9/11/2012

Rezension: "Die tausend Tage der Anna Michailowna" - Helen Dunmore


Titel: Die tausend Tage der Anna Michailowna
Autor: Helen Dunmore
Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 414
Preis: [nur noch gebraucht erhältlich]

Inhalt
Leningrad, 1941. Die deutschen Truppen belagern die Stadt, und der endlose russische Winter rückt unaufhaltsam näher. Hunderttausende werden den nächsten Frühling nicht mehr erleben. In einer Zeit, da der Hunger so groß ist, dass man Leder und Tapeten auskocht, um Suppe daraus zu machen, und die Kälte so eisig, dass man die Toten nicht beerdigen kann, weil der Boden zu hart ist, schafft es die dreiundzwanzigjährige Anna mit einem unbeugsamen Willen, ihren Vater und den erst fünfjährigen Bruder Kolja am Leben zu erhalten. Unter dramatischen Umständen lernt sie den Arzt Andrej kennen, und vor dem Hintergund unendlich schwerer Wochen und Monate entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte ... via


Meine Meinung
Wer meinen Blog schon ein Weilchen liest, weiß sicher schon, dass ich eine Schwäche für Romane über das Russland des 20. Jahrhunderts habe. Vor allem „Die Liebenden von Leningrad“ konnte mich so sehr für die Geschichte dieses Landes begeistern, dass ich seitdem alles Wissen aufsauge, das damit und ganz besonders mit der Belagerung von Leningrad zu tun hat. So habe ich auch schon „Stadt der Diebe“ verschlungen und zuletzt war es „Die tausend Tage der Anna Michailowna“. 

Vorweg sei gesagt, dass sich diese drei Bücher in keinster Weise ähneln, bis auf die Tatsache, dass sie dich mit dem Überlebenskampf während der Blockade beschäftigen. Doch in „Stadt der Diebe“ liegt das Hauptaugenmerk mehr auf dem Abenteuer und der generellen Lage, in „Die Liebenden von Leningrad“ dreht sich vieles um die Liebesgeschichte, wohingegen sich Helen Dunmores Roman wirklich hauptsächlich mit dem bloßen Überleben beschäftigt. 

Anna ist eine sehr interessante Protagonistin, die aber schon so viel erlebt hat, dass sie sehr abgehärtet und betäubt wirkt. Sie erlaubt sich keine Schwächen, ist mutig, weil sie es sein muss, um ihren kleinen Bruder am Leben zu halten und tut selten etwas für sich allein. Der Nebengeschmack dieser erzwungenen Selbstlosigkeit ist, dass der Ton im Buch teilweise verbittert und zynisch ist, wenn aus Annas Sicht zum Beispiel ihr Vater geschildert wird, der sich zurückgezogen hat und mehr wie ein zweites Kind für sie ist, das sie über die Runden bringen muss. 

Annas Haltung ändert sich, als eine alte Familienfreundin aus Eigennutz anfängt, ihr unter die Arme zu greifen und als sie Andrej, den angehenden Arzt kennenlernt. Diese Liebesgeschichte ist in meinen Augen sehr realistisch dargestellt. Während kein Essen da ist, eisige Kälte herrscht und jeder Schritt wehtut, wollen die beiden nicht all das tun, was Liebende normalerweise tun, sondern einfach beieinander sein und füreinander überleben. Damit geben sie sich ein Ziel, einen Grund, den ganze Schrecken durchzustehen. 
Bis zum Ende bleibt sich die Autorin ihrer ruhigen, aber imposanten Erzählweise treu. Sie beschönigt nichts, doch zeigt auf, dass man sich in solchen Zeiten an schönen Dingen festhalten muss. 

Ein weiterer Pluspunkt war für mich der Schreibstil. Auf den ersten Seiten kam er mir ungewohnt vor, doch Dunmore hat mich recht schnell in ihren Bann gezogen. Teilweise schreibt sie sehr poetisch und ich hatte an jeder Stelle das Gefühl, das sie für alles genau die Wörter gefunden hat, die sie finden wollte. Der Stil hat wirklich ideal zu der Geschichte gepasst. 


Fazit 
Wer eine Liebesgeschichte wie „Die Liebenden von Leningrad“ erwartet, der wird hier nicht fündig werden. Ganz abgesehen davon halte ich einen Vergleich für unklug, da das Setting zwar dasselbe ist, aber ein ganz anderer Ton angeschlagen wird. 
Mich hat dieser Roman sehr berührt. Er ist zwar ruhig, aber auch sehr beeindruckend und real. Ein empfehlenswertes und mitreißendes Buch, das von mir verdiente 5 von 5 Sternchen bekommt.

"Es ist immer das Gleiche", sagt Darja Alexandrowna leise. "Die da oben fangen etwas an, aber wir müssen es ausbaden." S. 66
"Seit Jahren hat das System der Nahrungsmittelverteilung so viel Energie verschlungen, dass man kaum noch welche übrig hatte, um das System selbst in Frage zu stellen." S. 193 


Kommentare:

  1. Hallo,

    das Buch klingt toll, deswegen habe ich es mir gerade direkt mal bei Tauschticket angefordert, da du mich mit deiner Rezension sehr neugierig darauf gemacht hast.

    Ich finde das Setting auch sehr interessant und freue mich nun schon richtig aufs lesen.

    Danke für die Rezension!

    Liebe Grüße,
    Jai

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    1. Freut mich, dass ich dein Interesse wecken konnte. :) Ich hoffe, dir gefällt es genauso gut! :)

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  2. Du machst mir immer mehr Lust auch endlich mal etwas über diesen Zeitabschnitt zu lesen. Ich habe mir auch fest vorgenommen, das zu tun, sowie ich wieder mehr Zeit habe. Jetzt muss ich nur noch gucken, mit welchem Buch ich anfange.
    Bisher klingen alle drei Rezensionen, als würden sich die Bücher wirklich lohnen. Da muss ich wirklich nochmal in mich gehen.

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    1. Das ist cool :D Ans Herz legen würde ich dir aber vor allem "Die Liebenden von Leningrad", weil das mein ungeschlagenes Lieblingsbuch ist. :)

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