  2. Hi, ich wollt nur einmal kurz anmerken: Ich habe deinen Blog gerade erst entdeckt und bin jetzt schon total entzückt davon :D !! Mir gefällt dein Büchergeschmack sehr, wenn man das so sagen kann :D ! Und diese Ausgabe von "Sturmhöhe" ist wirklich schön :) Hab mir letztens die Barnes & Noble Ausgabe von den Bronté Schwestern gekauft und bin schon sehr gespannt, wie mir die Romane gefallen werden :)

    Liebe Grüße,
    Karin von book-up-your-life.de

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Aww, das ist so lieb, danke! <3 Dein Blog gefällt mir auch total gut!
      Die Barnes & Noble-Ausgabe ist SO schön! Da bin ich ja ein wenig neidisch :D Agnes Grey kenne ich noch nicht, aber Jane Eyre fand ich schön und Sturmhöhe hat mir ja, wie man sieht, auch gefallen, dementsprechend wünsche ich dir viel Spaß mit den Romanen! :)

      Löschen
  3. Huhu! :)

    Wow da hast du dich an einen Klassiker gewagt den ich immer umgangen hab :3
    Ich dachte nie, dass die Geschichte etwas für mich wäre, doch mit deiner Rezi hast du mich echt neugierig gemacht, vor allem da ich mir vorgenommen habe dieses Jahr einiges an Klassikern aufzuholen. ;) Und die Ausgabe von dtv ist wirklich wunderschön. :)

    Liebste Grüße
    Nina

    AntwortenLöschen
  4. Ich finde ja, dass eh mehr Klassiker gelesen werden sollten! Ich glaube mit diesem Genre könnte einem schon etwas entgehen :) Viele Bücher sind einem ja vom Titel her ein Begriff, aber ich wusste bis jetzt so gar nicht, um was es in Sturmhöhe überhaupt geht. Werde ich vielleicht im Auge behalten.

    Alles Liebe,
    Sandra

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

[Rezension] "George" - Alex Gino

George - Alex Gino - Fischer KJB - 208 S. - 978-3-7373-4032-8
George ist zehn Jahre alt, geht in die vierte Klasse, liebt die Farbe Rosa und liest heimlich Mädchenzeitschriften, die sie vor ihrer Mutter und ihrem großen Bruder versteckt. Jeder denkt, dass George ein Junge ist. Fast verzweifelt sie daran. Denn sie ist ein Mädchen! Bisher hat sie sich noch nicht getraut, mit jemandem darüber zu sprechen. Noch nicht einmal ihre beste Freundin Kelly weiß davon. Aber dann wird in der Schule ein Theaterstück aufgeführt. Und George will die weibliche Hauptrolle spielen, um allen zu zeigen, wer sie ist. Als George und Kelly zusammen für die Aufführung proben, erzählt George Kelly ihr größtes Geheimnis. Kelly macht George Mut, zu sich selbst zu stehen. via
„George“ müsste eigentlich „Melissa“ heißen. Denn das ist der Name, den George für sich am schönsten findet – drückt er doch aus, dass sie ein Mädchen und kein Junge ist, wie alle zu wissen meinen. George geht in die Grundschule und fühlt si…

Ableismus und ableistische Sprache - warum wir "dumm" und "Idiot" vermeiden sollten

Der Post ist eigentlich schon grundsätzlich problematisch, weil ich als Nichtbetroffene über das Thema spreche. Ich bin mir dessen und der Tatsache, dass ich auf dem Gebiet keine Expertin bin, bewusst. Mein Anspruch ist auch nicht, alles in Bezug auf Ableismus abzudecken. Was mein Anspruch ist: Bloggerkolleg*innen zum kritischeren Lesen zu animieren und dafür ein paar Anhaltspunkte zu liefern. (Leider kenne ich keine deutsche Buchbloggerin, die als Betroffene auf die Problematik aufmerksam macht.) Zuletzt schrieb ich über Rassismus. Demnächst soll es um Intersektionalität gehen. Dafür ist es unabdingbar, Ableismus zu umreißen. Ich habe mich bemüht, möglichst auf betroffene Stimmen und Beiträge aufmerksam zu machen. Falls ich trotzdem scheitere, weist mich gerne darauf hin. Weil ich es aber richtig und wichtig finde, darüber zu reden, habe ich mich dagegen entschieden, den Post ganz sein zu lassen.

Mehr als ein Monat ist vergangen, seit wir über Rassismus geschnackt hatten. Die dort be…