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Rezension: "Asja" - Michael Ignatieff

Titel: Asja
Autor: Michael Ignatieff
Verlag: Insel Taschenbuch
Seitenzahl: 387
Preis: 9,99€

Vielen herzlichen Dank an den Insel Verlag für die freundliche Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars!

Inhalt
Als Krankenschwester lernt die sechzehnjährige Asja, Tochter des Prinzen Galizin, im Lazarett den jungen Offizier Sergej kennen. Die Wirren der Oktoberrevolution trennen die beiden nach nur einer gemeinsamen Nacht. Es beginnt Asjas lebenslange Suche nach ihrer ersten und einzigen Liebe. via

Meine Meinung
Mit großen Erwartungen bin ich an diesen Roman herangegangen. Vielleicht mit zu Großen, doch die Inhaltsangabe, die eine russische Liebesgeschichte am Anfang des 20. Jahrhunderts verspricht und die Tatsache, dass der Autor außerdem ein richtiger Historiker ist, haben mich hoffen lassen, dass mich hier eine Geschichte ähnlich der von den „Liebenden von Leningrad“ erwartet. 
Die Ernüchterung kam schnell. Nicht, weil das Buch schlecht war, ganz und gar nicht, es fing sogar sehr gut an. Doch diese Liebesgeschichte steht bis zum ersten Drittel des Buches im Mittelpunkt, höchstens bis zur Hälfte. Danach dreht es sich um ganz andere Dinge. 
Diese Dinge könnte ich jedoch auch nicht genau benennen. Die Protagonistin Asja lernt ein Wirrwarr an Charakteren kennen, die alle undurchschaubar und oberflächlich sind, weil Asja eine äußerst naive Persönlichkeit ist und somit die Realität und die wahren Charaktere der anderen Personen nicht wahrnimmt. Das hat mich nach einer Weile maßlos gestört, denn sympathisch war mir wirklich keiner. Weder sie, noch Sergej, noch ihr Sohn oder sonst ein Charakter. 
Nun könnte man sagen, gut, vielleicht soll das Hauptaugenmerk auf die geschichtlichen Ereignisse gelegt werden. Was mir als Geschichtsstudentin bestimmt nichts ausmachen würde, aber leider geraten auch diese meiner Meinung zu kurz. Natürlich erfährt man etwas von den 1917er-Revolutionen in Russland und vom Hitler-Stalin-Pakt, von der Belagerung Frankreichs, den Bombardierungen Englands.. doch diese werden nur nebenbei erwähnt und nie vertieft. Auch das ist zurückzuführen auf die Protagonistin, die sich schlichtweg nicht besonders viel mit den Ereignissen auseinanderzusetzen versucht, und dennoch hätte einiges mehr thematisiert werden müssen, zumal es sicher nicht nur Menschen mit Vorkenntnissen diesen Roman lesen. 
Ich gebe zu, das waren nun einige Kritikpunkte. Herrn Ignatieff muss man aber zugute tun, dass er das Schreiben sehr gut beherrscht. Der Schreibstil und die Neugier, worauf er hinauswill, waren auch meine Antriebe beim Lesen. Leider weiß ich immer noch nicht, was als Intention bzw. Botschaft zu verstehen ist. Dass Hoffnung zu Kriegszeiten nichts nützt? Oder dass, genau wie Asja, während des Zweiten Weltkrieges, viele Menschen blind und naiv gewesen sind? Dass Liebe ausweglos oder nur eine Illusion ist? Oder vielleicht sogar, dass es für Russinnen normal ist, sich vor 3 Männern nackt auszuziehen und im Meer schwimmen zu gehen? 
Auch nach einigem Nachdenken werde ich aus dieser Geschichte nicht schlau. Leider, denn ich hatte mir wirklich eine schöne Liebesgeschichte, verknüpft mit der meiner Meinung nach interessantesten geschichtlichen Epoche und Kulisse erhofft. Ich bin mir sicher, dass ich mit anderen Erwartungen und Anforderungen an dieses Buch herangegangen wäre, wenn die Inhaltsangabe nicht so irreführend wäre. 

Fazit
Wer sich an dieses Buch heranwagen möchte, der sollte sich dessen bewusst sein, dass der Klappentext wenig mit dem Inhalt gemein hat. Auch konnten die Charaktere mich aufgrund von oberflächlichen Darstellungen und unsympathischen Verhaltensweisen nicht überzeugen. Einzig und allein der Schreibstil und die Spannung werten das Buch auf, doch insgesamt hat mir das Buch einfach nicht so gut gefallen. 2,5 von 5 Punkten gibt es von mir.

Kommentare

  1. Ich kannte das Buch nicht bis du hier das erste Mal davon geschrieben hast - da klang es auch echt spannend. Aber jetzt ist meine Neugierde wieder völlig weg, weil das echt nicht so gut klingt, dass ich es lesen müsste. Schöne Rezension und danke für die Vorwarnung! :)

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  2. Für mich klingt es immer noch spannend. Aber das liegt vermutlich daran, dass ich total auf historische Romane, die in Russland spielen, abfahre. Wenn dann der Autor auch noch Historiker ist, bin ich schon ausreichend überzeugt, es zumindest mal anzulesen.... ;)

    liebe grüße zu dir,
    sarah maria

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    1. Ja, ich liebe historische und in Russland angesiedelte Romane auch. :D Nur hier wurde ich etwas enttäuscht. Reinlesen sollte man trotzdem auf jeden Fall, letzten Endes ist die Meinung ja unweigerlicherweise immer subjektiv. Ich hoffe für dich, dass es dir dann besser gefällt. :)

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