5/09/2013

Rezension: "Lenas Tagebuch" - Lena Muchina

Titel: Lenas Tagebuch
Originaltitel: Blokadnyi Dnevnik Leny Mukhinoi
Autor: Lena Muchina
Verlag & Kooperation: Graf Verlag
Seitenzahl: 384
Preis: 18,00€
Reihe: -

Ein einzigartiges Dokument, das erst jetzt entdeckt und veröffentlicht wird: Das berührende, dabei unsentimentale Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens, das die Belagerung von Leningrad überlebte. Eine russische Anne Frank. "Ich weiß selbst nicht, wie ich diese Zeilen schreiben kann. Aber mein Herz ist irgendwie wie aus Stein geworden. Ich habe gar keine Angst. Ob Aka stirbt oder nicht, ist mir egal. Wenn sie schon stirbt, dann soll sie es nach dem 1. tun, dann bekommen wir ihre Lebensmittelkarte. Wie bin ich nur herzlos." Lena ist bald sechzehn und interessiert sich für das, was alle junge Mädchen beschäftigt: Wie kann sie das Herz von Wowka, dem Jungen aus ihrer Klasse, gewinnen? Wie schummelt man sich durch die Geometrie-Prüfung? Wann hat ihre Freundin Tamara Zeit, mit ihr ins Kino gehen? In politisch brisanter Zeit beginnt Lena ihr Tagebuch: rund einen Monat, bevor die Wehrmacht Leningrad einkesselt, um die Zivilbevölkerung mit beispielloser Grausamkeit auszuhungern. Doch Lena lebt von einem Tag auf den anderen, blendet die ständige Gefahr aus. Die Situation wird immer dramatischer und bald gibt es nur noch den einzigen, alles beherrschenden Gedanken: etwas in den Magen zu bekommen, und sei es die Katze der Nachbarn… Mit klarer Sprache, intelligent und voll echter Emotion verschafft uns Lena Muchina einen einzigartigen Blick in eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts. via


Mir fällt es wirklich schwer, dieses Buch zu bewerten. Schließlich ist es nicht, wie die meisten Bücher, die ich lese, fiktiv. „Lenas Tagebuch“ ist, wie der Titel ja erahnen lässt, ein Tagebuch, das Lena Muchina während des ersten Jahres der Blockade von Leningrad geschrieben hat. Überflüssig zu erwähnen, dass alles, was Lena schreibt, Realität gewesen und genauso geschehen ist und dass das Buch gerade dadurch furchtbar authentisch ist. Wäre das Tagebuch fiktiv und nicht real, hätte es mir vermutlich nicht so gut gefallen, weil es mich nicht so sehr berührt hätte. So aber fand ich auch die kleinsten Beschreibungen dessen, was Lena Tag für Tag an Essen hatte (oder nicht hatte), jeden einzelnen Fliegeralarm und alle Begegnungen und Durchsagen der Regierung durchgehend spannend. Natürlich wiederholt sie sich. Aber letztendlich schildert sie nur ihren Alltag, der aus sich wiederholenden Abläufen besteht. Aus der täglichen Aufteilung der Lebensmittelkarten, damit man auch in den nächsten Tagen genug zu Essen bekommt, aus dem Zählen der Nährwärte, damit man nicht verhungert und aus dem täglichen Kampf mit der Erschöpfung und der Kälte. 
Was ich als besonders faszinierend empfunden habe, war Lena schlagartige Entwicklung. Während sie anfangs noch von ihren Freundinnen und ihrer Schwärmerei zu einem Klassenkameraden berichtet und in Träumereien versinkt, wird sie mit dem Anbruch der Blockade und mit den Schicksalsschlägen, die folgen, ganz plötzlich erwachsen. Ebenfalls faszinierend fand ich es mitanzusehen, wie Lena anfangs bei den Fliegeralarmen immer in die Bunker flüchtet, später aber eine Art „Lebensmüdigkeit“ entwickelt und sich denkt „Wenn ich sterbe, dann sterbe ich halt.“. Zwar verliert sie nie den Lebensmut, sie behält bis zum Ende den Willen bei, aus Leningrad zu fliehen und sich zu retten, doch wird trotzdem eine gewisse Gleichgültigkeit deutlich, die sicherlich auch auf ihre körperliche Schwäche zurückzuführen ist. Noch bewundernswerter ist es, dass sie trotz dieser Bedingungen nicht aufgehört hat, Tagebuch zu führen. Schade fand ich, dass sie nach ihrer Evakuierung aufgehört hat, zu schreiben. Und keine Angst, ich spoilere euch nicht – man erfährt schon im Vorwort, dass Lena Muchina überlebt. Das nimmt dem Buch aber keinesfalls die Spannung. Wobei man hier wirklich nochmal erwähnen muss, dass das Buch nicht allein wie ein Roman gelesen werden sollte, denn er ist mehr eine literarische Quelle, ein Zeitzeugenbericht, der in erzählerischer Form verfasst ist. Unter diesem Aspekt merkt man auch, wie Lena sich schriftlich entwickelt. Gegen Ende wechselt sie zum Beispiel sogar die Perspektive und schreibt von sich in der Er-/Sie-Form, damit es für die Nachwelt interessanter zu lesen wird. 
Auch bezüglich der Mentalität sollte man das Buch unter anderem als Zeitzeugenbericht ansehen. Denn Lena ist sehr patriotisch, man merkt, dass die Propaganda die erwünschte Wirkung bei ihr erzielt hat. Sie redet vom „lieben Stalin“ und „den tapferen Armeen/Helden“, ohne kritische Betrachtung. Das kann man ihr natürlich nicht vorwerfen, doch sollte man den kritischen Blick beim Lesen nicht ablegen. Vorwissen braucht man aber nicht unbedingt, da Vor- und Nachrede die Blockade und den Zusammenhang ziemlich gut zusammenfassen.


„Lenas Tagebuch“ ist ein Zeitzeugenbericht aus erster Hand, ein Tagebuch, das Lena Muchina während der Leningrader Belagerung geführt hat. Man erfährt, womit die Menschen zu kämpfen hatten, welche Auswirkungen die Blockade hatte, wie sie es schaffte, zu überleben und wie der Alltag überhaupt aussah. Zudem bleibt sie aber auch trotzdem noch eine schwärmende und träumende Jugendliche, was nur noch mehr dazu beiträgt, dass ihre Geschichte einen berührt. Die Bewertung ist, denke ich, klar. Wie soll man eine reale Begebenheit denn auch anders bewerten? Ich vergebe 5 von 5 Punkten für dieses bewegende Tagebuch.



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