3/19/2017

[Rezension] "Die Hälfte der Sonne" - Chimamanda Ngozi Adichie

Die Hälfte der Sonne - Half of a Yellow Sun - Chimamanda Ngozi Adichie - Fischer* - 640 S. - 12,99€ - ISBN: 978-3-596-03548-9
Content Notes: Krieg, Gewalt, Rassismus, (Sexueller) Missbrauch

Im Nigeria der Sechzigerjahre kommt der Dorfjunge Ugwu als Houseboy zu Odenigbo, einem linksintellektuellen Professor, bei dem er lesen und schreiben lernt. Als Odenigbos neue Liebe Olanna ihr privilegiertes Leben in Lagos verlässt, um mit ihm zu leben, wachsen die drei schnell zu einer kleinen Familie zusammen. 

Richard, ein englischer Journalist, der in Nigeria Inspiration für sein erstes Buchprojekt sucht, verliebt sich in Olannas ungleiche Schwester Kainene, die die Geschäfte der reichen, aber auch korrupten Familie leitet. Sie alle durchleben durch ihre je eigenen Kämpfe und Erfolge, doch teilen gemeinsam die große Hoffnung auf ein unabhängiges Biafra, das 1967 im Osten Nigerias, wo die Mehrheit der Igbo-Bevölkerung lebt, ausgerufen wird. 

Nur drei Jahre später versinkt das Land in einem blutigen Bürgerkrieg, der Olanna, Kainene und ihre Liebsten brutal aus ihren Leben reißt und alles Dagewesene ausradiert. via

Eigentlich würde ich mich als Fan von Chimamanda Ngozi Adichies Büchern bezeichnen. „Americanah“, „Blauer Hibiskus“ und „We Should All Be Feminists“ haben mir allesamt sehr, sehr gut gefallen und auch von „Die Hälfte der Sonne“ hatte ich mir dementsprechend viel erwartet. 
Ich kann nicht sagen, dass ich enttäuscht bin, denn das Buch war keinesfalls schlecht. Allerdings hat es mich auch nicht so mitgerissen wie ihre anderen und irgendwie bin ich mit keinem der Charaktere warm genug geworden, um wenigstens in Bezug auf dessen Werdegang mitzufiebern. Mein Eindruck ist, dass dem Buch auch weniger Länge nicht geschadet hätte. 

Allerdings ist es schon allein deshalb ein gutes Werk, weil es etwas behandelt, was in der hiesigen Literatur sonst selten Erwähnung findet – die postkolonialen Folgen, die Nigeria erleidet und die zu einer vorübergehenden Spaltung des Landes und Krieg untereinander führen, Biafra neben Nigeria. All das wird aus der Perspektive von akademischen Charakteren erzählt, die ein unabhängiges Biafra unterstützen. Auch die Perspektive eines weißen Mannes kommt zum Tragen, genauso wie die eines zunächst unterprivilegierten Houseboys. So werden ganz verschiedene Blickwinkel auf die Ereignisse ermöglicht, die sich über viele Jahre ziehen und während derer die Charaktere wachsen und älter werden. Nicht nur erlebt man mit ihnen, Liebe, Verrat, Loyalität, Rassismus, Leid und Krieg, wie es der Klappentext sagt, auch wird dem Leser die nigerianische Lebenswelt der Sechsigerjahre näher gebracht. Dieses Buch wirft ein ganz anderes Licht auf die Armut und den Hunger, die man hier stets mit Dürre in Verbindung bringt und selten mit denen, die ausbeuten, wodurch diese Armut und der Hunger erst zu Stande kommen. 

„Er konnte nicht verstehen, wie Leute, die aussagen wie Mister Richard, den Leuten, die aussahen wie er, grundlos wegnahmen, was ihnen gehörte.“ S. 311 
„Der weiße Mann hat den Rassismus in die Welt gesetzt. Er hat ihn als Grundlage für seine Eroberungen benutzt. Es ist immer einfacher, ein menschliches Volk zu besiegen.“ S. 587 

Neben diesen Themen ist mir aufgefallen, dass in diesem Buch die einzig selbstbestimmten Charaktere die der Frauen sind. Die männlichen Protagonisten erscheinen zunächst stärker, doch je mehr man in die Geschichte eintaucht und je mehr geschieht, desto deutlicher wird, dass sie sich von ihrem Umfeld instrumentalisieren lassen und ihren freien Willen verlieren. Die beiden Schwestern hingegen, Kainene und Olanna, beschließen, sich von nichts runterkriegen zu lassen und schaffen sich in jeglichen Situationen etwas, was ihnen Kraft gibt, weiterzumachen. Einige der anderen Charaktere tun im Laufe des Buches Dinge, die sehr fragwürdig sind – allerdings sind sie angesichts des Krieges dennoch leider authentisch. 

Der Schreibstil war mir an manchen Stellen zu ausufernd, allerdings bin ich auch eher ein Freund der knappen Worte; ich bin mir sicher, dass andere daran mehr Gefallen finden, denn auf das Schreiben versteht sich Adichie ohne Zweifel sehr gut. Sie vermag es durch die Stimmen ihrer Charaktere Missstände der Gesellschaft aufzutun, die nicht immer auf den ersten Blick auf Zustimmung stoßen mögen und doch trotzdem allen einen Spiegel vorhalten. Rassismus und (Post-)Kolonialismus spielen da eine ganz wesentliche Rolle. 

„Ich bin Nigerianer, weil ein weißer Mann Nigeria geschaffen und mir diese Identität gegeben hat. Ich bin schwarz, weil die Weißen das Schwarze als größtmöglichen Gegenpol zu ihrem Weiß konstruiert haben. Aber ich war ein Igbo, bevor der weiße Mann kam.“ S. 37 
„Begreifst du denn nicht? […] Sie haben ihre Rassenforschung bei den Herero angefangen und bei den Juden abgeschlossen. Natürlich besteht da ein Zusammenhang!“ S. 81
„Die Hälfte der Sonne“ erzählt nicht nur vom Nigeria der Sechziger, es erzählt auch von weißer Kolonialgeschichte und den Konstrukten, die noch heute unsere Welt beherrschen. Der Roman ist nicht immer angenehm; doch er regt zum Nachdenken an und ermöglicht neue Perspektiven, die im Laufe der Lektüre immer plausibler werden. Allein deshalb lohnt sie sich. Dennoch habe ich mich während des Lesens manchmal zwingen müssen, einerseits aufgrund der Längen, andererseits aufgrund der Charaktere, mit denen ich bis zum Ende nicht ganz warm werden konnte. Im Laufe der Rezension ist mir allerdings aufgefallen, dass die Lektüre doch eine sehr bereichernde war. Ich kann sie jedenfalls guten Gewissens empfehlen. Auch der – in meinen Augen – bisher schwächste Roman aus der Feder Adichies ist sehr lesenswert und beschäftigt sich nicht minder mit Themen wie Rassismus und Sexismus. Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen.

3/17/2017

[Rezension] "Ein wenig Leben" - Hanya Yanagihara


Ein wenig Leben - A Little Life - Hanya Yanagihara - Hanser Literaturverlage* - 958 S. - 28,00€ - ISBN: 978-3-446-25471-8
Meine Rezension enthält keine direkten Spoiler. Allerdings verraten meine Content Notes schon Inhaltliches. Das finde ich wichtig, damit alle wissen, worauf sie sich mit diesem Buch einlassen und um mögliche Retraumatisierungen zu vermeiden. Wenn dich das stört, rate ich vom Lesen meiner Rezension ab. 

Content Notes: (Sexueller) Missbrauch, Pädophilie, Zwangsprostitution, Gewalt, SVV, Suizidalität, Ableism, Trauma, Tod

"Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. "Ein wenig Leben" ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch. via


Wie rezensiert man ein Buch wie „Ein wenig Leben“? Der Titel passt im Grunde wie die Faust aufs Auge; als Leser*in begleitet man die Charaktere über Jahrzehnte hinweg und lebt, liebt und leidet mit ihnen – das „Leiden“ sollte hier besonders hervorgehoben werden – auf eine Art und Weise, dass sie zu realen Menschen werden und nicht mehr wie Charaktere in einem fiktiven Buch erscheinen. Und wie soll man das Leben eines Menschen schon bewerten? Wer bin ich, dass ich mir das anmaßen könnte? Aber Jude, Willem, Malcolm und JB sind nicht real, also wage ich mich trotzdem an ein Urteil. 

„Ein wenig Leben“ war schon vor der deutschen Übersetzung gefühlt in aller Munde. Ich war Feuer und Flamme und habe mit Begeisterung (und Skrupel, ob der Seitenzahl) angefangen, es zu lesen. Das Buch gefiel mir von Anfang an und etwa ab Seite 100 konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen und habe es verschlungen. 

Es ist schwer, zusammenzufassen, worum es geht, weil so viele unterschiedliche Themen angeschnitten werden. Zum einen steht die Freundschaft der vier College-Freunde im Mittelpunkt. Die Jahre, in denen sie in Bruchbuden hausen und gerade sich gerade so Essen finanzieren können. Die Jahre, in denen sie langsam ihre Berufungen finden. Die Jahre der Fehlentscheidungen. Die Jahre des Erwachsenwerdens und der Partnerschaften. Und all das erleben sie zusammen, mal mit mehr und mal mit weniger Zuneigung füreinander. Auch Liebe spielt keine geringe Rolle, wobei das Schöne an dem Buch ist, dass sich Liebe und Freundschaft nicht wirklich voneinander trennen lassen. Ganz undramatisch werden auch Homo- und Bisexualität eingeflochten, aber auch elterliche Liebe kommt nicht zu kurz. Allerdings spielt auch falsche Liebe eine große Rolle. Manipulative, missbräuchliche, pädophile ‚Liebe‘. Menschenhandel und Zwangsprostitution. Und Gewalt. Durch andere, aber auch in Form von selbstverletzendem Verhalten (SVV). Und, weil das für ein Schicksal noch nicht reicht, eine zugefügte körperliche Behinderung, die Jahr für Jahr schlimmere Schmerzen bereitet. 

Im Zuge all dieser Themen werden noch weitere, wichtige Denkanstöße transportiert, wenn man darauf achtet; prägnant war für mich die körperliche Selbstbestimmung, die immerzu beeinträchtigt wird, ob von denen, die kriminell sind (Missbrauch) oder von denen, die Gutes wollen (Zwangseinweisungen in Bezug auf SVV) – natürlich sind die Dimensionen nicht vergleichbar, doch beides impliziert eine Fremdbestimmung des Körpers und eine Grenzüberschreitung, etwas, was dem Charakter genauso zu schaffen macht wie die damit verbundene, internalisierte Scham. Das Sich-Selbst-die-Schuld-Geben, das Sich-Schämen bei jeder kleinsten Schwäche. Es hat mir regelmäßig das Herz gebrochen, davon zu lesen und gleichzeitig schien mir alles unfassbar authentisch. 

„Er wird sich daran erinnert fühlen, dass er eingesperrt ist, gefangen in einem Körper, den er hasst, zusammen mit einer Vergangenheit, die er hasst, und dass er beides niemals wird ändern können“ 

Ich habe mich gefragt, ob es fragwürdig ist, so viel Leid in einem Buch zu schildern. Auch, ob es fragwürdig ist, dass ich davon lese – und das auch noch gerne tue. Nicht, weil mir das Leiden irgendwelche Freude bereitet, sondern, weil ich wissen möchte, was diesem Charakter wiederfahren ist, wie er zu dem geworden ist, der er ist. Eine schlaue Antwort habe ich darauf nicht, ich glaube aber, dass Literatur, die so tief berührt, ihre Berechtigung hat. Das Feingefühl, mit dem Yanagihara diese Themen behandelt, macht es wieder wett. Ich habe keinen Spaß an Leid; aber Menschen leiden, leider. Und Fiktion kann die Empathie dafür definitiv verstärken und auch das Feingefühl beeinflussen. 

In Bezug auf das Feingefühl ist mir zudem positiv aufgefallen, wie Yanagihara mit der Behinderung des Charakters umgeht. Der Charakter selbst möchte sie am liebsten gänzlich verstecken, hauptsächlich, um nicht auf sie reduziert zu werden. Wie das Umfeld, seine Freunde, damit umgehen, erschien mir sehr authentisch. Auch hier musste ich wieder viel über Selbst- und Fremdbestimmung nachdenken. 

„Es war unmöglich, den Gesunden die Logik der Kranken zu erklären, und er hatte nicht die Kraft, es zu versuchen.“ 

Ihr seht, „Ein wenig Leben“ ist ein Buch, das mich hauptsächlich auf der inhaltlichen Ebene sehr beschäftigt hat. Die Handlung ist teilweise sehr spannend, teilweise langatmig und das Ende sagte mir nicht wirklich zu. Der Schreibstil ist feinfühlig, an den richtigen Stellen emotional, zwar etwas ausufernd, aber oft auch packend. Das Beste allerdings sind die Charakterzeichnungen, die das Buch tragen und mich noch heute, mehrere Tage nach Beenden des Buches, beschäftigen. Zwar steht Jude im Mittelpunkt des Geschehens, doch auch die Werdegänge und Dynamiken der anderen Charaktere habe ich sehr gern verfolgt und sie allesamt ins Herz geschlossen.


Im letzten Drittel hat die Handlung des Buches in meinen Augen nachgelassen; dennoch kann ich nicht anders, als es ausnahmslos zu empfehlen. Der Roman begleitet tatsächlich nicht nur „Ein wenig Leben“, sondern ganz schön viel Leben von außergewöhnlichen, tragischen Charakteren, die ins Herz wachsen und nicht mehr rauswollen. Währenddessen werden schöne und parallel – prozentual mehr - sehr schmerzhafte Themen angeschnitten, wie (Kindes-)Missbrauch, Gewalt und selbstverletzendes Verhalten. Yanagihara hat eine Geschichte mit viel Feingefühl geschrieben, die trotzdem ein Hieb in die Magengrube ist. Dennoch hat sie ihre Berechtigung. Ich habe das Buch nicht aus der Hand legen können und bin mir sicher, dass es vielen ähnlich gehen wird wie mir. „Ein wenig Leben“ bekommt von mir 4,5 von 5 Sternen.

3/12/2017

[Monatsrückblick] Februar 2017

Mein Februar war im Vergleich zum Januar ziemlich lesereich - ein bisschen "Ferien" kann ich aus den "Semesterferien" (alias freie-Tage-zum-Hausarbeiten-schreiben) dann doch ziehen. :) 


Gut, zwei davon sind Graphic Novels und an "Die Hälfte der Sonne" hab ich schon vor dem Februar gelesen. Aber auch an "Ein wenig Leben" habe ich mich rangetraut und mindestens die Hälfte im Februar gelesen, was ja auch schon um die 500 Seiten sind. Nützt nichts, kommt trotzdem erst im März-Rückblick. :D Im Februar wurden beendet: 


Gott ist nicht schüchtern - Olga Grjasnowa (309 S.) [Rezension
★★★★☆ (4,5)

Persepolis - Marjane Satrapi (343 S.) 
★★★★☆

Die Hälfte der Sonne - Chimamanda Ngozi Adichie (640 S.) 
★★★☆☆

Adolf total - Walter Moers (271 S.) [Rezension
☆☆☆☆☆

Haarmann - Peer Meter & Isabel Kreitz (175 S.) 
★★★★☆

Bis auf "Adolf total" haben mir eigentlich alle Bücher ziemlich gut gefallen! Auch Neuzugänge gab es natürlich wieder: 


"Persepolis" habe ich, wie ihr seht, direkt verschlungen. Das wollte ich schon sehr lange lesen. "Gegen den Hass" gibt es derzeit bei der Bundeszentrale für politische Bildung für 4,50€, da musste ich auch zuschlagen. Und "Sense & Sensibility" in der Mr. Boddington-Ausgabe, nun, das hatte ich im März 2016 bestellt und es kam nach 11 Monaten dann tatsächlich an - ich hatte die Hoffnung schon lange aufgegeben. :D Jetzt fehlt mir nur noch die Rarität "Pride & Prejudice" in der Ausgabe, dann habe ich alle Exemplare zusammen. Das erweist sich allerdings als schwierige Jagd. 


Wie war euer Februar so? Seid ihr gut in den März gestartet? Ich muss sagen, den Klopper "Ein wenig Leben" beenden zu haben fühlt sich allein schon sehr nach einem Verdienst an. Ich bin demnach jetzt schon zufrieden mit dem Monat. :D In den nächsten Tagen erwartet euch noch die Rezension dazu, genauso wie zu "Die Hälfte der Sonne". Apropos Sonne - dieses Wochenende hat sie sich hier echt von der besten Seite gezeigt. Ich hoffe, das bleibt weiterhin so. <3 

2/24/2017

Rassistisch sind doch nur Nazis.. oder? Warum das und mehr auch für die Buchcommunity relevant ist.

Vor einiger Zeit kündigte ich an, eine Post-Reihe zu verschiedenen Themen zu schreiben, die mit kritischem Denken und demnach auch kritischem Lesen zusammenhängen. Ich habe einiges an Literatur dazu da, wollte alles schön vorbereiten und möglichst geschickt schreiben, aber das beansprucht so viel Zeit, die ich im Moment nicht aufbringen kann, dass die Reihe dann wohl erst in hundert Jahren existieren würde - deshalb schreibe ich jetzt einfach drauf los und freue mich darauf, die Posts mit euch gemeinsam auf- und auszubauen; Ergänzungen, eigene Erfahrungen und weitere Gedanken sind absolut erwünscht. 

Wer mich jetzt schon eine Weile verfolgt, auch hier auf dem Blog, wird vielleicht irgendwie meine Entwicklung mitbekommen haben. Ich war, wie wie vermutlich die meisten hier, natürlich schon immer gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen gewesen, die ich mitbekommen habe. Allerdings habe ich in den letzten Monaten und Jahren viel Neues dazugelernt und blicke seitdem mit anderen, 'geöffneteren' Augen auf die Gesellschaft. Einige betiteln das als "Political Correctness-Wahn" (warum "Wahn" und andere Begrifflichkeiten problematisch sind, werde ich dann demnächst im Post zu Ableism behandeln) und bezeichnen damit die regelmäßige Kritik an Sprache und Strukturen, die rassistisch, sexistisch, ableistisch usw. sind. Allein Gender-Sternchen fallen für einige schon in die Kategorie. 
Mich in mein früheres Ich hineinversetzend, das niemandem Böses wollte, aber einfach zu wenig Wissen hatte, unterstelle ich auch jenen, die irgendwie diese Meinung teilen, erstmal Unwissen statt Böses. Wenn es dann Menschen sind, die sich in ihrem Unwissen nicht weiterbilden wollen, dann ist das wieder eine andere Sache; aber ich bin so naiv, an das Gute in Menschen zu glauben und möchte daher mit dieser Post-Reihe vielleicht ein, zwei Menschen mehr erreichen und ihnen neue Perspektiven ermöglichen. Perspektiven, die für mich, nachdem ich mich damit beschäftigt hatte, die einzig annehmbaren geworden sind. 

Zum Einstieg möchte ich auf Rassismus eingehen. Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich daran, dass wir die Betitelung "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" bekommen hatten. Es wurde außerdem der Rassismus des NS-Regimes zutiefst verurteilt. Aber das ist es eben, was ich aus heutiger Sicht als keine alleinige Lösung betrachte. Natürlich ist das NS-Regime zutiefst zu verurteilen. Aber wir leben in einer postkolonialen und postnationalsozialistischen Gesellschaft. Beides hat das geprägt, was wir heute denken und sagen. Unsere Strukturen sind davon geprägt. Es reicht nicht, mit dem Finger auf etwas zeigend zu sagen, dass das verurteilenswert ist. Vielmehr müssen wir weitergehen und reflektieren. Wir haben alle postkoloniale und postnationalsozialistische Denkweisen verinnerlicht. Wir sind alle rassistisch
Ja, ich habe gerade auch dich rassistisch genannt. Tief durchatmen. Abwehrmechanismen und "Aber ich mag doch Vielfalt!" bringen uns nicht weiter. Genauso wenig wie diese Schul-Auszeichnungen, die ich eben erwähnte. Indem wir das abwehren, weil wir doch keine Rechten, Neonazis, AfDler oder sonst was sind, sorgen wir indirekt dafür, dass wir auch rassistisch bleiben. Don't be that person. 
Was ich sagen will: Wir haben alle Rassismus internalisiert. Zunächst einmal können wir ja nicht mal was dafür; niemand sucht sich aus, wie und wo er*sie geboren wird und wie er*sie sozialisiert wird. Aber wir suchen uns aus, wie wir damit umgehen und ob wir damit weitermachen. 

Dahinter steckt eine strukturalistische Ansicht. Strukturalismus bedeutet, ganz kurz gefasst, dass etwas nicht nur durch individuelle Handlungen geschieht, sondern gesamtgesellschaftlich eine Struktur bildet. Das heißt, es sind nicht nur Beschimpfungen. Dazu gehört auch, dass man ständig anders gemacht wird. Dass man aufgrund seines Namens oder Aussehens bestimmte Zuschreibungen erlebt. Dass man dadurch benachteiligt wird: bei der Arbeit, bei der Wohnungssuche, bei Flugreisen, bei Fahrkartenkontrollen, bei Polizeidurchsuchungen, usw. usf... Es zieht sich durch alle Instanzen und bildet dadurch einen Mechanismus, der ausschließt

Das bedeutet: einerseits geht es nicht nur um einzelne Individuen. Und andererseits ist jedes Individuum daran beteiligt. 

Doing race ist da ein Stichwort. Doing deshalb, weil sogenannte "Rassen" hergestellt werden. Auch wenn sie immer wie natürliche Kategorien behandelt werden, sie sind es nicht. Die Kategorien werden aktiv hergestellt. Das entkräftigt das Argument "Es gibt gar keine 'Rassen' und dadurch keinen Rassismus, wir sind alle gleich" - ja, aber gesellschaftlich eben nicht. Ungleiche gesellschaftliche Stellungen sorgen dafür, dass eben nicht alle gleich sind. Ein weiteres Argument, dem ich immer wieder begegne: "Der Islam ist keine 'Rasse', also ist das kein Rassismus, wenn wir was gegen Muslime sagen" - der Islam bzw. muslimische Menschen werden zu einer "Rasse" gemacht, indem sie mit bestimmten Denk- und Verhaltensmustern besetzt werden. Das heißt, dass Rassismus nicht einmal was mit dem herkömmlichen Verständnis des Begriffs "Rasse" zu tun hat. Rassismus besteht gänzlich aus Konstrukten.
(Edit: Ich wurde gerade noch darauf hingewiesen, dass "Rasse" stets mit Vorsicht zu behandeln ist, weil es im Deutschen anders besetzt ist als das englische race. Hier könnt ihr das nachlesen: *klick*
Den Hinweis verdanke ich diesem sehr empfehlenswerten Account, danke nochmal!)

Und wie erkenne ich jetzt meinen Rassismus? 
Die einfachste Art und Weise: Zuhören und bereit sein, zu reflektieren und zu akzeptieren. Definitionshoheit gewähren. Das heißt: jemand, der*die Rassismuserfahrungen gemacht hat, kann besser beurteilen, was rassistisch ist und hat dadurch eine berechtigtere Stimme. Oft höre ich "Das war aber nicht so gemeint", wenn jemand auf etwas Rassistisches hingewiesen wird. Und ich glaube das. Aber genau darum geht es. Internalisierter Rassismus ist die Norm, nicht die Ausnahme. Die meisten meinen es nicht so. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, wie das Gesagte oder Getane ankommt. Eine gute Absicht rechtfertigt nicht, auf Rassismus zu beharren.

Ich möchte euch ein paar Situationen aus meiner Erfahrung schildern, die es vielleicht deutlicher machen. Zum Beispiel hatte ich bis vor kurzem noch einen türkischen Pass, weil man damals noch die Staatsbürgerschaft der Mutter übernommen hat, auch, wenn man in Deutschland auf die Welt gekommen ist. Mir war das absolut egal, ist doch nur ein Wisch, dachte ich damals. Bei Ausflügen oder Klassenfahrten fiel es aber immer wieder auf, weil ich die einzige war, die so ein Heftlein mit hatte, statt eines normalen Persos. Und irgendwie kam es dann dazu, dass ich immer wieder, wenn es darum ging, von einer Freundin darauf hingewiesen wurde, dass ich doch langsam mal die Staatsbürgerschaft wechseln sollte. Ich sei doch gar nicht wirklich türkisch, ich müsste doch einen deutschen Pass haben. Damals konnte ich das nicht als Rassismus benennen, ich wusste nicht einmal, warum mich diese Aussagen von ihr störten, ich wusste nur, dass sie es taten. Mit ein paar Jahren Abstand ist mir das bewusster. Ich unterstelle ihr keine böse Absicht. Sie wollte mir vielleicht damit sagen "Du bist doch nicht anders, du bist doch Eine von uns". Aber mir gab es das Gefühl, falsch und anders zu sein. Als sei ein türkischer Pass etwas Schlechteres. Und woran erkennt man überhaupt, ob jemand mehr türkisch oder mehr deutsch ist? War ich nicht mehr wie 'die anderen da', weil ich 'gut integriert' war? 

Ein anderes Beispiel ereignete sich erst vor ein paar Wochen an der Uni bei einem meiner Lieblingsdozenten. Wir sprachen über Emilia Galotti und das Ende, in dem Emilias Vater sie tötet, um sie und sich wieder reinzuwaschen - quasi. Dies bezeichnete der Dozent als "eine Art Ehrenmord", was ja in der heutigen westlichen Gesellschaft etwas sehr Befremdliches sei. Das möge für andere Kulturkreise noch anders aussehen, sagte er danach noch, und schaute direkt meine beiden (kopftuchtragenden) Sitznachbarinnen und mich an. Als sei das nicht schlimm genug: Es hat keine*r eingegriffen. Dort saßen lauter Lehramtsstudierende und keine*r hat bemerkt, was dort geschehen war oder aber hat nichts gesagt, warum auch immer. Auch wir haben erstmal nichts sagen können, weil wir wie vor den Kopf gestoßen waren. Es war eine unglaublich unangenehme Situation und ich war Tage danach noch aufgewühlt.
Allerdings haben wir uns nach der Sitzung getraut, zum Dozenten zu gehen und ihn direkt darauf anzusprechen. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass er die Kritik angenommen und verstanden hat, aber wir mussten ihm Erklärung auf Erklärung liefern, warum das Verhalten nicht okay war und warum wir genauso wenig mit "Ehrenmorden" zu tun haben wie vermutlich alle anderen im Raum. Er hat sich am Ende entschuldigt, aber ich glaube nicht, dass er so richtig verstanden hat. Er war in Eile und nicht offen dafür, sich (in dem Moment?) zu reflektieren.

Das waren jetzt zwei Beispiele, die deutlich machen, dass Rassismus sich einerseits nicht auf rechtsradikale Übergriffe beschränkt und anderseits sehr alltäglich ist und vorkommt. 

Was hat das jetzt mit der Buchcommunity zu tun? 
Alles. Wenn jede*r Rassismus verinnerlicht hat, dann spielt auch in allem verinnerlichter Rassismus eine Rolle. Selbst wenn es in einem Buch nicht offenkundig um Konflikte dieser Art geht, könnt ihr so, so vieles beobachten, um festzustellen, ob etwas Rassismus produziert. Sind die "bösen" Charaktere Nicht-Weiße? Sind die Nicht-Weißen in dem Buch klischeehaft dargestellt? Oder generell falsch? Der aller häufigste Fall ist wahrscheinlich, dass ein Buch überhaupt keine Nicht-Weißen Charaktere beinhaltet. Wir nehmen Weißsein als die Norm wahr, hinterfragen das nicht und bilden uns danach unsere Vorstellungen. Bücher mit nur weißen Charakteren (oder nur heterosexuellen oder nur 'gesunden' Charakteren) sind kein realistisches Abbild unserer Gesellschaft. Die bewusste oder unbewusste Entscheidung, Charaktere nur weiß zu gestalten, sagt auch schon viel aus. Warum nicht einfach mal einen Schwarzen Helden in einem High Fantasy-Roman? Elfen, Orks und Einhörner sind für die Vorstellungskraft kein Problem, aber vielfältige Charaktere schon? Ein Charakter muss nicht immer eine Agenda haben, wenn er einfach nicht-weiß ist.
Ein anderes Beispiel: Katniss Everdeen wird in The Hunger Games mit olivfarbener Haut beschrieben. In den Filmen wird sie von einer weißen Schauspielerin dargestellt. Der Begriff dafür ist "White-Washing". Oft werden nicht-weiße Charaktere auch auf den Covers weiß dargestellt. Verkaufen die sich besser? Und wenn ja, was sagt das aus? 

Vielleicht fragt ihr euch noch, was das eigentlich für einen Unterschied macht. 
Was finden wir besonders schön am Lesen? Wenn wir uns identifizieren können und wenn wir auf etwas hinaufblicken können. Jeder Mensch verdient es, genug Identifikationsmöglichkeiten zu haben und nicht als Nicht-Norm zu gelten. Held*innen in Büchern müssen uns alle wiederspiegeln; nicht nur einen Teil von uns. 

Seid einfach wachsam. Lest kritisch. Und hört zu, wenn Betroffene sagen, dass etwas, z.B. ein Buch, Rassistisches beinhaltet. Hinterfragt die Auswahl, hinterfragt, welche Rollen wer übernimmt und was als 'normal' gilt und was nicht. Ich sehe bereits einen positiven Wandel in den aktuellen Veröffentlichungen - es darf gerne noch mehr werden. 

Ich weiß, dass das einigen aus der Community zu 'anstrengend' ist. Sie möchten im Hobby nicht mit der Härte des Lebens konfrontiert werden oder haben irgendwelche anderen Gründe dafür. An dieser Stelle ist es passend, den Begriff der Privilegien einmal aufzugreifen. Es ist ein Privileg, wenn man sich von diesen Themen entfernen kann, weil sie einen nicht betreffen. Jeder Mensch, der in bestimmten Kontexten nicht marginalisiert ist, genießt Privilegien. Weiße Menschen genießen in der Regel die meisten Privilegien, weil sie überall repräsentiert werden und als Norm gelten (Stichwort "White Privilege"). Privilegien zu genießen bedeutet auch, mehr Macht zu haben. Das ist ein Aspekt des Struktur, die ich oben versucht habe, aufzudröseln. Bei dieser Struktur / diesem Mechanismus spielt Macht eine ganz große Rolle. Bestimmte Menschengruppen werden mehr benachteiligt als andere. Warum? Weil die einen mehr Privilegien und Macht genießen als die anderen. Rassismus schließt auch immer Herrschaftsmechanismen und Macht ein. Deshalb ist es kein Rassismus in dem Sinne, wenn ein nicht-weißer Mensch einen weißen Menschen "Kartoffel" nennt, weil dieser weiße Mensch dadurch nicht gesamtgesellschaftlich Benachteiligung erfährt. Stellt es euch mit einer Treppe vor. Weiße Menschen stehen auf der höchsten Treppenstufe, nicht-weiße Menschen weiter unten. Wenn von unten nach oben getreten wird, wird die oben stehende Person nicht mal richtig getroffen. Wenn von oben nach unten getreten wird, fällt die Person jedoch noch tiefer. Sie wird in den meisten Bereichen des Lebens im Vergleich zu weißen Menschen mehr benachteiligt. 

Es ist fast verständlich, dass man, wenn man oben steht, dazu neigt, diese Themen außen vor zu lassen. Aber das wäre anders, würden sie weiter unten stehen. Hier heißt es: Privilegien bewusst machen, reflektieren und gemeinsam mit denen, die diese nicht haben, dafür sorgen, dass sich das ändert. Solange diese Privilegien existieren, ist unsere Gesellschaft nicht frei von Rassismus. 

Okay, das war jetzt sehr viel, sehr chaotisch, sehr knapp und sehr unvollständig. Trotzdem hoffe ich, dass ich einen Anstoß geben konnte und freue mich über jegliches Feedback. Fragen, Ergänzungen, eigene Erfahrungen oder andere Gedanken sind sehr willkommen! Wie steht ihr zu der ganzen Thematik, sowohl generell als auch in Bezug auf die Buchcommunity? Vielleicht habt ihr auch Beispiele für Bücher, in denen euch Rassismus aufgefallen ist? Ich freue mich auf einen regen Austausch.

2/20/2017

[Rezension] "Gott ist nicht schüchtern" - Olga Grjasnowa


Gott ist nicht schüchtern - Olga Grjasnowa - Aufbau Verlag* - 309 S. - 22,00€ - ISBN: 978-3-351-03665-2

Content Note: Tod, Gewalt, Folter, (Sexueller) Missbrauch, Flucht, Trauma

Amal und Hammoudi sind jung, schön und privilegiert, und sie glauben an die Revolution in ihrem Land. Doch plötzlich verlieren sie alles und müssen ums Überleben kämpfen. Sie fliehen. Ein erschütterndes, direktes und unvergessliches Buch.

(Ab hier mit Spoilern:)

Als die syrische Revolution ausbricht, feiert Amal ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und träumt von kommendem Ruhm. Zwei Jahre später wird sie im Ozean treiben, weil das Frachtschiff, auf dem sie nach Europa geschmuggelt werden sollte, untergegangen ist. Sie wird ein Baby retten, das sie fortan ihr Eigen nennen wird. 

Hammoudi hat gerade sein Medizinstudium beendet und eine Stelle im besten Krankenhaus von Paris bekommen. Er fährt nach Damaskus, um die letzten Formalitäten zu erledigen. Noch weiß er nicht, dass er seine Verlobte Claire niemals wiedersehen wird. Dass er mit hundert Wildfremden auf einem winzigen Schlauchboot hocken und darauf hoffen wird, lebend auf Lesbos anzukommen. In Berlin werden sich Amal und Hammoudi wiederbegegnen: zwei Menschen, die alles verloren haben und nun von vorn anfangen müssen. via

Olga Grjasnowa ist eine Autorin, die ich durch „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zu den besten Deutschlands zählen würde. Ihr zweites Werk, „Die juristische Unschärfe einer Ehe“, habe ich bislang zwar übersprungen – es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich auch das Werk lese – doch dass ich jedes ihrer Bücher irgendwann lesen / gelesen haben würde, stand nie in Zweifel. Als ich „Gott ist nicht schüchtern“ entdeckte, war ich demnach sofort Feuer und Flamme, zumal der Inhalt mich ebenso gereizt hat wie die Tatsache, dass es ein Buch von Grjasnowa ist; denn zurzeit sehne ich mich nach Stimmen in der Literatur, die sonst eher weniger gehört werden. Ein kleiner Zweifel bahnte sich trotzdem an, denn ganz nach dem Motto „Own Voices“ wäre ein Roman über die Fluchterfahrungen aus Syrien nochmal etwas anderes, wenn er tatsächlich von Syrer*innen verfasst wäre. Ich bin, was das angeht, nicht auf dem aktuellsten Stand, doch ich hoffe, dass auch diese Stimmen von den Verlagen gehört und verlegt werden.

Trotz dieses kleinen Zweifels war ich überzeugt, dass wenn jemand nicht-Syrisches eine solche Geschichte gut erzählen könnte, es Grjasnowa wäre. In „Der Russe…“ hat sie Feingefühl bewiesen, ebenfalls Fluchterfahrungen geschildert, Traumata thematisiert und gezeigt, dass sie sich in verschiedene Perspektiven und Positionen hineinversetzen kann. Genau das, was bei einem solchen Thema nötig ist. 

Nach dieser zu lang geratenen Einleitung nehme ich mein Urteil vorweg: Der Autorin ist all das mit „Gott ist nicht schüchtern“ ebenfalls gelungen. Durch die Augen eines Mannes und einer Frau, die beide einen westlich-modernen Lebensstil gewöhnt sind, erzählt Grjasnowa von einer zunehmenden Diktatur, von Protesten und Dissens, von Gewalt, von Misstrauen, Willkür, von den verschiedenen Arten, Widerstand zu leisten, aber auch von Tod, Missbrauch, Folter, Entmenschlichung und wie die ganze Welt dabei zusieht. Eindrücklich beschreibt sie die Entwicklung des Bürgerkriegs und die Hilflosigkeit, während auf der einen Seite das Assad-Regime lauert und auf der anderen der IS. Kinder, die überredet und gedrängt werden, sich zu bewaffnen. Machtdemonstrationen und Einschüchterung. Ausweglosigkeit. 

„Die Menschen haben Hunger, und Hunger ist die effektivste Waffe, denn er entmenschlicht.S. 198

Ein großer Teil des Buches spielt sich in Syrien ab, in Damaskus und Deir az-Zour, Teile aber auch im Libanon, der Türkei, Griechenland und Deutschland. Grjasnowa schildert die Flucht, die Schlauchboote, die unechten Rettungswesten und die vielen Tode und Waisen. Bürokratische Erschwernisse kommen genauso zu Wort wie Begegnungen mit Fremdenhass und rechtem Terror. 

„Nach dem Überleben kommt die Bürokratie […].“ S. 251

Grjasnowa hat einen sehr knappen und unaufgeregten Schreibstil, durch den sie trotzdem sehr viel zu transportieren vermag. In diesem Fall hätte ich mir an einigen Stellen doch etwas weniger Knappheit gewünscht und etwas mehr klare Worte statt interpretierbare Leerstellen, doch ich kann die Entscheidung, darauf zu verzichten, dennoch nachvollziehen. Die Tragik der Geschehnisse wird auch ohne dramatische Ausführungen deutlich. Es ist eine von vielen Arten, eine solche Geschichte zu erzählen und wirkt dennoch. Wahrscheinlich ist es auch hier wie bei ihrem Debütroman; den musste ich ein zweites Mal lesen, um die Genialität zu erkennen. Auch hier kann ich mir vorstellen, dass sich mir beim zweiten Lesen ganz andere Sätze und Ereignisse einprägen würden.

„Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist mit jedem Atemzug spürbar.“ S. 281

„Gott ist nicht schüchtern“ erzählt eine von vielen Geschichten, die so oder so ähnlich von Syrer*innen in der heutigen Zeit erlebt wurden und werden. Die Autorin beleuchtet das Leben zweier Menschen, die zunächst ohne große Geldnot leben und westlich-modern und akademisch sind. Die Geschichte deckt damit nur einen Bruchteil der vielen existierenden ab; erhebt aber auch nicht den Anspruch, alles erzählen zu wollen. Dass wir mehr davon brauchen, steht außer Frage. Romane haben ihre ganz eigene Art, einem etwas nahezubringen und Empathie zu erwecken. Dieser macht einen Anfang, einen äußerst gelungenen noch dazu. Ich kann das Buch sehr empfehlen und vergebe 4,5 von 5 Sternen.

Erscheinungstermin ist der 17.03.2017

2/18/2017

[Rezension] "Adolf total" - Walter Moers

Adolf total - Walter Moers - Penguin Verlag* - 272 S. - 15,00€ - ISBN: 978-3328100690

"Wollt ihr den totalen Adolf? Hier ist er!

Darf man sich über Nazis lustig machen? Nein, man muss! So lautete der Slogan zu Walter Moers' erstem Band „Adolf – äch bin wieder da“, mit denen der Hamburger Bestsellerautor bis heute Maßstäbe setzt in der Hitlerparodie. Ihm folgten „Äch bin schon wieder da“ und der legendäre „Bonker“. Jetzt gibt es erstmals alle Moers-Geschichten um die „Nazisau“ in einem Band – mit zusätzlichem Bonusmaterial." via

Darf Satire alles? 
Ich denke, diese Frage können wir alle einstimmig mit „ja“ beantworten – Meinungs- und Pressefreiheit sind Rechte, die es unbedingt zu schützen gilt, immer.

Aber muss Satire deswegen auch alles? 
Hier spalten sich die Geister. Erst letztes Jahr wieder sehr deutlich am Beispiel des Schmähgedichts von Jan Böhmermann. Ja, Satire muss alles dürfen. Aber sie muss nicht alles tun. Und wenn, dann muss sie Kritik aushalten und bestenfalls annehmen. 

Obwohl ich diese Meinung vertrete, wollte ich den Adolf-Comics von Walter Moers eine Chance geben; zum einen, weil ich als Historikerin und angehende Geschichtslehrerin den Einsatz von Comics grundsätzlich spannend finde und diese kennenlernen wollte und zum anderen, weil ich seit „Die Stadt der träumenden Bücher“ ein sehr, sehr hohes Bild von Moers hatte und dachte, dass der Mann doch sicher keinen Murks produzieren kann. 

Ich habe falsch gedacht. 
Humor ist bekanntlich sehr subjektiv, aber ich frage mich tatsächlich, wer an dieser Art von Humor Gefallen findet. Ich möchte mich etwas aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass jene, die es tun, selbst nicht zu einer marginalisierten Gruppe gehören. Denn anders kann ich mir den Erfolg dieser Darstellung von Rassismus, Ableismus und (Hetero-)Sexismus nicht erklären. Oft höre ich das Argument, dass es diskriminierender sei, sich nicht über Minderheiten lustig zu machen, aber dieses Argument ignoriert, dass die einen tagtäglich mit diesen Vorurteilen konfrontiert und benachteiligt werden und die anderen eben nicht. Wenn also von „Schlitzaugen“ und „Negern“ geredet und Goering auf Kosten von transsexuellen Menschen parodiert und vergewaltigt wird, dann kann ich darin lediglich die Reproduktion von etlichen Ismen erkennen und nichts anderes. Hinzu kommt, dass Hitler (und die anderen vorkommenden gefährlichen Menschen) dargestellt werden, als rührten ihre Taten daher, dass sie geistig oder psychisch nicht gesund wären. Nicht nur ist das ableistisch, es ist auch verharmlosend. Es schafft auf Hitler eine Witzfigur, während die Spuren der NS-Zeit noch bis in die heutige Zeit greifen und spätestens seit Pegida, AfD und co wieder blitzaktuell sind. 

Nun könnte argumentiert werden, dass gerade das Lächerlichmachen von Hitler und seinem Gedankengut mit diesen Nachwehen bricht und aufzeigt, dass diese Denkweisen eben nichts anderes sind als lächerlich. Dass sie weder Hand, noch Fuß haben und deswegen nicht ernst genommen werden müssen. Dieses Argument würde ich verstehen, wenn wir gesellschaftlich auch wirklich so weit wären, rechtes Gedankengut als nichts anderes als lächerlich anzusehen. In einer Gesellschaft aber, in der fast täglich Geflüchtetenheime brennen, in der Menschen aufgrund von Hautfarbe, Sexualität, Religion oder anderen Zugehörigkeiten tagtäglich diskriminiert werden, kann ich den Sinn dahinter nicht erkennen, sich darüber lustig zu machen. So weit sind wir einfach nicht. Zumal an den Ereignissen der NS-Diktatur ebenfalls nichts Lächerliches gewesen ist. Es wäre eine Zumutung, zu behaupten, dass so viele Menschen aufgrund von lächerlichen Handlungen auf bestialischste Art und Weise gestorben wären. Nicht Irrationalität prägte die Zeit, es war eine unmenschliche Rationalität, die den Menschen Nummern verpasste. 

Ja, Satire darf alles. Ohne Wenn und Aber. 
Aber sie muss nicht. Und „Adolf total“ ist etwas, das muss erst recht nicht. 
Ich sehe vor mir, wer darüber lachen kann. Menschen deutscher Herkunft, die a) genug von der „Schuldkultur“ haben und die Vergangenheit hinter sich lassen wollen, b) meinen, darin irgendeinen höheren, intellektuellen Sinn zu erkennen und c) rechtes Gedankengut hegen und die Darstellung erfrischend und lustig finden und sich vom Sprachgebrauch inspirieren lassen. Nehmen wir noch die Kategorie d) mit rein, die Jugendliche (und sicher auch Erwachsene) umfasst, die das einfach lustig finden, weil es vulgär und sexualisierend ist, ohne sich mehr Gedanken darum zu machen. 

Als Mensch, der mit anderen Augen auf die Gesellschaft schaut, kann ich diese Art von Humor jedenfalls nicht nachvollziehen und im Grunde auch nicht gutheißen. Ich habe versucht, die Begeisterung nachzuvollziehen; alles, was ich gefunden habe, fügt sich jedoch in meine Kategorien a-d ein. Ein Rezensent jüdischer Herkunft hat es als geschmack- und taktlos beschrieben; dem kann ich mich anschließen. An keiner einzigen Stelle habe ich geschmunzelt, ab Seite 1 habe ich nur kopfschüttelnd gelesen und mich durchgekämpft. Dabei bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass Moers bei Fiktion bleiben sollte; für Politisches ist er nicht die richtige Person. Für eine gelungenere Hitler-Parodie empfehle ich "Er ist wieder da". 

Ich kann leider nicht anders, als die Mindestanzahl an Sternen zu vergeben. Die Lektüre kann ich nicht weiterempfehlen.

Hier noch ein paar Auszüge, damit deutlicher wird, was ich meine. Wenn ich draufklickt, vergrößert sich das Bild.





2/04/2017

[Monatsrückblick] Januar 2017

Meine Hoffnung war eigentlich, dass ich mehr lese, wenn ich mir weniger Druck mache. Im Januar hat das leider noch nicht so wirklich geklappt, aber das ist okay, da die Uni mich mal wieder sehr eingenommen hat. Vom Februar erhoffe ich mir mehr. Jedenfalls habe ich im Januar lediglich ein Hörbuch gehört und ansonsten in "Die Hälfte der Sonne", "Ein wenig Leben" und "Gott ist nicht schüchtern" gelesen, aber nichts davon beendet. Alle drei gefallen mir bisher aber sehr gut und ich greife sehr gern dazu, wenn ich ein bisschen Puffer hab. Das Hörbuch war "Emma" von Jane Austen, gelesen von Eva Mattes (auf Spotify). Parallel habe ich immer mal wieder in der englischen Ausgabe mitgelesen, was mir total gut gefallen hat. Generell war "Emma" ein sehr erheiterndes Buch! Mir gefielen die Charaktere und ihre Färbungen unheimlich gut. Eva Mattes liest zudem sehr angenehm; ich habe schon gesehen, dass auch die anderen Romane von Austen von ihr vertont wurden und werde im Laufe des Jahres hoffentlich noch öfter zu den Hörbüchern greifen. 



Emma - Jane Austen; gelesen von Eva Mattes (476 S.)
★★★☆


Auf den beiden rechten Bildern könnt ihr übrigens ein paar Seiten meines neuen Bullet Journals sehen - ich habe zurzeit große Freude daran, in diesem alles festzuhalten und auch einige buchbezogene Seiten eingebaut. Wenn ihr mehr davon sehen wollt, kann ich gerne einen Beitrag vorbereiten. Lasst es mich wissen. :)



Gekauft habe ich im Januar lediglich ein Buch (The Handmaid's Tale). Eingezogen sind trotzdem sechs. Drei davon waren ein Gewinn von Sandy vom Blog Black Tea Books (Wind, Sand and Stars, The Betrothed und Don't Look Now), eines ein Rezensionsexemplar (Gott ist nicht schüchtern) und eines ein Bücherschrankfund (Wachstumsschmerz). Alle davon reizen mich sehr, allen voran aber The Handmaid's Tale, Wind, Sand and Stars und Wachstumsschmerz. Gott ist nicht schüchtern habe ich inzwischen mit Begeisterung beendet, die Rezension folgt in den nächsten Tagen. Allerdings haben jetzt noch die angefangenen Bücher vom Dezember und Januar Vorrang, bevor ich mich den Neuzugängen widme. 

Wie begann für euch das Jahr, lesetechnisch? Habt ihr schon einige gelesene Bücher zu verbuchen oder macht ihr euch (noch) keinen Druck? Ich wünsche euch einen schönen Februar - auf dass der Frühling und die hellen Tage bald kommen mögen!