2/24/2017

Rassistisch sind doch nur Nazis.. oder? Warum das und mehr auch für die Buchcommunity relevant ist.

Vor einiger Zeit kündigte ich an, eine Post-Reihe zu verschiedenen Themen zu schreiben, die mit kritischem Denken und demnach auch kritischem Lesen zusammenhängen. Ich habe einiges an Literatur dazu da, wollte alles schön vorbereiten und möglichst geschickt schreiben, aber das beansprucht so viel Zeit, die ich im Moment nicht aufbringen kann, dass die Reihe dann wohl erst in hundert Jahren existieren würde - deshalb schreibe ich jetzt einfach drauf los und freue mich darauf, die Posts mit euch gemeinsam auf- und auszubauen; Ergänzungen, eigene Erfahrungen und weitere Gedanken sind absolut erwünscht. 

Wer mich jetzt schon eine Weile verfolgt, auch hier auf dem Blog, wird vielleicht irgendwie meine Entwicklung mitbekommen haben. Ich war, wie wie vermutlich die meisten hier, natürlich schon immer gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen gewesen, die ich mitbekommen habe. Allerdings habe ich in den letzten Monaten und Jahren viel Neues dazugelernt und blicke seitdem mit anderen, 'geöffneteren' Augen auf die Gesellschaft. Einige betiteln das als "Political Correctness-Wahn" (warum "Wahn" und andere Begrifflichkeiten problematisch sind, werde ich dann demnächst im Post zu Ableism behandeln) und bezeichnen damit die regelmäßige Kritik an Sprache und Strukturen, die rassistisch, sexistisch, ableistisch usw. sind. Allein Gender-Sternchen fallen für einige schon in die Kategorie. 
Mich in mein früheres Ich hineinversetzend, das niemandem Böses wollte, aber einfach zu wenig Wissen hatte, unterstelle ich auch jenen, die irgendwie diese Meinung teilen, erstmal Unwissen statt Böses. Wenn es dann Menschen sind, die sich in ihrem Unwissen nicht weiterbilden wollen, dann ist das wieder eine andere Sache; aber ich bin so naiv, an das Gute in Menschen zu glauben und möchte daher mit dieser Post-Reihe vielleicht ein, zwei Menschen mehr erreichen und ihnen neue Perspektiven ermöglichen. Perspektiven, die für mich, nachdem ich mich damit beschäftigt hatte, die einzig annehmbaren geworden sind. 

Zum Einstieg möchte ich auf Rassismus eingehen. Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich daran, dass wir die Betitelung "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" bekommen hatten. Es wurde außerdem der Rassismus des NS-Regimes zutiefst verurteilt. Aber das ist es eben, was ich aus heutiger Sicht als keine alleinige Lösung betrachte. Natürlich ist das NS-Regime zutiefst zu verurteilen. Aber wir leben in einer postkolonialen und postnationalsozialistischen Gesellschaft. Beides hat das geprägt, was wir heute denken und sagen. Unsere Strukturen sind davon geprägt. Es reicht nicht, mit dem Finger auf etwas zeigend zu sagen, dass das verurteilenswert ist. Vielmehr müssen wir weitergehen und reflektieren. Wir haben alle postkoloniale und postnationalsozialistische Denkweisen verinnerlicht. Wir sind alle rassistisch
Ja, ich habe gerade auch dich rassistisch genannt. Tief durchatmen. Abwehrmechanismen und "Aber ich mag doch Vielfalt!" bringen uns nicht weiter. Genauso wenig wie diese Schul-Auszeichnungen, die ich eben erwähnte. Indem wir das abwehren, weil wir doch keine Rechten, Neonazis, AfDler oder sonst was sind, sorgen wir indirekt dafür, dass wir auch rassistisch bleiben. Don't be that person. 
Was ich sagen will: Wir haben alle Rassismus internalisiert. Zunächst einmal können wir ja nicht mal was dafür; niemand sucht sich aus, wie und wo er*sie geboren wird und wie er*sie sozialisiert wird. Aber wir suchen uns aus, wie wir damit umgehen und ob wir damit weitermachen. 

Dahinter steckt eine strukturalistische Ansicht. Strukturalismus bedeutet, ganz kurz gefasst, dass etwas nicht nur durch individuelle Handlungen geschieht, sondern gesamtgesellschaftlich eine Struktur bildet. Das heißt, es sind nicht nur Beschimpfungen. Dazu gehört auch, dass man ständig anders gemacht wird. Dass man aufgrund seines Namens oder Aussehens bestimmte Zuschreibungen erlebt. Dass man dadurch benachteiligt wird: bei der Arbeit, bei der Wohnungssuche, bei Flugreisen, bei Fahrkartenkontrollen, bei Polizeidurchsuchungen, usw. usf... Es zieht sich durch alle Instanzen und bildet dadurch einen Mechanismus, der ausschließt

Das bedeutet: einerseits geht es nicht nur um einzelne Individuen. Und andererseits ist jedes Individuum daran beteiligt. 

Doing race ist da ein Stichwort. Doing deshalb, weil sogenannte "Rassen" hergestellt werden. Auch wenn sie immer wie natürliche Kategorien behandelt werden, sie sind es nicht. Die Kategorien werden aktiv hergestellt. Das entkräftigt das Argument "Es gibt gar keine 'Rassen' und dadurch keinen Rassismus, wir sind alle gleich" - ja, aber gesellschaftlich eben nicht. Ungleiche gesellschaftliche Stellungen sorgen dafür, dass eben nicht alle gleich sind. Ein weiteres Argument, dem ich immer wieder begegne: "Der Islam ist keine 'Rasse', also ist das kein Rassismus, wenn wir was gegen Muslime sagen" - der Islam bzw. muslimische Menschen werden zu einer "Rasse" gemacht, indem sie mit bestimmten Denk- und Verhaltensmustern besetzt werden. Das heißt, dass Rassismus nicht einmal was mit dem herkömmlichen Verständnis des Begriffs "Rasse" zu tun hat. Rassismus besteht gänzlich aus Konstrukten.
(Edit: Ich wurde gerade noch darauf hingewiesen, dass "Rasse" stets mit Vorsicht zu behandeln ist, weil es im Deutschen anders besetzt ist als das englische race. Hier könnt ihr das nachlesen: *klick*
Den Hinweis verdanke ich diesem sehr empfehlenswerten Account, danke nochmal!)

Und wie erkenne ich jetzt meinen Rassismus? 
Die einfachste Art und Weise: Zuhören und bereit sein, zu reflektieren und zu akzeptieren. Definitionshoheit gewähren. Das heißt: jemand, der*die Rassismuserfahrungen gemacht hat, kann besser beurteilen, was rassistisch ist und hat dadurch eine berechtigtere Stimme. Oft höre ich "Das war aber nicht so gemeint", wenn jemand auf etwas Rassistisches hingewiesen wird. Und ich glaube das. Aber genau darum geht es. Internalisierter Rassismus ist die Norm, nicht die Ausnahme. Die meisten meinen es nicht so. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, wie das Gesagte oder Getane ankommt. Eine gute Absicht rechtfertigt nicht, auf Rassismus zu beharren.

Ich möchte euch ein paar Situationen aus meiner Erfahrung schildern, die es vielleicht deutlicher machen. Zum Beispiel hatte ich bis vor kurzem noch einen türkischen Pass, weil man damals noch die Staatsbürgerschaft der Mutter übernommen hat, auch, wenn man in Deutschland auf die Welt gekommen ist. Mir war das absolut egal, ist doch nur ein Wisch, dachte ich damals. Bei Ausflügen oder Klassenfahrten fiel es aber immer wieder auf, weil ich die einzige war, die so ein Heftlein mit hatte, statt eines normalen Persos. Und irgendwie kam es dann dazu, dass ich immer wieder, wenn es darum ging, von einer Freundin darauf hingewiesen wurde, dass ich doch langsam mal die Staatsbürgerschaft wechseln sollte. Ich sei doch gar nicht wirklich türkisch, ich müsste doch einen deutschen Pass haben. Damals konnte ich das nicht als Rassismus benennen, ich wusste nicht einmal, warum mich diese Aussagen von ihr störten, ich wusste nur, dass sie es taten. Mit ein paar Jahren Abstand ist mir das bewusster. Ich unterstelle ihr keine böse Absicht. Sie wollte mir vielleicht damit sagen "Du bist doch nicht anders, du bist doch Eine von uns". Aber mir gab es das Gefühl, falsch und anders zu sein. Als sei ein türkischer Pass etwas Schlechteres. Und woran erkennt man überhaupt, ob jemand mehr türkisch oder mehr deutsch ist? War ich nicht mehr wie 'die anderen da', weil ich 'gut integriert' war? 

Ein anderes Beispiel ereignete sich erst vor ein paar Wochen an der Uni bei einem meiner Lieblingsdozenten. Wir sprachen über Emilia Galotti und das Ende, in dem Emilias Vater sie tötet, um sie und sich wieder reinzuwaschen - quasi. Dies bezeichnete der Dozent als "eine Art Ehrenmord", was ja in der heutigen westlichen Gesellschaft etwas sehr Befremdliches sei. Das möge für andere Kulturkreise noch anders aussehen, sagte er danach noch, und schaute direkt meine beiden (kopftuchtragenden) Sitznachbarinnen und mich an. Als sei das nicht schlimm genug: Es hat keine*r eingegriffen. Dort saßen lauter Lehramtsstudierende und keine*r hat bemerkt, was dort geschehen war oder aber hat nichts gesagt, warum auch immer. Auch wir haben erstmal nichts sagen können, weil wir wie vor den Kopf gestoßen waren. Es war eine unglaublich unangenehme Situation und ich war Tage danach noch aufgewühlt.
Allerdings haben wir uns nach der Sitzung getraut, zum Dozenten zu gehen und ihn direkt darauf anzusprechen. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass er die Kritik angenommen und verstanden hat, aber wir mussten ihm Erklärung auf Erklärung liefern, warum das Verhalten nicht okay war und warum wir genauso wenig mit "Ehrenmorden" zu tun haben wie vermutlich alle anderen im Raum. Er hat sich am Ende entschuldigt, aber ich glaube nicht, dass er so richtig verstanden hat. Er war in Eile und nicht offen dafür, sich (in dem Moment?) zu reflektieren.

Das waren jetzt zwei Beispiele, die deutlich machen, dass Rassismus sich einerseits nicht auf rechtsradikale Übergriffe beschränkt und anderseits sehr alltäglich ist und vorkommt. 

Was hat das jetzt mit der Buchcommunity zu tun? 
Alles. Wenn jede*r Rassismus verinnerlicht hat, dann spielt auch in allem verinnerlichter Rassismus eine Rolle. Selbst wenn es in einem Buch nicht offenkundig um Konflikte dieser Art geht, könnt ihr so, so vieles beobachten, um festzustellen, ob etwas Rassismus produziert. Sind die "bösen" Charaktere Nicht-Weiße? Sind die Nicht-Weißen in dem Buch klischeehaft dargestellt? Oder generell falsch? Der aller häufigste Fall ist wahrscheinlich, dass ein Buch überhaupt keine Nicht-Weißen Charaktere beinhaltet. Wir nehmen Weißsein als die Norm wahr, hinterfragen das nicht und bilden uns danach unsere Vorstellungen. Bücher mit nur weißen Charakteren (oder nur heterosexuellen oder nur 'gesunden' Charakteren) sind kein realistisches Abbild unserer Gesellschaft. Die bewusste oder unbewusste Entscheidung, Charaktere nur weiß zu gestalten, sagt auch schon viel aus. Warum nicht einfach mal einen Schwarzen Helden in einem High Fantasy-Roman? Elfen, Orks und Einhörner sind für die Vorstellungskraft kein Problem, aber vielfältige Charaktere schon? Ein Charakter muss nicht immer eine Agenda haben, wenn er einfach nicht-weiß ist.
Ein anderes Beispiel: Katniss Everdeen wird in The Hunger Games mit olivfarbener Haut beschrieben. In den Filmen wird sie von einer weißen Schauspielerin dargestellt. Der Begriff dafür ist "White-Washing". Oft werden nicht-weiße Charaktere auch auf den Covers weiß dargestellt. Verkaufen die sich besser? Und wenn ja, was sagt das aus? 

Vielleicht fragt ihr euch noch, was das eigentlich für einen Unterschied macht. 
Was finden wir besonders schön am Lesen? Wenn wir uns identifizieren können und wenn wir auf etwas hinaufblicken können. Jeder Mensch verdient es, genug Identifikationsmöglichkeiten zu haben und nicht als Nicht-Norm zu gelten. Held*innen in Büchern müssen uns alle wiederspiegeln; nicht nur einen Teil von uns. 

Seid einfach wachsam. Lest kritisch. Und hört zu, wenn Betroffene sagen, dass etwas, z.B. ein Buch, Rassistisches beinhaltet. Hinterfragt die Auswahl, hinterfragt, welche Rollen wer übernimmt und was als 'normal' gilt und was nicht. Ich sehe bereits einen positiven Wandel in den aktuellen Veröffentlichungen - es darf gerne noch mehr werden. 

Ich weiß, dass das einigen aus der Community zu 'anstrengend' ist. Sie möchten im Hobby nicht mit der Härte des Lebens konfrontiert werden oder haben irgendwelche anderen Gründe dafür. An dieser Stelle ist es passend, den Begriff der Privilegien einmal aufzugreifen. Es ist ein Privileg, wenn man sich von diesen Themen entfernen kann, weil sie einen nicht betreffen. Jeder Mensch, der in bestimmten Kontexten nicht marginalisiert ist, genießt Privilegien. Weiße Menschen genießen in der Regel die meisten Privilegien, weil sie überall repräsentiert werden und als Norm gelten (Stichwort "White Privilege"). Privilegien zu genießen bedeutet auch, mehr Macht zu haben. Das ist ein Aspekt des Struktur, die ich oben versucht habe, aufzudröseln. Bei dieser Struktur / diesem Mechanismus spielt Macht eine ganz große Rolle. Bestimmte Menschengruppen werden mehr benachteiligt als andere. Warum? Weil die einen mehr Privilegien und Macht genießen als die anderen. Rassismus schließt auch immer Herrschaftsmechanismen und Macht ein. Deshalb ist es kein Rassismus in dem Sinne, wenn ein nicht-weißer Mensch einen weißen Menschen "Kartoffel" nennt, weil dieser weiße Mensch dadurch nicht gesamtgesellschaftlich Benachteiligung erfährt. Stellt es euch mit einer Treppe vor. Weiße Menschen stehen auf der höchsten Treppenstufe, nicht-weiße Menschen weiter unten. Wenn von unten nach oben getreten wird, wird die oben stehende Person nicht mal richtig getroffen. Wenn von oben nach unten getreten wird, fällt die Person jedoch noch tiefer. Sie wird in den meisten Bereichen des Lebens im Vergleich zu weißen Menschen mehr benachteiligt. 

Es ist fast verständlich, dass man, wenn man oben steht, dazu neigt, diese Themen außen vor zu lassen. Aber das wäre anders, würden sie weiter unten stehen. Hier heißt es: Privilegien bewusst machen, reflektieren und gemeinsam mit denen, die diese nicht haben, dafür sorgen, dass sich das ändert. Solange diese Privilegien existieren, ist unsere Gesellschaft nicht frei von Rassismus. 

Okay, das war jetzt sehr viel, sehr chaotisch, sehr knapp und sehr unvollständig. Trotzdem hoffe ich, dass ich einen Anstoß geben konnte und freue mich über jegliches Feedback. Fragen, Ergänzungen, eigene Erfahrungen oder andere Gedanken sind sehr willkommen! Wie steht ihr zu der ganzen Thematik, sowohl generell als auch in Bezug auf die Buchcommunity? Vielleicht habt ihr auch Beispiele für Bücher, in denen euch Rassismus aufgefallen ist? Ich freue mich auf einen regen Austausch.

2/20/2017

[Rezension] "Gott ist nicht schüchtern" - Olga Grjasnowa


Gott ist nicht schüchtern - Olga Grjasnowa - Aufbau Verlag* - 309 S. - 22,00€ - ISBN: 978-3-351-03665-2

Content Note: Tod, Gewalt, Folter, (Sexueller) Missbrauch, Flucht, Trauma

Amal und Hammoudi sind jung, schön und privilegiert, und sie glauben an die Revolution in ihrem Land. Doch plötzlich verlieren sie alles und müssen ums Überleben kämpfen. Sie fliehen. Ein erschütterndes, direktes und unvergessliches Buch.

(Ab hier mit Spoilern:)

Als die syrische Revolution ausbricht, feiert Amal ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und träumt von kommendem Ruhm. Zwei Jahre später wird sie im Ozean treiben, weil das Frachtschiff, auf dem sie nach Europa geschmuggelt werden sollte, untergegangen ist. Sie wird ein Baby retten, das sie fortan ihr Eigen nennen wird. 

Hammoudi hat gerade sein Medizinstudium beendet und eine Stelle im besten Krankenhaus von Paris bekommen. Er fährt nach Damaskus, um die letzten Formalitäten zu erledigen. Noch weiß er nicht, dass er seine Verlobte Claire niemals wiedersehen wird. Dass er mit hundert Wildfremden auf einem winzigen Schlauchboot hocken und darauf hoffen wird, lebend auf Lesbos anzukommen. In Berlin werden sich Amal und Hammoudi wiederbegegnen: zwei Menschen, die alles verloren haben und nun von vorn anfangen müssen. via

Olga Grjasnowa ist eine Autorin, die ich durch „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zu den besten Deutschlands zählen würde. Ihr zweites Werk, „Die juristische Unschärfe einer Ehe“, habe ich bislang zwar übersprungen – es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich auch das Werk lese – doch dass ich jedes ihrer Bücher irgendwann lesen / gelesen haben würde, stand nie in Zweifel. Als ich „Gott ist nicht schüchtern“ entdeckte, war ich demnach sofort Feuer und Flamme, zumal der Inhalt mich ebenso gereizt hat wie die Tatsache, dass es ein Buch von Grjasnowa ist; denn zurzeit sehne ich mich nach Stimmen in der Literatur, die sonst eher weniger gehört werden. Ein kleiner Zweifel bahnte sich trotzdem an, denn ganz nach dem Motto „Own Voices“ wäre ein Roman über die Fluchterfahrungen aus Syrien nochmal etwas anderes, wenn er tatsächlich von Syrer*innen verfasst wäre. Ich bin, was das angeht, nicht auf dem aktuellsten Stand, doch ich hoffe, dass auch diese Stimmen von den Verlagen gehört und verlegt werden.

Trotz dieses kleinen Zweifels war ich überzeugt, dass wenn jemand nicht-Syrisches eine solche Geschichte gut erzählen könnte, es Grjasnowa wäre. In „Der Russe…“ hat sie Feingefühl bewiesen, ebenfalls Fluchterfahrungen geschildert, Traumata thematisiert und gezeigt, dass sie sich in verschiedene Perspektiven und Positionen hineinversetzen kann. Genau das, was bei einem solchen Thema nötig ist. 

Nach dieser zu lang geratenen Einleitung nehme ich mein Urteil vorweg: Der Autorin ist all das mit „Gott ist nicht schüchtern“ ebenfalls gelungen. Durch die Augen eines Mannes und einer Frau, die beide einen westlich-modernen Lebensstil gewöhnt sind, erzählt Grjasnowa von einer zunehmenden Diktatur, von Protesten und Dissens, von Gewalt, von Misstrauen, Willkür, von den verschiedenen Arten, Widerstand zu leisten, aber auch von Tod, Missbrauch, Folter, Entmenschlichung und wie die ganze Welt dabei zusieht. Eindrücklich beschreibt sie die Entwicklung des Bürgerkriegs und die Hilflosigkeit, während auf der einen Seite das Assad-Regime lauert und auf der anderen der IS. Kinder, die überredet und gedrängt werden, sich zu bewaffnen. Machtdemonstrationen und Einschüchterung. Ausweglosigkeit. 

„Die Menschen haben Hunger, und Hunger ist die effektivste Waffe, denn er entmenschlicht.S. 198

Ein großer Teil des Buches spielt sich in Syrien ab, in Damaskus und Deir az-Zour, Teile aber auch im Libanon, der Türkei, Griechenland und Deutschland. Grjasnowa schildert die Flucht, die Schlauchboote, die unechten Rettungswesten und die vielen Tode und Waisen. Bürokratische Erschwernisse kommen genauso zu Wort wie Begegnungen mit Fremdenhass und rechtem Terror. 

„Nach dem Überleben kommt die Bürokratie […].“ S. 251

Grjasnowa hat einen sehr knappen und unaufgeregten Schreibstil, durch den sie trotzdem sehr viel zu transportieren vermag. In diesem Fall hätte ich mir an einigen Stellen doch etwas weniger Knappheit gewünscht und etwas mehr klare Worte statt interpretierbare Leerstellen, doch ich kann die Entscheidung, darauf zu verzichten, dennoch nachvollziehen. Die Tragik der Geschehnisse wird auch ohne dramatische Ausführungen deutlich. Es ist eine von vielen Arten, eine solche Geschichte zu erzählen und wirkt dennoch. Wahrscheinlich ist es auch hier wie bei ihrem Debütroman; den musste ich ein zweites Mal lesen, um die Genialität zu erkennen. Auch hier kann ich mir vorstellen, dass sich mir beim zweiten Lesen ganz andere Sätze und Ereignisse einprägen würden.

„Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist mit jedem Atemzug spürbar.“ S. 281

„Gott ist nicht schüchtern“ erzählt eine von vielen Geschichten, die so oder so ähnlich von Syrer*innen in der heutigen Zeit erlebt wurden und werden. Die Autorin beleuchtet das Leben zweier Menschen, die zunächst ohne große Geldnot leben und westlich-modern und akademisch sind. Die Geschichte deckt damit nur einen Bruchteil der vielen existierenden ab; erhebt aber auch nicht den Anspruch, alles erzählen zu wollen. Dass wir mehr davon brauchen, steht außer Frage. Romane haben ihre ganz eigene Art, einem etwas nahezubringen und Empathie zu erwecken. Dieser macht einen Anfang, einen äußerst gelungenen noch dazu. Ich kann das Buch sehr empfehlen und vergebe 4,5 von 5 Sternen.

Erscheinungstermin ist der 17.03.2017

2/18/2017

[Rezension] "Adolf total" - Walter Moers

Adolf total - Walter Moers - Penguin Verlag* - 272 S. - 15,00€ - ISBN: 978-3328100690

"Wollt ihr den totalen Adolf? Hier ist er!

Darf man sich über Nazis lustig machen? Nein, man muss! So lautete der Slogan zu Walter Moers' erstem Band „Adolf – äch bin wieder da“, mit denen der Hamburger Bestsellerautor bis heute Maßstäbe setzt in der Hitlerparodie. Ihm folgten „Äch bin schon wieder da“ und der legendäre „Bonker“. Jetzt gibt es erstmals alle Moers-Geschichten um die „Nazisau“ in einem Band – mit zusätzlichem Bonusmaterial." via

Darf Satire alles? 
Ich denke, diese Frage können wir alle einstimmig mit „ja“ beantworten – Meinungs- und Pressefreiheit sind Rechte, die es unbedingt zu schützen gilt, immer.

Aber muss Satire deswegen auch alles? 
Hier spalten sich die Geister. Erst letztes Jahr wieder sehr deutlich am Beispiel des Schmähgedichts von Jan Böhmermann. Ja, Satire muss alles dürfen. Aber sie muss nicht alles tun. Und wenn, dann muss sie Kritik aushalten und bestenfalls annehmen. 

Obwohl ich diese Meinung vertrete, wollte ich den Adolf-Comics von Walter Moers eine Chance geben; zum einen, weil ich als Historikerin und angehende Geschichtslehrerin den Einsatz von Comics grundsätzlich spannend finde und diese kennenlernen wollte und zum anderen, weil ich seit „Die Stadt der träumenden Bücher“ ein sehr, sehr hohes Bild von Moers hatte und dachte, dass der Mann doch sicher keinen Murks produzieren kann. 

Ich habe falsch gedacht. 
Humor ist bekanntlich sehr subjektiv, aber ich frage mich tatsächlich, wer an dieser Art von Humor Gefallen findet. Ich möchte mich etwas aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass jene, die es tun, selbst nicht zu einer marginalisierten Gruppe gehören. Denn anders kann ich mir den Erfolg dieser Darstellung von Rassismus, Ableismus und (Hetero-)Sexismus nicht erklären. Oft höre ich das Argument, dass es diskriminierender sei, sich nicht über Minderheiten lustig zu machen, aber dieses Argument ignoriert, dass die einen tagtäglich mit diesen Vorurteilen konfrontiert und benachteiligt werden und die anderen eben nicht. Wenn also von „Schlitzaugen“ und „Negern“ geredet und Goering auf Kosten von transsexuellen Menschen parodiert und vergewaltigt wird, dann kann ich darin lediglich die Reproduktion von etlichen Ismen erkennen und nichts anderes. Hinzu kommt, dass Hitler (und die anderen vorkommenden gefährlichen Menschen) dargestellt werden, als rührten ihre Taten daher, dass sie geistig oder psychisch nicht gesund wären. Nicht nur ist das ableistisch, es ist auch verharmlosend. Es schafft auf Hitler eine Witzfigur, während die Spuren der NS-Zeit noch bis in die heutige Zeit greifen und spätestens seit Pegida, AfD und co wieder blitzaktuell sind. 

Nun könnte argumentiert werden, dass gerade das Lächerlichmachen von Hitler und seinem Gedankengut mit diesen Nachwehen bricht und aufzeigt, dass diese Denkweisen eben nichts anderes sind als lächerlich. Dass sie weder Hand, noch Fuß haben und deswegen nicht ernst genommen werden müssen. Dieses Argument würde ich verstehen, wenn wir gesellschaftlich auch wirklich so weit wären, rechtes Gedankengut als nichts anderes als lächerlich anzusehen. In einer Gesellschaft aber, in der fast täglich Geflüchtetenheime brennen, in der Menschen aufgrund von Hautfarbe, Sexualität, Religion oder anderen Zugehörigkeiten tagtäglich diskriminiert werden, kann ich den Sinn dahinter nicht erkennen, sich darüber lustig zu machen. So weit sind wir einfach nicht. Zumal an den Ereignissen der NS-Diktatur ebenfalls nichts Lächerliches gewesen ist. Es wäre eine Zumutung, zu behaupten, dass so viele Menschen aufgrund von lächerlichen Handlungen auf bestialischste Art und Weise gestorben wären. Nicht Irrationalität prägte die Zeit, es war eine unmenschliche Rationalität, die den Menschen Nummern verpasste. 

Ja, Satire darf alles. Ohne Wenn und Aber. 
Aber sie muss nicht. Und „Adolf total“ ist etwas, das muss erst recht nicht. 
Ich sehe vor mir, wer darüber lachen kann. Menschen deutscher Herkunft, die a) genug von der „Schuldkultur“ haben und die Vergangenheit hinter sich lassen wollen, b) meinen, darin irgendeinen höheren, intellektuellen Sinn zu erkennen und c) rechtes Gedankengut hegen und die Darstellung erfrischend und lustig finden und sich vom Sprachgebrauch inspirieren lassen. Nehmen wir noch die Kategorie d) mit rein, die Jugendliche (und sicher auch Erwachsene) umfasst, die das einfach lustig finden, weil es vulgär und sexualisierend ist, ohne sich mehr Gedanken darum zu machen. 

Als Mensch, der mit anderen Augen auf die Gesellschaft schaut, kann ich diese Art von Humor jedenfalls nicht nachvollziehen und im Grunde auch nicht gutheißen. Ich habe versucht, die Begeisterung nachzuvollziehen; alles, was ich gefunden habe, fügt sich jedoch in meine Kategorien a-d ein. Ein Rezensent jüdischer Herkunft hat es als geschmack- und taktlos beschrieben; dem kann ich mich anschließen. An keiner einzigen Stelle habe ich geschmunzelt, ab Seite 1 habe ich nur kopfschüttelnd gelesen und mich durchgekämpft. Dabei bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass Moers bei Fiktion bleiben sollte; für Politisches ist er nicht die richtige Person. Für eine gelungenere Hitler-Parodie empfehle ich "Er ist wieder da". 

Ich kann leider nicht anders, als die Mindestanzahl an Sternen zu vergeben. Die Lektüre kann ich nicht weiterempfehlen.

Hier noch ein paar Auszüge, damit deutlicher wird, was ich meine. Wenn ich draufklickt, vergrößert sich das Bild.





2/04/2017

[Monatsrückblick] Januar 2017

Meine Hoffnung war eigentlich, dass ich mehr lese, wenn ich mir weniger Druck mache. Im Januar hat das leider noch nicht so wirklich geklappt, aber das ist okay, da die Uni mich mal wieder sehr eingenommen hat. Vom Februar erhoffe ich mir mehr. Jedenfalls habe ich im Januar lediglich ein Hörbuch gehört und ansonsten in "Die Hälfte der Sonne", "Ein wenig Leben" und "Gott ist nicht schüchtern" gelesen, aber nichts davon beendet. Alle drei gefallen mir bisher aber sehr gut und ich greife sehr gern dazu, wenn ich ein bisschen Puffer hab. Das Hörbuch war "Emma" von Jane Austen, gelesen von Eva Mattes (auf Spotify). Parallel habe ich immer mal wieder in der englischen Ausgabe mitgelesen, was mir total gut gefallen hat. Generell war "Emma" ein sehr erheiterndes Buch! Mir gefielen die Charaktere und ihre Färbungen unheimlich gut. Eva Mattes liest zudem sehr angenehm; ich habe schon gesehen, dass auch die anderen Romane von Austen von ihr vertont wurden und werde im Laufe des Jahres hoffentlich noch öfter zu den Hörbüchern greifen. 



Emma - Jane Austen; gelesen von Eva Mattes (476 S.)
★★★☆


Auf den beiden rechten Bildern könnt ihr übrigens ein paar Seiten meines neuen Bullet Journals sehen - ich habe zurzeit große Freude daran, in diesem alles festzuhalten und auch einige buchbezogene Seiten eingebaut. Wenn ihr mehr davon sehen wollt, kann ich gerne einen Beitrag vorbereiten. Lasst es mich wissen. :)



Gekauft habe ich im Januar lediglich ein Buch (The Handmaid's Tale). Eingezogen sind trotzdem sechs. Drei davon waren ein Gewinn von Sandy vom Blog Black Tea Books (Wind, Sand and Stars, The Betrothed und Don't Look Now), eines ein Rezensionsexemplar (Gott ist nicht schüchtern) und eines ein Bücherschrankfund (Wachstumsschmerz). Alle davon reizen mich sehr, allen voran aber The Handmaid's Tale, Wind, Sand and Stars und Wachstumsschmerz. Gott ist nicht schüchtern habe ich inzwischen mit Begeisterung beendet, die Rezension folgt in den nächsten Tagen. Allerdings haben jetzt noch die angefangenen Bücher vom Dezember und Januar Vorrang, bevor ich mich den Neuzugängen widme. 

Wie begann für euch das Jahr, lesetechnisch? Habt ihr schon einige gelesene Bücher zu verbuchen oder macht ihr euch (noch) keinen Druck? Ich wünsche euch einen schönen Februar - auf dass der Frühling und die hellen Tage bald kommen mögen! 

1/10/2017

[Rezension] "Ich gebe dir die Sonne" - Jandy Nelson

Ich gebe dir die Sonne - I'll give you the sun - Jandy Nelson - cbt Verlag* - 480 S. - 17,99 € - ISBN: 978-3-570-16459-4
Content Note / Trigger Warnung: Sexueller Missbrauch, Rape Culture, Homophobie, Tod, Gewalt

Am Anfang sind Jude und ihr Zwillingsbruder Noah unzertrennlich. Noah malt ununterbrochen und verliebt sich Hals über Kopf in den neuen, faszinierenden Jungen von nebenan, während Draufgängerin Jude knallroten Lippenstift entdeckt, in ihrer Freizeit Kopfsprünge von den Klippen macht und für zwei redet. Ein paar Jahre später sprechen die Zwillinge kaum ein Wort miteinander. Etwas ist passiert, das die beiden auf unterschiedliche Art verändert und ihre Welt zerstört hat. Doch dann trifft Jude einen wilden, unwiderstehlichen Jungen und einen geheimnisvollen, charismatischen Künstler... via

„Ich gebe dir die Sonne“ ist wahrscheinlich eines der Bücher, die mir auf diversen Plattformen am meisten begegnet sind. Neugierig war ich von Anfang an, doch ich war unsicher, ob ich wieder Lust auf ein Jugendbuch habe; ich hab mir das Buch immer in einer Reihe mit John Green vorgestellt. Damit habe ich allerdings weit gefehlt. 

„Ich gebe dir die Sonne“ ist außergewöhnlich. Der Schreibstil war bereits auf den ersten Seiten so anders, so unkonventionell, dass ich mich schnell in der wunderschönen Sprache verloren hatte, bevor ich überhaupt die Charaktere ins Herz geschlossen habe. Am Stil gefiel mir auch außerordentlich gut, dass aus Noahs Perspektive regelmäßig Bilder im Kopf gemalt und benannt werden. Beide Charaktere sind sehr künstlerisch und von der Kunstbegeisterung der Mutter geprägt. Noah malt quasi alles und denkt unaufhörlich ans Malen. Die Bilder, die er im Kopf malt und benennt, hatte ich oft tatsächlich bildlich vor Augen. Seine Empfindungen wurden dadurch zusätzlich verstärkt. 

Generell habe ich die Charakterzeichnungen als sehr originell und authentisch empfunden. Ich könnte auch hier wieder „außergewöhnlich“ sagen. Sie sind vielschichtig, fehlerhaft, liebenswürdig, machen starke Wandlungen durch und wachsen einem mit all den Macken und Vorzügen sehr ans Herz. Noah und Jude als Zwillinge sind für sich schon eine Besonderheit; am liebsten hat mir zum Schluss aber die Wandlung des Vaters gefallen. Nicht nur für die Wandlungen, sondern auch für das gesamte Geschehen war es klug konstruiert, sowohl Noah als auch Jude kapitelweise Perspektiven zu gewähren, die untereinander auch Zeitsprünge haben. So sind beide z.B. in einem Kapitel aus Noahs Perspektive noch 13 und im nächsten Kapitel aus Judes Perspektive 16. Diese Erzählweise eröffnet neue Möglichkeiten, die in diesem Fall gekonnt genutzt wurden. So gelungen ist den Aufbau aber auch fand, mir persönlich waren die Kapitel an sich viel zu lang und hätten gerne nochmal in Unterkapitel aufgebaut sein können. Das tut dem Inhalt keinen Abbruch und bezieht sich lediglich auf meinen persönlichen Lesekomfort. 

Bevor man sich auf „Ich gebe dir die Sonne“ einlässt, sollte man sich allerdings auch dessen bewusst sein, dass das Buch sich nicht an Rationalitäten hält. Jude sieht Geister verstorbener Menschen und ist vernarrt in eine Art Bibel, die ihre Großmutter zu Lebzeiten selbst mit Weisheiten und Wissen zusammengestellt hatte. Sowohl Jude und Noah, als auch einige der anderen Figuren sind eher spirituell denkende Charaktere. Mir persönlich hat das sehr gut gefallen. Die ‚schrägen‘ Figuren sind die, die im Gedächtnis bleiben. 

„Ich weiß nicht, ob ich eine Dualseele sein will. Ich glaube, ich brauche meine eigene Seele.“ (S. 428)

Wie eingangs notiert werden allerdings auch ernstere Themen angesprochen. Dies geschieht auf eine sehr gekonnte, zum Teil subtile Art und Weise, dennoch sollte man sich dessen bewusst sein, dass man sich auf eine Geschichte einlässt, in der auch Themen wie Vergewaltigung, Diskriminierung von Homosexualität und Gewalt zur Sprache kommen. Leider hat es die Autorin an einer Stelle, in der die Rede von „so ein Mädchen“ (implizit: Mädchen, die sich freizügig kleiden und dadurch Vergewaltigungen provozieren) ist, nicht geschafft, zu verdeutlichen, dass es nicht von Bedeutung ist, welche Art von Mädchen jemand ist und dass eine solche Gewalttat durch nichts legitimiert wird. Diese Perspektive, die im Buch von einer Person vertreten wird, wird nicht korrigiert oder ergänzt.

Insgesamt konnte mich „Ich gebe dir die Sonne“ von Anfang bis Ende vollkommen begeistern und gehört zu den besten Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Es ist ein außergewöhnliches Buch, das ich nicht nur jugendlichen Leser*innen empfehlen kann, mit Charakteren und einem Schreibstil, die beide so unkonventionell daherkommen, dass man noch lange daran denken muss. Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen – sofern Noah mir das erlaubt, denn die Sterne gehören, glaube ich, nach aktuellem Stand ihm. 

12/31/2016

[Jahresrückblick] Mein Jahr 2016

Ich kann es kaum glauben, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist. Ich frage mich immer, wieso die Zeit so schnell vergeht und denke, dass ich doch gar nichts geschafft habe; dabei war 2016 für mich in Bezug auf das Studium wahrscheinlich eines der stressigsten Jahre. Dementsprechend ist auch das Lesen etwas zu kurz gekommen. Andererseits habe ich mich auch sehr gewandelt, was mein Lieblingshobby betrifft - mein Geschmack ist ein ganz anderer als noch vor einigen Jahren und 2016 hat diesen noch mehr manifestiert. Aber eins nach dem anderen. Gelesen habe ich jedenfalls (von ursprünglich geplanten 50) 41 Bücher. Ich habe versucht, das mal ein bisschen anschaulich zu machen. :) 

Fast 1/6 der Bücher, die ich gelesen habe, waren von Frauen. Ich habe außerdem mehr Interesse an Werken von People of Colour entwickelt und mal geschaut, wie viele Autor*innen dabei sind - Men of Colour waren tatsächlich gar nicht vertreten. Neun der Bücher waren von Women of Colour. Das liegt nicht zuletzt auch an den Gedichtbänden von Rupi Kaur, Nayyirah Waheed und Warsan Shire, die ich für mich entdeckt habe. 


Am meisten habe ich offenbar gedruckte Bücher in englischer Sprache gelesen. Da habe ich gar nicht drauf geachtet, ein Gleichgewicht beizubehalten, weil es mir schlichtweg nicht wichtig ist. Das Endergebnis finde ich trotzdem interessant. :) Hier noch ein paar weitere Zahlen: 

6 Klassiker 
11 Non-Fiction, davon 4 Gedichtbände
10 Kurzgeschichten
und ca. 85 Neuzugänge

Ich habe in keinem Jahr zuvor so viele Hörbücher gehört und "Sachbücher" (Non-Fiction passt einfach besser. Kennt ihr ein alternatives, deutsches Wort?), sowie Gedichtbände gelesen - und werde diese neuen Leidenschaften auf jeden Fall beibehalten, weil ich sie als sehr bereichernd empfunden habe! 

Nun zu meinen Lieblingen in diesem Jahr. 


Am besten gefallen haben mir A Monster Calls (welches ich leider nicht besitze), Salt To The Sea, Milk and Honey und Americanah. Jedes dieser Bücher ist ein Goldschatz. Ich kann sie uneingeschränkt empfehlen. Während A Monster Calls sich auf fantastische Art und Weise mit Themen wie Trauer und Wut auseinandersetzt, behandelt Salt To The Sea ein Ereignis des Zweiten Weltkriegs aus vielen relevanten Perspektiven, welches viel bekannter sein sollte. Milk and Honey ist ein Gedichtband, der direkt ins Herz ging und dort blieb. Und Americanah konnte mich durchweg begeistern, nicht zuletzt jedoch durch die messerscharfe Beobachtung von Alltagsrassismus. 


Neben den absoluten Highlights gab es aber natürlich auch weitere. Auf Crooked Kingdom hatte ich mich das ganze Jahr über gefreut; leider hatte es mir am Ende nicht ganz so gut gefallen wie der erste Band, was an einer ganz speziellen Sache lag. Ich bin immer noch nicht drüber hinweg. Dennoch ein grandioses Buch! Von Adichie habe ich außerdem Blauer Hibiskus und We Should All Be Feminists gelesen und geliebt. The Smell Of Other People's Houses war ein Jugendbuch, das endlich mal wieder erfrischend anders war; ein anderes, ungewohntes Setting und eine unaufgeregte, aber dadurch überzeugende Handlung haben mich von sich überzeugt. Gefallen habe ich außerdem an Gothic Fiction gefunden. We Have Always Lived In The Castle und Charlotte Perkins Gilmans Kurzgeschichten haben mich wundervoll unterhalten und lange nicht losgelassen. Ein Genre und zwei Autorinnen, die ich mir 2017 auf jeden Fall weiter merken werde! 

In Zahlen mag mein Lesejahr nicht mein erfolgreichstes gewesen sein, aber ich habe ein paar wunderbare Autor*innen und Bücher entdeckt, die es für mich trotzdem zu einem kleinen Triumph machen. 
Gefühlt habe ich aber viel mehr geguckt als gelesen und deswegen habe ich mal mein Gehirn durchforstet und notiert, was ich alles so geschaut habe! Und wenn ich schon mal dabei war, habe ich auch festgehalten, was ich so gehört habe. 


Was Serien und Binge Watching angeht, bin ich schuldig im Sinne der Anklage. Eingefallen sind mir die Serien Gilmore Girls (zig-tausendster Rewatch, auch die neuen Folgen wurden bereits 2x geschaut :D), Die Nanny, Gravity Falls, Full House und Fuller House, Dirk Gently's holistische Detektei, Modern Family, Jane The Virgin, Die Legende von Korra (das Ende, hach <3) und gerade schaue ich Call The Midwife, was mir außerordentlich gut gefällt. Filme schaue in hingegen nicht so häufig, allerdings fehlen auf der Liste noch die beiden aktuellen Star Wars-Filme. :) Wie gefiel euch eigentlich Fantastische Tierwesen

Gehört und gefeiert habe ich sehr viel und sehr gerne Beyoncés Lemonade. Ihr visuelles Album ist der Wahnsinn und auch ein Grund, warum ich Warsan Shire entdeckt habe. An Neuerscheinungen habe ich außerdem Solanges A Seat At The Table und Lady Gagas Joanne sehr gern gehört. Außerdem reiht sich auch türkische Musik ein - Kalben und Pinhani habe ich unfassbar gern gehört. All Time Favourites waren natürlich auch wieder dabei, so z.B. die Red Hot Chili Peppers, Coldplay, Royal Blood und die Arctic Monkeys. Mein absolutes Lieblingslied war dieses Jahr wohl dieses hier, weil ich es so harmonisch und beruhigend finde und es gleichzeitig so sehnsüchtig und melancholisch ist:

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Das war mein Rückblick des Jahres 2016. :) Und 2017? Es wird ein spannendes Jahr, denn ich habe mich erstmals seit langem kein hohes Leseziel gesetzt. Mit 20 Büchern kann man vielleicht sogar sagen, dass es gar keins ist. Das hat aber einen Grund: ich möchte mich nicht mehr auf Zahlen versteifen und dadurch kurze Bücher vorziehen. Ich möchte Wälzer und Klassiker und anspruchsvolle Bücher lesen wie in keinem Jahr zuvor! Am Tag möchte ich eine Stunde lesen. Und mich öfter hier zu Wort melden. Das war's. Das sind meine Ziele. Und eure? :) Wie war euer 2016? Was habt ihr euch für 2017 vorgenommen?
Kommt gut ins neue Jahr! Ich hoffe, es wird ein glückliches für uns alle. :) 

12/30/2016

[Neuerscheinungen] 2017 - Das Jahr der Diversität?

Noch bevor ich meinen Rückblick für dieses Jahr schreibe, möchte ich ein paar Neuerscheinungen vorstellen, auf die ich mich im nächsten Jahr besonders freue. Immer lauter werden die Wünsche, Bücher vielfältiger, bunter zu gestalten (Stichwort "diversity") und immer stärker die Repräsentation von Autor*innen, die selbst marginalisiert sind (Stichwort "Own Voices"). Wir stehen zwar noch am Anfang des Weges, aber ich glaube, dass 2017 uns da einige schöne Bücher bescheren wird. 

"Gott ist nicht schüchtern" - Olga Grjasnowa
Erscheinungsdatum: 17.03.2017

Amal und Hammoudi sind jung, schön und privilegiert, und sie glauben an die Revolution in ihrem Land. Doch plötzlich verlieren sie alles und müssen ums Überleben kämpfen. Sie fliehen. Ein erschütterndes, direktes und unvergessliches Buch.

Als die syrische Revolution ausbricht, feiert Amal ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und träumt von kommendem Ruhm. Zwei Jahre später wird sie im Ozean treiben, weil das Frachtschiff, auf dem sie nach Europa geschmuggelt werden sollte, untergegangen ist. Sie wird ein Baby retten, das sie fortan ihr Eigen nennen wird. 
Hammoudi hat gerade sein Medizinstudium beendet und eine Stelle im besten Krankenhaus von Paris bekommen. Er fährt nach Damaskus, um die letzten Formalitäten zu erledigen. Noch weiß er nicht, dass er seine Verlobte Claire niemals wiedersehen wird. Dass er mit hundert Wildfremden auf einem winzigen Schlauchboot hocken und darauf hoffen wird, lebend auf Lesbos anzukommen. In Berlin werden sich Amal und Hammoudi wiederbegegnen: zwei Menschen, die alles verloren haben und nun von vorn anfangen müssen.

"Der Russe ist einer, der Birken liebt" von Grjasnowa gehört zu meinen Lieblingsbüchern und wenn es eine Autorin gibt, der ich zutraue, dieserlei Themen authentisch zu behandeln, dann sie. Ich bin unglaublich gespannt auf dieses Buch und werde es ganz sicher schnellstmöglich lesen, wenn es erschienen ist. 

"Ein wenig Leben" - Hanya Yanagihara 
Erscheinungsdatum: 30.01.2017

"Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. "Ein wenig Leben" ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch.

Dieses Buch ist mir 2016 in der englischen Ausgabe gefühlt überall begegnet und ich kann es nicht abwarten, zu erfahren, warum so viele davon schwärmen. Ich habe das Buch zur Rezension bereits erhalten und freue mich schon sehr auf das Leseerlebnis. 

"The Hate U Give" - Angie Thomas 
Erscheinungsdatum: 28.02.2017

Sixteen-year-old Starr Carter moves between two worlds: the poor neighborhood where she lives and the fancy suburban prep school she attends. The uneasy balance between these worlds is shattered when Starr witnesses the fatal shooting of her childhood best friend Khalil at the hands of a police officer. Khalil was unarmed.

Soon afterward, his death is a national headline. Some are calling him a thug, maybe even a drug dealer and a gangbanger. Protesters are taking to the streets in Khalil’s name. Some cops and the local drug lord try to intimidate Starr and her family. What everyone wants to know is: what really went down that night? And the only person alive who can answer that is Starr.

But what Starr does—or does not—say could upend her community. It could also endanger her life.

Ein Jugendbuch über die Black Lives Matter-Bewegung? Von einer schwarzen Autorin? Her damit. Ich glaube, damit ist alles gesagt. 

Allegedly - Tiffany D. Jackson
Erscheinungstermin: 24.01.2017 

Mary B. Addison killed a baby.

Allegedly. She didn’t say much in that first interview with detectives, and the media filled in the only blanks that mattered: a white baby had died while under the care of a churchgoing black woman and her nine-year-old daughter. The public convicted Mary and the jury made it official. But did she do it?

There wasn’t a point to setting the record straight before, but now she’s got Ted—and their unborn child—to think about. When the state threatens to take her baby, Mary’s fate now lies in the hands of the one person she distrusts the most: her Momma. No one knows the real Momma. But does anyone know the real Mary?

Hier werde ich wohl zunächst die ersten Rezensionen abwarten, aber die Grundidee klingt sehr spannend, finde ich. 

American Street - Ibi Zoboi
Erscheinungstermin: 14.02.2017

On the corner of American Street and Joy Road, Fabiola Toussaint thought she would finally find une belle vie—a good life.

But after they leave Port-au-Prince, Haiti, Fabiola’s mother is detained by U.S. immigration, leaving Fabiola to navigate her loud American cousins, Chantal, Donna, and Princess; the grittiness of Detroit’s west side; a new school; and a surprising romance, all on her own.

Just as she finds her footing in this strange new world, a dangerous proposition presents itself, and Fabiola soon realizes that freedom comes at a cost. Trapped at the crossroads of an impossible choice, will she pay the price for the American dream?

Poetisch, mit Vodoo-Elementen in Magical Realism abdriftend und Immigrationserfahrungen? Count me in. 

"Midnight Without A Moon" - Linda Williams Jackson 
Erscheinungstermin: Januar 2017

It’s Mississippi in the summer of 1955, and thirteen-year-old Rose Lee Carter can’t wait to move north. But for now, she’s living with her share cropper grandparents on a white man’s cotton plantation. 

Then, one town over, a fourteen-year-old African American boy, Emmett Till, is killed for allegedly whistling at a white woman. When Till’s murderers are unjustly acquitted, Rose realizes that the South needs a change... and that she should be part of the movement. 

Linda Jackson’s moving debut seamlessly blends a fictional portrait of an African American family and factual events from a famous trial that provoked change in race relations in the United States.

Die Amerikanische Bürgerrechtsbewegung ist eines meiner Herzensthemen in der Geschichte. Nicht verwunderlich also, dass ich dieses Buch auch auf meine Wunschliste setzen musste. 

"History Is All You Left Me" - Adam Silvera
Erscheinungstermin: Februar 2017

You’re still alive in alternate universes, Theo, but I live in the real world where this morning you’re having an open casket funeral. I know you’re out there, listening. And you should know I’m really pissed because you swore you would never die and yet here we are. It hurts even more because this isn’t the first promise you’ve broken.

OCD-afflicted seventeen-year-old, Griffin, has just lost his first love – his best friend, ex-boyfriend and the boy he believed to be his ultimate life partner – in a drowning accident. In a desperate attempt to hold onto every last piece of the past, a broken Griffin forges a friendship with Theo’s new college boyfriend, Jackson. And Griffin will stop at nothing to learn every detail of Theo’s new college life, and ultimate death. But as the grieving pair grows closer, readers will question Griffin's own version of the truth – both in terms of what he’s willing to hide, and what true love ultimately means...

Ein queerer Protagonist mit Zwangsstörungen - wer von heterosexuellen, "gesunden" Protagonist*innen gelangweilt ist oder sich unterrepräsentiert fühlt, sollte hier auf jeden Fall noch einen Blick draufwerfen. Ich werde es garantiert im Auge behalten. 

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So weit, so gut. Worüber ich noch nichts finden konnte, was aber auch Ende 2016/Anfang 2017 erscheinen soll(te), ist eine Gedichtsammlung von Warsan Shire. Danach werde ich ebenfalls regelmäßig Ausschau halten. Aber auch so können wir uns erstmal auf einige interessante Neuerscheinungen freuen. 

Worauf freut ihr euch im nächsten Jahr besonders? Ist bei den von mir vorgestellten Büchern auch etwas für euch dabei? 
Was mich auch interessieren würde - habt ihr euch ebenfalls vorgenommen, vielfältiger zu lesen? Wenn ja, was befindet sich so auf eurer "Diversity"-Liste?

Falls ich in diesem Jahr nicht mehr schreiben sollte, wünsche ich euch einen wunderbaren Rutsch ins neue Jahr! Lasst es euch gut gehen.