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Rezension: "Delirium" - Lauren Oliver

Titel: Delirium 
Autor: Lauren Oliver
Verlag: Carlsen Verlag 
Seitenzahl: 416
Preis: 18,90€

Inhalt
Früher, in den dunklen Zeiten, wussten die Leute nicht, dass die Liebe tödlich ist. Sie strebten sogar danach, sich zu verlieben. Heute und in Lenas Welt ist Amor Deliria Nervosa als schlimme Krankheit identifiziert worden. Doch die Wissenschaftler haben ein Mittel dagegen gefunden. Auch Lena steht dieser kleine Eingriff bevor, kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Danach wird sie geheilt sein. Sie wird sich nicht verlieben. Niemals. Aber dann lernt sie Alex kennen. Und kann einfach nicht mehr glauben, dass das, was sie in seiner Anwesenheit spürt, schlecht sein soll. via

Meine Meinung
„Delirium“ zählt für mich zu den Büchern, die ausnahmslos hoch gelobt werden und von denen man dementsprechend viel erwartet. Ich brannte wirklich darauf, es endlich lesen zu können und mit jeder positiven Rezension, die ich dazu las, wurde das Brennen stärker. Umso ernüchternder war mein Zustand, als ich das Buch dann endlich in den Händen hielt. Mein Interesse für Dystopien hatte und hat abgenommen, doch ich wollte das Buch immer noch gerne lesen und gab der Zukunftsversion eine Chance. 
Bereuen tue ich das auf keinen Fall. Bis auf ein paar Kleinigkeiten empfand ich diesen Auftakt als wirklich gelungen. 
Der Schreibstil überzeugt durchgehend, ist sehr bildlich und teilweise poetisch und verträumt. Es gab keine Stellen, bei denen ich dachte, dass man das auch besser hätte ausdrücken können. Zudem war ich sehr überrascht, als mir ungefähr bei der Hälfte des Buches erst auffiel, dass es im Präsenz geschrieben ist! Normalerweise lese ich lieber in der Vergangenheitsform, aber dass mir das in diesem Fall anfangs gar nicht bewusst wurde, ist für mich ein eindeutiges Plus. Außerdem hat mir die Aufmachung der Kapitel auch sehr gut gefallen. Als Einleitung wird in jedem Kapitel ein Abschnitt aus einem Buch der Zukunftswelt rezitiert. Dadurch wirkte alles sehr authentisch und gut durchdacht. Auch die Bibel existiert als solche weiter, wird nur in veränderter, angepasster Form weiterverwendet und zitiert. Dass die Religion weiter vorkommt, hat mir ebenfalls sehr gut gefallen, da ich mir nicht vorstellen könnte, dass diese irgendwann komplett nicht mehr existiert. Ich kann mir vorstellen, dass es mir schwerer gefallen wäre, in die Dystopie abzutauchen, wären diese Abschnitte nicht gewesen. Nichtsdestotrotz fiel es mir wirklich nicht leicht, die Vision hinzunehmen. Es erschien und erscheint mir einfach nicht sehr einleuchtend, dass die Liebe irgendwann als Krankheit betitelt wird und dagegen ein Eingriff stattfindet und dass alle, die sich vor ihrem Eingriff verlieben, wie Ausgestoßene behandelt werden. Es fiel mir sehr schwer, mir vorzustellen, dass die Politik und Regierung irgendwann in solchen Ausmaßen spinnen würde. Bei Dystopien finde ich den Punkt wichtig, dass es auf eine bestimmte Weise vorstellbar ist. Das war hier leider nicht so sehr der Fall, obwohl diese „Krankheit“ - wie gesagt – sehr, sehr authentisch dargestellt wurde. Auch das Beschreiben der Symptome und Lenas Vergleichen ihres eigenen Verhaltens mit den Symptomen hat mir sehr gut gefallen, sodass ich nach einer Weile die Welt doch akzeptieren konnte. „Welt“ ist allerdings ein gutes Stichwort für meinen zweiten und letzten Kritikpunkt – ich finde es sehr schade, wenn Dystopien sich nur auf ein Gebiet beziehen. Ich möchte jedes Mal wissen, wie es auf dem Rest der Welt aussieht und nicht nur in Amerika, wie es meistens der Fall ist. Gibt es die anderen Kontinente noch, ist es auf ihnen noch genauso wie früher oder herrschen dort die gleichen Gesetze? Es ist natürlich möglich, dass man das schlichtweg deshalb nicht erfährt, weil das Buch aus der Sicht Lenas geschrieben ist und die Regierung vielleicht keine Informationen zum Rest der Welt an die Bevölkerung durchlässt. Aber zumindest eine kleine Erwähnung hätte ich sehr gut gefunden. 
Wie gesagt war das aber mein letzter Kritikpunkt. Ansonsten finde ich den Roman durchaus gelungen. Die Charaktere waren sehr echt und realitätsnah und vor allem die Entwicklung von Lena konnte ich sehr gut nachempfinden. Anfangs ist sie noch Feuer und Flamme, endlich geheilt zu werden. Sobald sie Alex kennenlernt, erwachen Zweifel und sie versucht sich dagegen zu wehren. Doch je näher sich die beiden kommen, desto gleichgültiger wird ihr der Verlauf der „Krankheit“. Gut gefallen hat mir auch die Konstellation mit Lena und Hana. In vielen Büchern ist die Protagonistin selbst die, die anfängt, aufständisch zu sein. Hier war das Gegenteil der Fall und Hana hat angefangen, Lena mitzuziehen. Dadurch lernte Lena Alex näher kennen und lieben. Diese Liebe ging mir weder zu schnell, noch war sie unglaubwürdig. Im Gegenteil, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Entwicklung der beiden genauso kommen musste, auch wenn man Alex erst am Ende besser kennenlernt, finde ich. Bis dahin ist er sehr auf Lena und ihr Wohlbefinden bezogen, was ich aber nicht als störend wahrgenommen habe. 
Bis aufs Ende und ein bis zwei Stellen ist das Buch jedoch nicht sehr actionreich. Mir hat das trotzdem nichts ausgemacht, da ich ruhige Bücher auch sehr gerne lese. 

Fazit
Wer sich viele spannende Konflikte erhofft, wird hier vielleicht enttäuscht. Der Auftakt dieser Dystopie ist sehr auf die Protagonistin und ihre Entwicklung bezogen und kommt erst am Ende richtig in Fahrt. Wem das nichts ausmacht und wer sich gut in diese Zukuntsvision und die Welt hineinversetzen kann, dem empfehle ich dieses Buch weiter. Ich habe das Buch gern gelesen, verfluche ein bisschen den Cliffhanger und freue mich auf die Fortsetzung, die auf Englisch übrigens schon erschienen ist. 
Von mir gibt es 4,5 von 5 Sternen.

Kommentare

  1. Ich kann deine Meinung nachvollziehen! Delirium ist wirklich sehr ruhig und gefühlvoll, genau das Richtige wenn man die Art der Erzählung bevorzugt. Mit deinen Kritikpunkten geht es mir ähnlich, ich hätte auch gerne mehr erfahren, vor allem wie es im Rest der Welt aussieht. Ich habe die Fortsetzung Pandemonium ja schon gelesen, da wird man leider auch nicht viel schlauer.

    Grüße!

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  2. Schöne Rezension :) Und "Delirium" ist wirklich eher eine ruhige Dystopie, wenn überhaupt aufbrausend was die Gefühle anbelangt. Den erste Kritikpunkt mit der Liebe kann ich auch gut nachvollziehen. Dass man nicht weiß, wie es auf der restlichen Welt aussieht, ist natürlich frustrierend, aber meistens wissen das ja die Hauptcharaktere selbst nicht, wie du schon sagst. Ich glaube, das ist auch etwas schwer einzurichten, wenn man eine Diktatur als Staatssystem hat, die sich von allem abschottet und dann aber einem Ich-Erzähler treu bleiben möchte. Mit der Erwähnung anderer Kontinente könnte man dann vielleicht das Risiko laufen, den Roman mehr in Richtung Tatsachenbericht zu treiben :S

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    1. klar, da magst du recht haben. trotzdem kann ich mir schwer vorstellen, dass selbst eine diktatur keine verträge oder bündnisse oder sonstiges mit anderen staaten hat. zumindest eine kleine erwähnung hätte mich schon zufriedengestellt. aber man kann nicht alles haben :D

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    2. Das stimmt auch irgendwie wieder, vor allem weil "Delirium" ja gar kein so krasses Staatssystem hat wie andere Dystopien. Also da wird ja, was die Meinung usw. anbelangt doch noch relativ viel Freiheit gelassen, im Vergleich mit "Die Auswahl" zum Beispiel. Na ja, vielleicht gibt's ja im nächsten Band mehr Informationen.

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  3. Eine wirklich schöne Rezension, der ich in einigen Punkten zustimmen kann. :) Ich muss sagen, dass es bei mir vor allem auch die kleinen Ausschnitte zu Anfang der Kapiteln waren, die das Ganze noch authentischer herübergebracht haben. Aber schön, dass dich das Buch dennoch letztendlich überzeugen konnte und du nun ebenfalls auf den zweiten Band gespannt wartest. Wirst du ihn auf Englisch lesen?

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    1. Dankeschön! :) Ich denke, ich kann auch noch auf die deutsche Übersetzung warten, denn es gibt noch einige Bücher, die ich dringender lesen möchte. :D Liest du es denn auf Englisch? :)

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