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[Rezension] "Liebe auf den zweiten Blick" - Lynsay Sands

Titel: Liebe auf den zweiten Blick
Originaltitel: Love Is Blind
Autor: Lynsay Sands
Verlag: LYX
Seitenzahl: 380
Preis: 9,99€
Reihe: -- 

Ohne ihre Brille ist Clarissa Crambray so gut wie blind. Dennoch verbietet die Stiefmutter ihr, eine zu tragen, aus Angst, sie könnte sonst keinen Ehemann finden. Durch ihre Tollpatschigkeit hat Clarissa schon viele Männer in die Flucht geschlagen. Nur der Draufgänger Adrian Montfort, Earl of Mowbray, scheint sich daran nicht zu stören... via

Spätestens seit der Bridgerton-Reihe von Julia Quinn bin ich dem Genre historical romance verfallen und erhoffte mir mit „Liebe auf den zweiten Blick“ eine ähnlich herzerwärmende, wenn auch vorhersehbare und kitschige Geschichte. Manchmal mag ich vorhersehbar und kitschig eben sehr gern, aber leider musste ich feststellen, dass es bei diesem Buch zu viel des Guten war. Wobei nein, umgekehrt, es gab eher zu wenig des Guten. Was ich an der Bridgerton-Reihe so liebe, habe ich hier schmerzlich vermisst: Humor, kluge Dialoge, feurige Helden, schlagfertige Heldinnen und deren süße Leidenschaft füreinander. Zugegeben, in Maßen ist das hier auch vorhanden. Zum Beispiel finde ich die Idee, dass die Protagonistin halb blind durch die Londoner Saison tänzelt, urkomisch. Ihre Sehschwäche wird zwar sehr extrem und etwas unrealistisch dargestellt, aber damit konnte ich leben, dafür waren die Anekdoten ihrer Erlebnisse wirklich niedlich. Zudem ist die Protagonistin generell ein sympathischer, ehrlicher und selbstloser Mensch, was mir von Anfang an gut gefiel. Woran scheiterte es dann? 

Meiner Meinung nach hat die Autorin das Potential nicht ausgeschöpft. Die Liebesgeschichte ging viel zu schnell (sogar für historical romance-Verhältnisse), sodass es in den letzten zwei Dritteln des Buches vielmehr um Verstrickungen und Intrigen ging. Denn – jemand möchte die Protagonistin gerne tot sehen. Ist es ihre böse Stiefmutter? Oder doch jemand ganz anderes? Und, was noch viel schlimmer ist – Clarissa kann ihre Brille einfach nicht tragen. Denn Adrian könnte sie ja so hässlich damit finden, dass er sie verlässt! Umgekehrt will Adrian ihr keine Brille schenken, obwohl Clarissa sich ohne laufend in Lebensgefahr begibt. Denn Clarissa könnte dann ja seine Narbe im Gesicht sehen und ihn für ein Monster halten und verlassen! … Ja, dieses Brillen-Narben-Dilemma war letztendlich sogar ein größeres Problem als die Lebensgefahr, in der Clarissa schwebt. Der angehenden Mörderin und der bösen, sie dauernd schikanierenden Stiefmutter kann man doch schnell verzeihen. Aber wehe, mein Mann sieht mich mit Brille! 
Abgesehen davon, dass die Prioritätensetzung einfach so unglücklich war, fand ich es auch schade, dass Adrians Narbe bzw. seine Erlebnisse aus dem Krieg nicht weiter thematisiert werden. Dadurch hätte die Geschichte einiges an Tiefgang gewinnen können, wenn man es richtig gemacht hätte. 

Den letzten Rest hat mir dann die Sprache gegeben. Zum einen passten viele Ausdrücke einfach nicht in die Zeit. Ich weiß nicht, ob das der Übersetzung geschuldet ist, aber Ausdrücke wie „Arschkarte“ oder „Schniedel“ oder andere zeitgenössisch gängige Formulierungen wollten einfach nicht reinpassen und haben die Authentizität nur noch weiter zerstört. Und apropos „Schniedel“ - in dem Genre gibt es nun einmal auch explizitere Szenen. Hab ich ja im Grunde nichts gegen. Aber... „Grotte“? „Knüppel“`? „Pastetchen“? „Aufstechen“? Seriously? Wenn ich nicht grade am Lachen war, war ich schockiert über diese so dermaßen unerotischen Ausdrücke. Aber genug gemeckert. Dass das Buch klischeereich, vorhersehbar und kitschig sein würde, hab ich ja erwartet und auch so gewollt. Zum Glück las es sich auch sehr schnell, sodass ich nicht allzu missmutig auf die Lektüre zurückblicke.
  
„Liebe auf den zweiten Blick“ kann ich nicht weiterempfehlen. Das Buch hat eine süße Grundidee und generell genug Potential, das die Autorin aber leider nicht ausschöpft. Merkwürdige Prioritäten im Verlauf und in der Handlung, sowie unauthentische sprachliche Ausdrücke haben das Lesevergnügen leider auch nur beeinträchtigt, sodass dies für mich wohl das erste und letzte Buch der Autorin bleiben wird. Da bleibe ich lieber bei Julia Quinn. 2 von 5 Sternen dafür.
★★☆☆☆

Kommentare

  1. Wenn Grotte das heißen soll, was ich denke, dann fühle ich mich als Frau grad persönlich angegriffen :D

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    1. Japp... so in etwa ging's mir auch. :'D

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  2. Ich kenne Lynsay Sands sonst nur als Autorin von vampirischer Lektüre, aber stilistisch scheint das Buch ja wohl in die gleiche Kerbe zu schlagen, besonders was unbeholfen formuliertes Bettgeflüster angeht ^^ Oh je, das vermasseln so viele!! :D
    Aber die Rezension ist toll geschrieben, und hilfreich! Da weiß ich genau, was Du meinst und kann getrost die Finger davon lassen :)

    LG, Philly

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    1. Gut zu wissen, das bestärkt mich nur in meinem Vorhaben, von ihr wirklich kein Buch mehr zu lesen :D Und ich gebe dir absolut recht, die wenigsten Autoren schaffen es, die intimen Dinge nicht lächerlich klingen zu lassen :D
      Vielen Dank! :)

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