12/09/2012

Rezension: "Der Wolkenatlas" - David Mitchell

Titel: Der Wolkenatlas
Originaltitel: Cloud Atlas
Autor: David Mitchell
Verlag: rororo
Seitenzahl: 672
Preis: 9,99€
Reihe: -


Sechs Lebenswege, die sich unmöglich kreuzen können: darunter ein amerikanischer Anwalt, der um 1850 Ozeanien erforscht, ein britischer Komponist, der 1931 vor seinen Gläubigern nach Belgien flieht, und ein koreanischer Klon, der in der Zukunft wegen des Verbrechens angeklagt wird, ein Mensch sein zu wollen. Und dennoch sind diese Geschichten miteinander verwoben. Mitchells originelle Menschheitsgeschichte katapultiert den Leser durch Räume, Zeiten, Genres und Erzählstile und liest sich dabei so leicht und fesselnd wie ein Abenteuerroman. via

Auf dieses Buch bin ich erst durch den Trailer des aktuellen Kinofilms „Cloud Atlas“ gestoßen. Dieser gefiel mir so gut, dass ich beschlossen habe, vorher die hochgelobte Buchvorlage zu lesen. Zum Glück! Das war eine gute Entscheidung, denn das Buch hat es in sich. 
Zunächst einmal möchte ich euch den Aufbau schildern. Der Roman besteht aus sechs verschiedenen Geschichten, deren Personen zwar irgendwie mit denen der vorherigen Geschichte zu tun haben, doch ansonsten sind es eigenständige Geschichten. Erst läuft alles chronologisch ab – von der ersten Geschichte, die um 1850 spielt, bis zur sechsten, die in ferner Zukunft spielt. Nach dieser letzten Geschichte geht es wieder rückwärts und jede angefangene Geschichte wird beendet. 
Schon allein für den originellen Aufbau verdient Mitchell Lohn, doch noch faszinierender fand ich, dass sich sein Schreibstil mit jeder Geschichte bzw. mit jeder Epoche verändert, im Grunde sieht man die Schreibstile im Buch gar nicht mehr als den des Autors an, sondern als den der Charaktere, was an Authentizität nicht zu übertreffen ist. Da ich also die Geschichten und die Schreibstile nicht verallgemeinernd bewerten kann, werde ich zu jeder einzelnen Geschichte meine Meinung abgeben. 

Den Anfang macht der Notar Adam Ewing, der eine Reise in seinem Tagebuch dokumentiert. Ewing ist ein bibeltreuer, naiver und friedliebender Charakter, was ihn sehr sympathisch macht. Seine Einträge sind sehr erzählerisch und bildlich und vor allem durch kleinere Abweichungen von der heutigen Rechtschreibung (tuhn statt tun) wirkt das Ganze sehr real. Sein Tagebuch zu lesen hat mir Spaß bereitet, wobei man als Leser nur so viel mitbekommt, wie der naive Ewing es auch tut – dadurch war das Ende seiner Geschichte sehr überraschend, aber gut gemacht. 

Die zweite Geschichte handelt von einem mittellosen Musiker namens Robert Frobisher, der um 1931 einen alten, berühmten, aber auch kranken Komponisten aufsucht, um bei diesem zu arbeiten. Robert ist ein eitler und sturer Charakter, doch sehr interessant. Dieser Abschnitt besteht komplett aus Briefen, die Robert seinem Freund Sixsmith schreibt. Auch seine Geschichte plus das Ende dieser haben mir gut gefallen. 

Als Dritte folgt Luisa Rey. Diese ist Journalistin und im Begriff, einen gefährliches Atomkraftwerk auflaufen zu lassen. Ihre Geschichte handelt davon, wie die Besitzer des Kraftwerks versuchen, diesen Plan scheitern zu lassen. Klingt auf den ersten Blick vielleicht banal, ist aber auch sehr spannend. 

Die vierte Geschichte ist die, die mir am wenigsten gefallen hat. Sie handelt von einem Verleger namens Timothy Cavendish, der gerade so über die Runden kommt, bis er plötzlich mit einem Buch den Durchbruch erzielt. Aufgrund einer Erpressung muss er aber fliehen und bittet seinen Bruder um Hilfe. Dieser sorgt dafür, dass Cavendish in ein geschlossenes Altenheim eingewiesen wird, aus dem er nur noch fortwährend versucht, zu entwischen. Diese Geschichte war in meinen Augen nicht nur langweilig, sondern passte im Nachhinein auch nicht wirklich ins Gesamtbild. Um die Ausbeutung in der heutigen Zeit darzustellen, hätte man ein schöneres Beispiel wählen können. 

Als Fünftes folgt Sonmi~451. Sie ist ein für Dienstleistungen gezüchteter Klon, der in einem dystopischen Korea lebt, nach und nach den Verstand eines normalen Menschen entwickelt und damit eine Straftat begeht. Ihre Geschichte schildert Sonmi in einem Interview mit einem Archivaren. 
Diese Dystopie hat mich von Anfang an fasziniert. Es herrscht eine Konzernokratie, in der es u.a. ein Gesetz gibt, das vorschreibt, wie viel ein Bürger pro Monat von seinem Geld auszugeben hat, damit die Wirtschaft funktioniert. Der Schreibstil wird angepasst, indem zum Beispiel bei allen Wörtern, die mit „ex“ anfangen, das „e“ weggelassen wird – Xperiment, xtra, und so weiter. Das ist zwar nur eine Kleinigkeit, hat mir aber sehr gut gefallen. Das Ende von Sonmis Geschichte hat mich auch von allen am meisten mitgenommen. Es kam für mich vollkommen unerwartet und hat den idealen Effekt erzielt – ich saß erstarrt vor dem Buch und konnte es nicht fassen. Sehr, sehr gut gemacht, Herr Mitchell! 

Die letzte Geschichte spielt noch viel weiter in der Zukunft, nämlich in einer, in der die Zivilisationen sich ausgelöscht haben und die übergebliebenen Menschen ein einfaches und bäuerliches Leben führen. Geschildert wird diese Geschichte aus der Sicht von Zachary, der als alter Mann sein Erlebtes schildert. Eines Tages kommt eine Frau aus dem einzigen technisierten Volk der Nachbarinsel angereist, um das Leben von Zacharys Volk zu erforschen, weil ihres von Barbaren bedroht ist. 
Dieser Teil ist aufgrund der anstrengenden Sprache Zacharys ein bisschen schwieriger zu lesen. Wenn man sich aber erstmal daran gewöhnt und sich darauf eingelassen hat, ist es gar nicht uninteressant. Die Geschichte ist zwar anfangs nicht sehr spannend, kriegt aber doch die Kurve und lässt einen nicht so unzufrieden zurück wie die vierte. 

Ihr seht, dieses Buch lässt sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen. Generell zieht sich ein roter Faden durch die ganzen Geschehen – es handelt immer davon, was Menschen für Macht tun. Es gibt in jeder Geschichte Ausbeutende und Ausgebeutete und es wird klar, worauf Mitchell hinauswill – nämlich darauf, dass das schon immer so war und sich das auch nicht ändern wird, weil es in der Natur des Menschen liegt. Dieser Aspekt hat mich wirklich begeistert zurückgelassen und wird mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. 
Was mir aber nicht so gut gefallen hat, waren die angedeuteten Reinkarnationen. Jeder Protagonist weist ein Muttermal an der Schulter auf, das kometenförmig ist. Diese Tatsache hat während des ganzen Buches eine Spannung in mir ausgelöst, ich habe gehofft, dass es noch irgendwie thematisiert und aufgeklärt wird, doch der Showdown blieb aus. Das fand ich ziemlich schade, denn ein paar Sätze dazu hätten sicherlich nicht geschadet. 
Insgesamt hat das aber keinen großen Abbruch getan. Zwar ist „Der Wolkenatlas“ ein ganz schöner Schinken, wenn man sich aber darauf einlässt, weiß das Buch zu fesseln und zu begeistern. Mich hat der Roman auch nach Tagen noch nicht losgelassen.

"Am Anfang steht Unwissenheit.Unwissenheit erzeugt Angst. Angst erzeugt Hass, und Hass erzeugt Gewalt. Gewalt ruft neue Gewalt hervor, bis der Stärkste am Ende bestimmt, was Recht ist." (S. 459)

 „Der Wolkenatlas“ ist an Originalität, Authentizität und Faszination kaum zu übertreffen und ein Werk, das man gelesen haben sollte. Sechs einzelstehende, aber doch zusammenhängende Geschichten, von denen mich nur eine absolut nicht fesseln konnte. Deshalb und wegen dem Aspekt mit der Reinkarnation ziehe ich einen Punkt ab, empfehle das Buch aber trotzdem jedem. Vor allem Sonmi~451s dystopische Geschichte hat mich umgehauen und wird mich nicht so bald wieder loslassen.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen.
  

Kommentare:

  1. Ich bin gerade ziemlich begeistert von deiner Rezension. Das Buch klingt wirklich toll! Habe schon bei GR gesehen, dass du es liest und werde es mir nach dieser Rezension wohl zu Weihnachten wünschen :)
    Danke für den ausführlichen Bericht.

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    1. Oh, vielen Dank! :) Tu das auf jeden Fall, bin gespannt, ob es dir dann auch so gut gefällt. Gerne! :)

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  2. Sehr schöne Rezension :) Ich habe mich gefragt wie man über so ein komplexes Buch eine Rezension schreiben kann, aber du hast das echt super hinbekommen und ich merke es mir mal als Weihnachtsgeschenk. lg Belle

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    1. Dankeschön :) Es war nicht einfach, ist auch definitiv zu lang geworden. Wunder mich generell, dass die überhaupt jemand gelesen hat xD Aber danke dir! :)

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  3. Ich habe die Rezension nur überflogen (tut mir Leid), weil ich mich nicht zu sehr spoilern lassen wollte. Ich hänge immer noch bei Timothy fest und schaffe es jetzt wohl nicht mehr, das Buch zu Ende zu lesen, ehe ich mir den Film anschaue. Ich hoffe, das tut ihm keinen Abbruch :]

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    1. Kein Problem :D Ich hab versucht, keine Spoiler einzubringen, aber bestimmt willst du auch noch nicht wissen, welche Charaktere überhaupt auf dich zukommen.
      Ich weiß nicht, wie der Film ist, ich hoffe auch, dass er dem Buch nicht die Spannung nimmt =)

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  4. Ich habe auch schon auf die Rezension gewartet, seitdem ich gesehen habe, dass du es bei Goodreads liest. Die Idee klingt so gut und ich fand den Trailer auch sehr ansprechend. Jetzt werde ich das Buch definitiv auch lesen! ^^ Eine ansprechende und gut aufgebaute Rezension hast du da begeliefert :P Das Ganze klingt aber auch echt toll :O

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    1. Das freut mich aber, danke! :)
      Ja, ich fand auch, dass es sehr toll klingt, ich kann nur wiederholen, dass es sich echt lohnt. :D

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  5. Vielen Dank für die ausführliche Rezension! Ich finde den Trailer zum Film sehr interessant gemacht, habe mich aber immer gefragt, worum es in der Geschichte nun eigentlich geht, davon kam nämlich nie so viel rüber :-)
    Deine Rezi hat mir sehr geholfen, jetzt kann ich mir viel besser etwas darunter vorstellen - und die Handlung klingt so spannend, dass ich mir den Film definitiv mal ansehen werde! Vor dem Buch schrecke ich allerdings noch etwas zurück - mit fast 700 Seiten ist es ja doch ein ganz schöner Schinken (auch wenn die meisten Trilogien insgesamt natürlich viel mehr Seiten haben ...)

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    1. Gerne! :) Haha, ging mir genauso, ich hab das im Trailer auch nicht ganz verstanden, aber trotzdem sah er so gut aus. :D Nachdem ich dann ein paar Rezensionen gelesen hatte, habe ich es durchschaut.
      Das Buch ist aber wirklich ein Schinken. Nur liest es sich nicht wie einer, eben dadurch, dass es diese Abschnitte gibt und diese auch zur Hälfte in Brief-, Tagebuch- und Interviewform geschrieben sind. Dadurch wird das Lesetempo um einiges beschleunigt. :) Aber ich kann verstehen, dass du zurückschreckst, hätte ich nicht so ein riesiges Interesse gehabt, wäre es mir auch so ergangen :D
      Ich wünsche dir viel Spaß im Film, ich hoffe, er ist so gut wie das Buch! :)

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