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Rezension: "Isegrim" - Antje Babendererde

Titel: Isegrim
Originaltitel: -
Autor: Antje Babendererde
Verlag & Kooperation: Arena
Seitenzahl: 410
Preis: 16,99€
Reihe: -

Ein ungesühntes Verbrechen. Ein düsteres Geheimnis. Und ein Mädchen, das nicht bereit ist, wegzusehen.
Der Wald ist Jolas Refugium. Hier kennt sie jeden Winkel, jeden Baum, jedes Tier. Hier ist sie weit weg von ihrer überängstlichen Mutter, der Langeweile in ihrem Heimatdorf und dem besitzergreifenden Freund. Doch in der letzten Zeit gehen Veränderungen im Wald vor sich. Irgendetwas oder irgendjemand treibt hier sein Unwesen, beobachtet sie, folgt ihr. Als Jola auf einen fremden Jungen trifft, der sie seltsam fasziniert, scheint das Rätsel gelöst. Sie ahnt nicht, welches düstere Geheimnis der Wald noch hütet. Und dass hinter allem ein furchtbares Verbrechen steht, das Jola seit fünf Jahren zu vergessen versucht. via

Nach nun mehr neun Büchern, die ich vor Isegrim von Antje Babendererde gelesen hatte, wusste ich, was mich ungefähr erwarten würde. Jugendliche Charaktere, die ich in mein Herz schließen kann. Coming-of-Age-Themen. Einen schönen Schreibstil. Und – normalerweise – einen Einblick in die Kultur der amerikanischen Ureinwohner. Isegrim ist das erste „indianerlose“ Jugendbuch von Antje Babendererde und zeitgleich das Zehnte, das ich von ihr gelesen habe. Und ich wurde nicht enttäuscht – aber ganz begeistert hat mich das Buch auch nicht zurückgelassen. 

Ich glaube nicht, dass das daran lag, dass die Autorin diesmal eine andere Kulisse gewählt hat, denn viele Ansätze fand ich sehr gelungen. Jola hat mir als Protagonistin am Anfang sehr gut gefallen, sodass ich einen wunderbaren Einstieg in die Geschichte gefunden habe. Gut fand ich auch, dass Jola von Anfang an vergeben war – ich habe gehofft, dass die Geschichte dadurch reifer sein würde, so, dass es wirklich an junge Erwachsene richtet. Reifer war es auch in der Tat, die Autorin geht sehr offen mit dem Thema Sex um, was ich wirklich gut fand. Doch vor der Liebesfindung wurde ich doch nicht verschont, da Jola – ohne zu viel verraten zu wollen, aber dass diese Wendung eintritt, ist ohnehin sehr früh klar – nicht bei ihrem Freund bleibt. Das war ein Aspekt, der mir missfallen hat. Wobei nicht nur das Was mich gestört hat, sondern mehr das Wie. Jola wurde mir dann recht schnell unsympathischer. Außerdem bleiben die meisten Charaktere in ihrem Umfeld sehr blass. Ich weiß nicht, ob das von der Autorin beabsichtigt war, denn da man alles aus der Sicht von Jola erfährt und sie sich einfach wenig mit anderen Menschen (außer einem) beschäftigt, erfährt man auch einfach weniger über diese. Doch selbst, wenn das Absicht war, hätte ich es besser gefunden, mehr Einblick in die Nebencharaktere zu bekommen. Denn die Vielfalt hat mir wiederum gut gefallen – nur wurde diese Vielfalt nicht genügend ausgeschöpft. Jola hat einfach eine Art Tunnelblick und nimmt ab einem bestimmten Punkt nicht anderes mehr wahr, außer einer bestimmten Sache, worunter die Geschichte wirklich leidet. Auch am Ende wurde mir das nochmal bewusst. Der Kriminalfall, der Jola fünf Jahre lang nicht losgelassen hat, löst sich auf und Jola ist das nahezu egal, zumindest wirkt das so, denn sie macht sich zielstrebig vom Acker. Spoiler (zum Lesen markieren): (Weil ihr Olek, den sie erst seit kurzer Zeit kennt, wichtiger ist, als ihre tot geglaubte und nun wieder aufgetauchte beste Freundin. Gut, Olek ist zu dem Zeitpunkt verletzt. Aber dennoch kann ich das einfach nicht nachvollziehen.) 
Das klingt jetzt alles aber doch viel negativer als es gemeint ist. Ich hatte dennoch viel Freude beim Lesen, da die Autorin ihr Handwerk einfach beherrscht. Der Schreibstil war wieder wunderbar, vor allem die Waldbeschreibungen, die durch Jolas Liebe zum Wald zahlreich erfolgten. Frau Babendererde hat gezeigt, dass auch die deutschen Wälder und überhaupt ein deutsches Setting sehr spannend und schön sein kann. 
Ein weiterer positiver Aspekt war die Thematisierung der Vergangenheit, in diesem Fall die des Zweiten Weltkriegs und der Jahre danach. Vergangenheitsbewältigung, bewusste Verdrängung und unerwünschtes Aufarbeiten werden behandelt, und das auf eine sehr realistische Art und Weise. 

Zu guter Letzt ist da noch der Kriminalfall, um den sich die ganze Geschichte im Grunde auch dreht. Recht früh hat man eine Ahnung, wer der Täter gewesen sein könnte, da kurze Abschnitte auch aus dessen Sicht geschrieben sind. Das verdirbt aber nicht die Spannung, im Gegenteil, es ist sogar noch spannender, dass Jola diese Person regelmäßig sieht und erwähnt, sodass eine Art Katz-und-Maus-Spiel stattfindet. Wobei man hier erwähnen sollte, dass Jola nicht aktiv nach dem Täter sucht, sie wird eher unfreiwillig hineingezogen. Die Prämisse hat mir aber gut gefallen.
Trotz einiger Kritikpunkte hatte ich Spaß an der Lektüre, auch, wenn sie mich nicht so von sich überzeugen konnte, wie die vorherigen Bücher der Autorin. Dennoch ist es ein gutes Buch mit noch besseren Ansätzen, die aber nicht vollständig ausgeschöpft werden. Empfehlen möchte ich es trotzdem vor allem den Lesern, die eine Vorliebe für Wälder, mehrere Handlungsstränge oder generell für Antje Babendererdes Bücher haben. Von mir gibt es 3,5 von 5 Sternen.
 

Kommentare

  1. Wieder eine sehr schöne Buchbesprechung. Ich habe noch kein Buch von der Autorin gelesen. Welches würdest du mir denn unbedingt ans Herz legen?
    LG

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    1. Vielen Dank! :) Wie gesagt, ich fand bis jetzt eigentlich alle gut bis sehr gut, aber meine Favoriten sind "Libellensommer" und "Talitha Running Horse". <3 Letzteres hat zwar viel mit Pferden zu tun, wobei ich mit Pferden nie viel anfangen konnte, aber das Buch ist trotzdem einfach nur toll. Dazu hab ich übrigens auch eine Rezension irgendwo auf dem Blog. :D "Libellensommer" kann ich mir für den Einstieg aber am besten vorstellen. :) Ihr neuestes "Indianerbuch" "Julischatten" fand ich auch sehr schön, aber da haben mir ein paar Punkte nicht gänzlich gefallen, also würde ich das nicht direkt als erste Lektüre von der Autorin empfehlen. :) Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen, und dass du demnächst mal was von ihr liest! :D Ich bin schon gespannt, ob dir die Bücher gefallen würden. :)
      Übrigens ist das Buch von Kim letzte Woche angekommen, tauschend Dank an euch! <3

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  2. Wirklich eine sehr schöne Rezi.
    Ich bin jedenfalls neugierig auf das Buch und möchte es bald gerne lesen.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende! :)
    Nora

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    1. Danke! :) Dann bin ich mal gespannt auf deine Meinung! :)

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  3. Antje Babendererde ist ehrlich gesagt eine Autorin, von der ich noch nie etwas gelesen habe, ich glaube sogar, dass ich sie wirklich nur deswegen kenne, weil du schon einige Male gesagt hast, dass du ihre Bücher gere lesen würdest. Welchen ihrer Romane würdest du mir denn besonders ans Herz legen?

    [Ich habe dich übrigens getaaaaggt, also falls du Lust und Zeit hast kannst du ja die 10 Fragen beantworten, die ich mir ausgedacht habe. Ich wünsche dir ein schönes und stressfreies Wochenende, liebe Grüße!]

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    1. Liebe Liesa,
      sorry, dass ich erst so spät antworte! Ich hatte vor über einer Woche schon eine tolle, ausführliche Antwort geschrieben und diese dann vor dem Absenden gelöscht, sodass ich danach erstmal böse war und seitdem nicht mehr dazu gekommen bin. :D Jedenfalls habe ich Katrin oben dieselbe Frage beantwortet und hoffe, dass ich euch beiden damit helfen konnte! :) Ich denke, dass "Libellensommer" dir sehr gut gefallen könnte! Lies es unbedingt! :D
      Und hier auch nochmal danke für den Tag, den ich ganz bald mache <3 (Nämlich, sobald ich mal bei einigermaßen gutem Tageslicht zu Hause bin, um meine Notizbücher abzufotografieren, hihi. :D)
      Liebe Grüße zurück! :)

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  4. Ich habe das Buch schon eine Weile auf meiner Wunschliste stehen, jetzt überlege ich ob es wirklich eine gute Wahl ist dieses als erstes von der Autorin zu lesen... hmm... das werde ich mir wohl nochmal überlegen :-)

    Liebe Grüße,
    Alex

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    1. Als erstes würde ich es tatsächlich nicht lesen, da die Autorin sonst wirklich gaanz andere Arten von Büchern schreibt. :) Vielleicht wären "Libellensommer" oder "Talitha Running Horse" auch was für dich? :) Kann ich nur empfehlen!
      Liebe Grüße zurück :)

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