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[Rezension] "Tsarina" - J. Nelle Patrick






Titel: Tsarina
Autor: J. Nelle Patrick (/Jackson Pearce)
Verlag: Razorbill
Seitenzahl: 331
Preis: ~ 13€

Reihe: -
Bildquelle



Natalya knows a secret.
A magical Faberge egg glows within the walls of Russia's Winter Palace. 
It holds a power rooted in the land and stolen from the mystics.
A power that promises a life of love for her and Alexei Romanov.
Power, that, in the right hands, can save her way of life.
But it's not in the right hands. via

Ich liebe St. Petersburg. Und ich liebe Romane, die in St. Petersburg spielen. Demnach musste ich nicht lange überlegen, als ich „Tsarina“ begegnet bin – mir war recht schnell klar, dass ich dieses Buch lesen musste. 
Von Jackson Pearce bzw. J. Nelle Patrick, was ein Pseudonym von ihr ist, hatte ich vorher noch nichts gehört oder gelesen, doch ich bin froh, dass das nun der Vergangenheit angehört, denn eines kann die Autorin ganz sicher, und das ist schreiben. Von Anfang an habe ich mich in die letzten Momente des Zarenreichs hineinversetzt gefühlt, ich habe die Straßen St. Petersburgs und die eisige Kälte vor Augen gehabt und ja, sogar die Revolution konnte ich mir durch ihre treffenden Beschreibungen viel bildlicher vorstellen als vorher. Sicher hatte ich auch deshalb alles so bildlich vor Augen, weil ich erst vor kurzem St. Petersburg besuchen konnte, aber ich denke, der Großteil wird dem wunderbar atmosphärischen Schreibstil geschuldet sein. 
"This is the new world. We're done starving and freezing and dying while you go to little dances. Done bowing and pretending that you're better than us." (S. 96)
Abgesehen davon hat mich die Kombination aus sozialistischer Revolution, Mystizismus und Zarentum unglaublich fasziniert. Einerseits werden reale historische Ereignisse behandelt – ebenjene Revolution, das Ende der Romanovs, die Rolle Rasputins im Leben dieser -, aber andererseits fädelt Patrick auch sehr geschickt fantastische, mystische Elemente mit ein. Ein Fabergé-Ei der Familie, genannt Constellation Egg, gab es zum Beispiel wirklich – es wurde in Auftrag gegeben, nur nie zu Ende gestellt. Diese Tatsache ändert Patrick um, denn in ihrer Version gehört das Ei den Romanovs, mit der Besonderheit, dass Rasputin es verzaubert hat. Denn solange das Ei existiert, kann keinem der Romanovs etwas zustoßen. Besonders für den Zarewitsch, der tatsächlich Bluter war, ist das ein willkommenes Geschenk, da er so durch seine Krankheit nicht eingeschränkt wird. Für die Protagonistin Natalya, die mit ihm zusammen ist, ist das ebenfalls wunderbar – bis eben die Revolution ausbricht und sie getrennt werden. Nebenbei wird auch noch das Ei gestohlen und im Verlauf des Buches versucht Natalya, dieses wiederzufinden und die Zarenfamilie zu retten. 
"And I can tell you, without question, that it's too late for any man who goes to war. Even if he lives, he'll never come back the same." (S. 159)
Wie gesagt, ich finde es toll und sehr geschickt, wie die Autorin Fantasy und Geschichte miteinander kombiniert hat. Leider fehlte mir aber die kritische Auseinandersetzung mit dem Zarentum an sich. Subtil ist sie vorhanden, dadurch, dass Natalya immer wieder mit Revolutionären konfrontiert wird, die ihre Motive verlauten lassen – Klassenunterschiede, Armut, Hunger, Ausweglosigkeit. Aber Natalya selbst ist so zarentreu, patriotisch und durchweg überzeugt von der Hierarchie und Monarchie als bessere Gesellschaftsordnung, dass ich das Gefühl hatte, dass diese Perspektive betont, beschönigt und bevorzugt wird. Wie gesagt, es werden neben den „Weißen“ auch die „Roten“ thematisiert, aber im Gegensatz zu ersteren werden letztere fast nur in Form unseres Helden Leo verkörpert. Der wird zwar größtenteils positiv dargestellt, bleibt aber eine Ausnahme, da die restlichen „Roten“ durchweg barbarisch dargestellt werden. Auch die Gründe für die Aufstände werden zwar angerissen, aber kein einziges Mal fällt der Begriff Kommunismus, Klassenkampf, Bourgeoisie oder Proletariat. Das kratzt die Autorin leider nur an der Oberfläche, was zwar möglicherweise auch ihre Absicht ist, aber meiner Meinung nach hätte man da noch viel mehr rausholen können. Zumal sie wirklich eine sehr romantische Ansicht in Bezug auf die Monarchie zu haben scheint, die auf jeden Fall auch durchscheint, dessen sollte man sich beim Lesen auf jeden Fall bewusst sein. Und was sich natürlich meist nicht vermeiden lässt, sind kleine historische Unstimmigkeiten – wie zum Beispiel das Alter Alexeis, aber das fand ich gar nicht weiter schlimm. 
"That's the problem with people like both of you. Reds. Whites. You're all under the impression that there are only two sides in a war." (S.307)
Doch genug gemeckert, natürlich gab es auch noch einiges, was mir richtig gut gefallen hat. Wie zum Beispiel die Charaktere. 
Obwohl Natalya so zarentreu und patriotisch ist, hat mir ihr Charakter überaus gut gefallen. Sie ist klug, loyal und mutig und trotz ihrer aristokratischen Herkunft nicht zimperlich. Was ihre Begleiterin und beste Freundin angeht, so habe ich diese sogar fast noch mehr ins Herz geschlossen. Emilia ist zwar nach Strich und Faden verwöhnt, aber dennoch hart im Nehmen, liebenswürdig und allen voran loyal. Obwohl sie sich nichts sehnlicher wünscht, als aus Russland zu fliehen, begleitet sie Natalya bei ihrer Suche. Genauso wie Leo – der Rotarmist, der typische, kernige Held, der erfahren und gezeichnet vom Leben ist. Leo hat mein Herz im Sturm erobert, ich kann es nicht anders sagen. 
Klug gemacht fand ich auch, dass die Romanovs zwar ein Hauptthema darstellen, aber nicht besonders aktiv ins Geschehen involviert sind – so vermeidet die Autorin zu arg verfälschende oder unwahre Charakterzeichnungen. So verhält es sich übrigens auch mit der Figur des Rasputin, der, obwohl er im Roman schon tot ist, unglaublich interessant dargestellt wird. 

Zur Handlung kann ich gar nicht so viel sagen. Ich fand es durchweg spannend und habe mich keine Minute gelangweilt, da ich so gespannt verfolgt habe, was die Autorin aus der Geschichte macht. Das Ende fand ich zunächst nicht so wirklich gut, aber nach einigem Nachdenken kann ich mich damit anfreunden, obwohl ein bestimmter Aspekt nicht hätte sein müssen – aber dazu müsst ihr euch eure eigene Meinung bilden, falls ihr das Buch noch lesen wollt. Ich kann es jedenfalls jedem empfehlen, der empfänglich für diese Epoche ist!
"It was strangely warming, the thought that there would be no need for revolution or jealousy one day: we'd all be equal in the grave." (S. 317)
„Tsarina“ vereint Zarentum, Oktoberrevolution und Fantasy und zieht einen schon ab der ersten Seite mit seinem wunderbar bildlichen Schreibstil in seinen Bann. Der Autorin gelingt es, die Atmosphäre zu rekonstruieren und durch ihre eigenen kreativen Ideen zu erweitern. Bis auf ein paar Unstimmigkeiten in Bezug auf die geschichtliche Darstellung, über die ich nicht hinwegsehen konnte, hat mir das Buch wunderbar gefallen, weshalb es von mir 4 von 5 Sternen gibt. 
Das Englisch ist übrigens auch sehr gut zu verstehen. Wer weiß, ob das Buch je übersetzt wird - wenn euch die Handlung also gefällt (und ihr normalerweise nicht auf Englisch lest), dann traut euch! :) 

★★★★☆

Kommentare

  1. Ich glaube echt, mir hat das Buch noch mal nen Ticken besser gefallen, weil ich keinen Plan von Geschichte habe bzw. mich nicht so kritisch damit auseinander setzen kann wie du :D *g* Freut mich aber, dass das Buch so gut bei dir abgeschnitten hat :D

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    1. Sei froh, manchmal ist es gar nicht so toll, bei allem, was historisch ist, so kritisch zu sein xD Aber wenigstens sieht man da, dass das Studium scheinbar was bringt.
      Ja, wie gesagt, bis auf die Kleinigkeiten fand ich's wirklich toll :) Auch wenn (falls jemand anderes mitliest: SPOILER) ich mir gewünscht hätte, dass Leo mit Emilia zusammenkommt statt mit Natalya :( (SPOILER ENDE)

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  2. Ist die Geschichte eigentlich in einem Buch abgeschlossen oder wird es eine Trilogie/Serie/whatever??
    Deine Rezension war voll schön *-* .... ich hab das Buch schon seit es angekündigt wurde auf meiner WuLi und überlege, ob ich es mir wirklich kaufen soll, aber jetzt bin ich mir zu 100% sicher. Ich wusste bis jetzt auch nicht, was ich von der Geschichte halten sollte, also danke für den kleinen Einblick! :)

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    1. Sofern die Autorin nicht irgendwann beschließt, doch weiterzuschreiben, ist sie abgeschlossen. Also bis jetzt ist keine Fortsetzung geplant, und ich glaube, die wäre auch schwierig umzusetzen, einfach, weil sich Russland ganz anders weiterentwickelt hat und man die Geschichte dann ganz abändern müsste. Aber wer weiß, vielleicht hat die Autorin ja auch irgendwann einen genialen Einfall :D
      Danke! :) Ich kann es, wie gesagt, nur empfehlen. :)

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  3. Erst die tolle Rezension bei Tanja, nun bist du auch noch so begeistert! Ich hab nun nachgegeben und mir das Buch bestellt ;) Mal sehen, ob es mir auch so zusagen wird. Ich hoffe doch^^ Von Jackson Pearce hatte ich "Drei Wünsche hast du frei" gelesen, das war zwar unterhaltsam, aber etwas seicht. Aber nun hat sie ja einige Bücher mehr geschrieben, die sind hoffentlich nicht mehr ganz mit dem Erstling vergleichbar.

    Liebe Grüße!

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    1. Ich würde ja sagen, dass es mir leid tut, aber das wäre gelogen :D Du wirst es sicher nicht bereuen! Die anderen Bücher hätten mich vorher gar nicht angesprochen, aber jetzt, wo ich weiß, dass sie so schön schreiben kann, bin ich doch neugierig geworden. Lag es denn auch vielleicht an der deutschen Übersetzung bei dir, dass es dir nicht so gut gefiel? Ich bin noch unschlüssig, ob ich die Bücher auf Deutsch oder Englisch lesen soll, tendiere aber zu Englisch, weil die auch einfach schöner aussehen. :D
      Liebe Grüße zurück :)

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  4. erstmal: dein neues Layout gefällt mir total gut! :)
    jetzt: hach Tsarina war einfach wunderbar! Mir hat es auch noch einen Tick besser gefallen als dir XD Und das mit den geschichtlichen Unstimmigkeiten, naja das erklärt sie ja in ihren Acknowledgements, also gestört hat es mich nicht ,aber ich kenne mich da auch einfach nicht so großartig aus XD
    Ich mochte Natalya unglaublich gerne, und ich hoffe, dass Jackson Pearce noch mehr in dieser Richtung schreibt!

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    1. Danke, das freut mich total! :)
      Naja, es ist ja nicht so, als hätte ich es nicht trotzdem total gemocht :D Ich weiß, in den Acknowledgements wird einiges klarer :) Aber den Punktabzug gab's auch eigentlich "nur" dafür, dass ich fand, dass sie das Zarentum mehr beschönigt und idealisiert hat, halt durch Natalyas Augen, und dass die Roten eben zu wenig transparent waren. Also es war in meinen Augen irgendwie ungleich gewichtet, ich weiß auch nicht :D Aber wie gesagt, ich mochte es ja trotzdem total gern :)
      Ja, ich fand Natalya auch sehr cool! Würd ich mir auch wünschen, gerne auch wieder mit Russland :3

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