4/21/2012

Rezension: "Das Haus zur besonderen Verwendung" - John Boyne


Titel: Das Haus zur besonderen Verwendung
Autor: John Boyne
Verlag: Piper
Seitenzahl: 560
Preis: 9,99€

Inhalt
Russland, 1915: In einem kleinen Dorf verhindert der Bauernsohn Georgi ein Attentat. Zum Dank ruft Zar Nikolaus II. den tapferen Jungen nach Sankt Petersburg, wo er ihn zum Leibwächter seines einzigen Sohnes ernennt. In den prunkvollen Sälen des Winterpalais begegnet Georgi auch der schönen Zarentochter Anastasia. Sie verlieben sich, wohl wissend, dass diese Liebe nicht sein darf. Doch Georgi ist entschlossen, für Anastasia bis zum Äußersten zu gehen … via

Meine Meinung
Bücher enthalten Leben, das ist wahrscheinlich jeder Leseratte bewusst. Doch die meisten Bücher behandeln eine bestimmte Zeit im Leben eines Protagonisten. Hin und wieder gibt es jedoch auch solche, die ein ganzes Leben thematisieren. Nicht bis ins kleinste Detail und vielleicht nicht direkt ab der Geburt bis zum Tod und doch begleitet man diese Person fast ihr komplettes Leben lang. 
Person ist ein gutes Stichwort. Denn trotz dass der Roman fiktiv ist, hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass mir der Erzähler, der Protagonist, gegenüber sitzt und mir diese Geschichte erzählt. Wie ein Märchen. Ein Märchen, aber eines, das sich an Erwachsene richtet, mit Schrecken, Trauer, Schuld, Fehlern, Vorwürfen und Toden, und trotzdem ruhig erzählt, ohne Hast. Manch einer mag das für mangelnde Spannung halten und das Buch ist sicher nichts für jedermann, doch mir hat der Erzählstil sehr zugesagt. 
Es fällt mir schwer, meine Meinung in Worte zu fassen, ohne zu viel von der Handlung zu verraten. Es sei so viel gesagt, dass ich John Boyne, obwohl ich erst dieses Buch von ihm gelesen habe, für einen sehr begabten Schriftsteller halte. Der Roman ist sehr passend aufgebaut. Georgi erzählt kapitelweise aus seiner Jugend, der Zeit, in der er im Winterpalais des Zaren gelebt hat, und aus seiner Zeit im Ausland. Seine Jugend ist chronologisch geschildert, wohingegen die Auslandsjahre in einer unbestimmten Reihenfolge geschildert werden. Das bleibt dennoch übersichtlich, weil die Kapitelüberschrift verrät, in welchem Jahr man sich aufhält. Beide Stänge sind sehr spannend und entgegen meiner Erwartung hatte ich nicht den Drang, Seiten zu überspringen, um den anderen Strang wieder aufzunehmen, im Gegenteil, das Interesse wurde in beiden Fällen geweckt. Am Ende treffen sich die Handlungsstränge bei einer Jahreszahl, bevor das Buch zum Schluss kommt. 
Dieser Aufbau hat mir sehr zugesagt. Die Kapitel waren anfangs für meinen Geschmack zwar viel zu lang, da ich es nicht gern habe, wenn ich mitten im Kapitel aufhören muss zu lesen, was hierbei unvermeidbar war, jedoch habe ich mich schnell daran gewöhnt, später hat es mich gar nicht mehr gestört. 
Nicht nur deshalb halte ich John Boyne für einen zurecht gelobten Schriftsteller. Auch sein Schreibstil hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Es ist die perfekte Mischung aus Dialogen, Beschreibungen und Gedankengängen. Jeder einzelne Satz hat gepasst, ich hatte keinen Moment das Gefühl, dass er etwas besser hätte schreiben können. 
Nun ist das Buch ja trotzdem nicht dünn. Bei dickeren Büchern habe ich manchmal die Befürchtung, dass der Autor zu viel „schwafelt“. Dass zu viel Nebensächliches behandelt wird, dass die Story auch auf weniger Seiten gut rübergebracht werden könnte. Hier war das nicht der Fall. Zwar geht es nicht nur um Georgi und Soja, es werden noch viele andere Personen behandelt, doch genau das macht dieses Buch aus. Es ist eine Lebensgeschichte, mit allem, was dieses Leben beinhaltete. Alles baut aufeinander auf, alles führt zum Buchende. Und wenn die Charaktere auch noch allesamt mit einer gewissen Tiefe beschrieben werden, dass man sie wie reale Personen vor Augen hat, dann kann ich mich erst recht nicht beschweren. Die Hauptpersonen gehen Entwicklungen durch, sie leiden, lernen und leben. Das ist genau das, was ein gutes Buch ausmacht. Auf die Tatsache, dass die Story meine Lieblingsepoche in der Weltgeschichte behandelt, bin ich noch nicht eingegangen. Russland am Anfang des 20. Jahrhunderts, der Übergang zum Sowjetregime und der weitere Verlauf. In diesem Fall wird jedoch alles aus einer anderen, mir bisher noch nicht begegneten Perspektive beschrieben. Nämlich aus der Sicht der Zarentreuen. Über die Aristokraten lernt man ja nie wirklich etwas positives. Und doch leidet man hier mit den Romanows, obwohl man weiß, dass sie nicht fehlerlos waren und obwohl man weiß, dass Georgi in seiner Sicht zum Zaren geblendet ist, weil dieser ihn aus dem Dorf in ein besseres Leben geholt hat. Mir war die ganze Zeit bewusst, dass der Protagonist deshalb stets in hohen Tönen von den Romanows geredet hat (und weil er in Anastasia verliebt war), doch gerade das hat den Roman für mich noch interessanter gemacht, eine mir bis dahin komplett unbekannte Sichtweise. 
Als letztes sei gesagt, dass dieses Buch natürlich fiktiv ist. Es beruht zwar auf einem geschichtlichen Ereignis, doch geschichtliche Personen werden angepasst und abgeändert. Doch das ist auch gut so – wenn ich Fakten will, lese ich ein wissenschaftliches Buch. Das sollte man in diesem Fall nicht erwarten, und trotzdem kann man viel erfahren. 


Fazit

Lange Rede, kurzer Sinn – dieses Buch hat genau meinen Geschmack getroffen. Sehr empfehlenswert für jene, die sich ebenfalls für die russische Vergangenheit und insbesondere für die Romanows interessieren und auch für solche, die ein in sich abgeschlossenes, sehr schön geschriebenes, fast märchenhaftes, ruhiges und doch schicksalsschweres Buch lesen wollen. Von mir gibt es – wie sollte es anders sein – 5 von 5 Sternen.

Kommentare:

  1. Oh, das klingt ja sehr gut. Ich bin gerade noch am Überlegen, ob mir das Buch vielleicht zu ruhig wäre. Aber alles in allem klingt es sehr, sehr schön.
    Mit dieser zeitlichen Epoche kenne ich mich kaum aus. Ein Grund mehr, davon zu lesen. Sehr schöne Rezension

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